Himmler als Zuhälter

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In der Nazi-Gesellschaft war für Sexarbeiterinnen kein Platz, doch die SS zwang Frauen im KZ zur Prostitution. Ein Forscher hat deren Schicksale nun recherchiert.

Die Geschichte des Dritten Reiches gilt als der am besten erforschte Zeitraum in der deutschen Vergangenheit. Doch auch mehr als 60 Jahre nach dem Ende des Hitler-Regimes, entdecken Historiker neue Fakten.

Eine im Juni veröffentlichte Doktorarbeit lenkt nun die öffentliche Aufmerksamkeit auf einen nur wenig bekannten Aspekt der nationalsozialistischen Unterdrückung: Sie schildert das Schicksal von Zwangsprostituierten, die in den Bordellen der Konzentrationslager arbeiten mussten.

Zwar wissen Geschichtswissenschaftler seit Jahren, dass es in zehn Konzentrationslagern sogenannte Sonderbaracken gegeben hat, in denen weibliche KZ-Häftlinge sich im Auftrag der SS prostituieren mussten. Ihre Kunden waren ausschließlich Mithäftlinge, die den Bordellbesuch als Auszeichnung, als Sonderprämie bekamen. SS-Männern war der Besuch des Lagerbordells nicht gestattet. Doch über die Frauen, die dort arbeiten mussten, wusste man bisher kaum etwas.
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Der böhmische Traum

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Die Tschechen und Europa – das ist eine schwierige Geschichte. Wer sie verstehen will, sollte František Palacký kennen: Den Mann, den unsere Nachbarn als Vater der Nation verehren.

Eigentlich wollen sie ausgelassen feiern. Die vergangenen Wochen sind stürmisch gewesen und politisch brisant. Der Mittagstisch im Bürgerlichen Kasino, nah am Prager Rossmarkt, ist reich gedeckt. Die Elite der tschechischen Intellektuellen hat sich an diesem 11. April 1848 hier versammelt, darunter der Dichter Karel Jaromír Erben und der liberale Verleger und Politiker Graf Vojtěch Deym. Der Gastgeber aber heißt František Palacký. Auf den Tag genau vor 25 Jahren ist er nach Prag gekommen, das will er feiern, und natürlich soll auch auf seine Geschichte von Böhmen angestoßen werden, deren erster Band nun endlich auf Tschechisch erschienen ist.

Doch als Palacký eintrifft, bleibt keine Zeit mehr zum Feiern. In der Hand hält er ein Schreiben, das er den Freunden gerne vorlesen möchte, bevor er es abschickt. Es sei von größter Wichtigkeit.

Bis dato hat kaum jemand in Europa Notiz vom Unabhängigkeitsstreben der Tschechen genommen. Das soll sich jetzt ändern, mit diesem Brief. Einige Seiten lang, binnen weniger Stunden verfasst, auf Deutsch, glänzend in Ausdruck und Stil. Der Adressat: Alexander von Soiron, Präsident des Fünfzigerausschusses der entstehenden Frankfurter Nationalversammlung.

»Ich bin kein Deutscher«, schreibt Palacký. »Ich bin ein Böhme slawischen Stammes.« Bei aller Hochachtung für die »Vaterlandsfreunde« in Frankfurt am Main werde er dem Ruf in die Paulskirche, um dort als Abgeordneter an der Verfassung mitzuwirken, nicht nachkommen. Den »großdeutschen Herren« hält Palacký das Gesetz der Gleichheit aller Nationen entgegen. Böhmens Anschluss an Deutschland wäre das Ende einer tschechischen Nation, bevor sie jemals auf Europas Landkarte aufgetaucht ist. Politischer Selbstmord.
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Die Deutsche Welle macht die ehemaligen Grenzanlagen virtuell erfahrbar

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Stolz schwingt in der Stimme von Erik Bettermann mit, dem Intendanten des deutschen Auslandrundfunks Deutsche Welle, als er am Dienstag das „einzigartige Projekt“ seines Hauses vorstellt. Gemeinsam mit Historikern und einer Berliner Medienfirma hat die Rundfunkanstalt einen Teil der Berliner Mauer wieder aufgebaut – virtuell jedenfalls.

So war am Dienstag in der Gedenkstätte Berliner Mauer erstmals die rund zehn minütige Computeranimation „Eingemauert! Die innerdeutsche Grenze“ zu sehen.
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Germanen im Ofen

News in Das Römische Reich 3 Kommentare »
Archäologie
Germanen im Ofen
In einem Töpferofen vor dem Römerlager in Haltern am See entdeckten Forscher die Skelette von 24 Menschen. Jetzt haben sie den merkwürdigen Fund geklärt.

Es muss ein hastiges Begräbnis gewesen sein: Einige Jahre nach Christi Geburt warfen die Bestatter die Leichen von 24 Menschen und einem Hund einfach in einen großen Ofen vor dem Lagertor.

Eine sogenannte Sauerstoff-Strontium-Isotopenanalyse der Zähne ergab: Sechs der ehemaligen Männer zwischen 20 und 50 Jahren stammten aus der näheren Region, vier Personen hatten weite Reisen hinter sich. Sie kamen alle aus der gleichen Gegend, entweder aus dem Schwarzwald oder aus Böhmen, wie man an winzigen Getreidespuren feststellte, die sich in den Zähnen ablagerten.
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Marseillaise - Die Hymne aller Hymnen

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Sie ist das Lied der Französischen Revolution, sie ist das Freiheitslied der ganzen Welt: Die Marseillaise. Ihren Dichter und Komponisten indes umgeben bis heute viele Rätsel und wunderliche Legenden.

Mit einer Pistole in der Faust streunt der Komponist durch Paris. Die Stadt kocht. Nicht wegen der Sommerhitze. Tagelang wurde scharf geschossen, zweitausend Menschen sind umgekommen. Seit dem 29. Juli 1830 ist Paris in den Händen der Aufständischen, der König flieht. Man singt, man sammelt für die Verwundeten, auch Hector Berlioz schließt sich einem Spontanchor an. Bald umdrängt eine begeisterte Menge die Sänger, sie ziehen in den ersten Stock eines Kurzwarengeschäfts nahe dem Louvre und stimmen aus dem Fenster ein Lied an, das von Frankreichs Herrschern seit Napoleon geächtet worden ist. »Schon bei den ersten Takten erstarrt das lärmende Gewimmel zu unseren Füßen und verstummt«, erinnert sich Berlioz. An die fünftausend Leute lauschen ergriffen der Marseillaise. In der vierten Strophe schreit Berlioz: »Verdammt noch mal, singt doch mit!« Was dann folgt, gleicht einer Explosion.
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Der ernsthafte Bohemien

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Erich Mühsam war Dichter und Zeitschriftenherausgeber, Anarchist und ein engagierter Gegner der Nationalsozialisten. Die ermordeten den in Lübeck Aufgewachsenen.
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KZ-Gedenkstätte zeigt Ausstellung über den Dichter

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Zum 75. Todestag des Dichters und Anarchisten Erich Mühsam (1878-1934) zeigt die KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen ab 12. Juli eine Ausstellung über Leben und Werk des NS-Opfers. Auf 40 Tafeln werde mit zahlreichen Fotos und Dokumenten die Biografie des Mitbegründers der Münchner Räterepublik von 1919 nachgezeichnet, teilte die Gedenkstätte am Donnerstag mit. Zu sehen sind auch Objekte wie die Schreibmaschine Mühsams.
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Die seltsame Hinterlassenschaft des Staatsschutzes

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1989 deckte eine parlamentarische Untersuchungskommission auf, dass die Bundesanwaltschaft Hunderttausende politisch aktive Bürger überwacht hatte. Die damals entdeckten Akten lagern im Schweizerischen Bundesarchiv. Wer sie einsehen möchte, braucht Geduld.
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Nachkriegszeit: Eine exotische Region

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Die zwei Geschichten einer Stadt: Wie aus Königsberg nach 1945 das sowjetische Kaliningrad wurde.

Am 30. November 1948 meldet der sowjetische Innenminister Sergej Kruglow der Führung in Moskau Vollzug: Die »Übersiedlung der deutschen Bevölkerung aus dem Gebiet Kaliningrad in die Sowjetische Besatzungszone Deutschlands« sei nunmehr »in der von der Regierung geforderten Frist abgeschlossen«. Seit Beginn der Aktion im Oktober 1947 wurden »insgesamt 102215 Deutsche ausgesiedelt«. Die Geschichte der Deutschen im nördlichen Ostpreußen und in Königsberg schien zu Ende.

Ganz genauso sieht es 1971 der Historiker Fritz Gause, von 1938 bis 1945 Direktor des Stadtgeschichtlichen Museums von Königsberg und nach 1945 in Essen als Lehrer tätig. Seine monumentale Geschichte der Stadt Königsberg in Preußen endet 1948: »Die siebenhundertjährige Geschichte Königsbergs nahmen die Ausreisenden mit in ihr Vaterland. Was sie hinter sich ließen, war Kaliningrad.« Königsberg habe aufgehört zu existieren, und »was mit Kaliningrad geschieht, ist Sache der UdSSR«.

Der sowjetische Innenminister und der deutsche Stadthistoriker waren sich also ausnahmsweise einmal einig: Königsberg gab es nicht mehr. Die neue Stadt, so lautete die Bilanz, und so lautet sie in vielen Darstellungen bis in unsere Tage, hat mit der alten nichts mehr zu tun. Moskau warf sofort alle Deutschen hinaus, und fortan war alles Deutsche tabu.

Heute aber, mehr als sechzig Jahre später, lohnt sich ein neuer Blick. Denn dann erkennt man: Vieles in der Nachkriegsgeschichte der Stadt verlief anders, war weniger eindeutig.
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Ein Traum von einer Insel

News in Zeitalter der Entdeckungen (15. - 18. Jhd.) 6 Kommentare »
Manche Karten verzeichnen auch heute noch Inseln, die schlicht erfunden sind. Sie entsprangen fehlgeleitetem Entdecker-Ehrgeiz - oder auch nur der Rumflasche.

Es ist ein Albtraum für Urlauber - und es könnte jeden treffen: Die Reise zur Trauminsel misslingt, weil das Eiland verschwunden ist. Ein abwegiges Szenario? Keineswegs. Im Golf von Mexiko haben Suchtrupps mit Flugzeugen und Schiffen wochenlang nach Bermeja gefahndet, einer Insel so groß wie Föhr.

Obwohl die Insel auf Seekarten verzeichnet ist, gaben Wissenschaftler der Universität UNAM in Mexiko-Stadt nun das Scheitern der staatlichen Suchmission bekannt. Bei Bermeja handele es sich um eine "Phantominsel".
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Schätze in Bayerns Seen

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Nicht die Briten, die Bayern haben offenbar den Spitzhut erfunden. Die Erkenntnis verdanken Archäologen Fundstücken, die sie in Seen des Alpenvorlandes entdeckten.

Die Hütten grenzten ans Wasser, aber als eines Tages in dem Steinzeitdorf ein Feuer wütete, da wäre sogar die Feuerwehr heute machtlos gewesen. Der Wind trug die tänzelnden Funken auf die Schilfdächer, in Minutenschnelle stand die Siedlung in Flammen. Die Menschen irrten verzweifelt umher, packten ihre Kinder, ergriffen keuchend die Flucht. Derlei Feuersbrünste waren vor 5500Jahren eine ständige Gefahr, eine dieser Katastrophen können wir sogar aufs Jahr genau datieren.

Im Jahr 3961 vor Christus brannte ein Dorf im Westen von München nieder - es war in der im Landkreis Landsberg gelegenen Gemarkung Pestenacker auf Pfählen erbaut. Obwohl der Lauf der Geschichte vieles vergessen macht, holt die moderne Wissenschaft mit einer an Zauberei grenzenden Methodik manches wieder ans Tageslicht, was als unwiederbringlich verloren galt.
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Der große Flug vor dem «kleinen Schritt»

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Das Unternehmen Mondlandung gipfelte in dem berühmten Schritt von Neil Armstrong, begeistert beobachtet von Millionen TV-Zuschauern. Vor genau 40 Jahren hob das Raumschiff «Apollo 11» von der Erde ab.
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Endete der Neandertaler in unseren Mägen?

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Zu der Frage, woran der Neandertaler starb, gibt es eine erstaunliche neue These: Der moderne Mensch könnte ihn verspeist haben.

Es ist gar nicht so lange her, dass der moderne Mensch und der Neandertaler gleichzeitig in Europa lebten. Was wäre, wenn es beide Menschen-Arten noch heute gäbe? Wären Homo sapiens und Neandertaler Nachbarn im Reihenhaus in Castrop-Rauxel und würden sich zur Teamsitzung im Büro treffen? Würden Menschen Neandertaler als Sklaven halten? Oder sie neben Schimpansen und Orang-Utans im Zoo bestaunen?

An friedliche Koexistenz glaubt Fernando Rozzi jedenfalls nicht. Der Anthropologe vom Centre National de la Recherche Scientifique in Paris hat nämlich an einem alten Knochen neue Spuren entdeckt (Journal of Anthropological Sciences, Bd.87, S.153). Aus diesen schließt er, dass Homo sapiens den Neandertaler aufgegessen hat. Zumindest manchmal.
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Zehntausende Jahre Einsamkeit

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Weshalb starb der Neandertaler aus? Ein Erbgutvergleich von sechs Skeletten der Urmenschen könnte die lange gesuchte Erklärung liefern.

Es war offensichtlich die extrem geringe "Bevölkerungsdichte" des Kontinents, die für die Neandertaler das bislang rätselhafte Ende ihrer Art bedeutet hat: Wohl kaum mehr als 7000 bis allerhöchstens 10.000 dieser frühen Menschen haben in der Spätphase der Neandertaler-Epoche gleichenzeitig Europa besiedelt.
Dies ist eines der überraschenden Ergebnisse der bisher umfangreichsten Neandertaler-Gen-Studie, die an diesem Freitag im US- Fachjournal Science (Bd. 325, S. 318) erscheint.

Seuchen oder schlechte Ernährungsbedingungen hätten damit ein ganz leichtes Spiel bei der Ausrottung der Neandertaler gehabt, meint der Bonner Urgeschichtler Ralf Schmitz als Mitautor der Studie: "Dann ist so eine kleine Population empfindlich und auf einmal sang- und klanglos verschwunden."
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Lyrik und Moral

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Viele behaupten, Stefan George habe Claus Schenk Graf von Stauffenberg zum Attentat auf Hitler ermutigt. Das ist ein Irrtum.

Ein Gespenst geht um in den deutschen Feuilletons – das Gespenst von Stefan George. Vor Kurzem noch hätte es niemand für möglich gehalten, dass der Meister eine so brausend gefeierte Auferstehung jemals erleben könnte. Nachdem ich mich 1994 anschickte, die erste, nicht von einem Adepten verfasste Biografie über George zu schreiben, bin ich immer wieder misstrauisch gefragt worden: »Warum?«

Es bleibt eine gute Frage. Warum schreibt man über den Dichter, der wie kein anderer eben dasjenige so furchtbar vorzuzeichnen schien, was Deutschland in den Abgrund trieb? »Euch all trifft tod«, hat er eisig gepredigt. »Schon eure zahl ist frevel« lautet die wenig Trost spendende Begründung. Allzu oft begegnet man bei George Versen, die einem blutigen Strafgericht gleichen: »Zehntausend muss der heilige wahnsinn schlagen«, verkündet die zischende poetische Stimme. »Zehntausend muss die heilige seuche raffen / Zehntausende der heilige krieg.« Auch das »ärgste«, was es gäbe – die »Blutschmach« –, soll mit ärgsten Mitteln bekämpft werden: »Stämme / Die sie begehn sind wahllos auszurotten.«

Das sind bekannte, berüchtigte Zeilen. Doch was sie genau bedeuten, scheint sich nach wie vor eines weniger geläufigen Einvernehmens zu erfreuen. Die alte Gewissheit, dass George und seine Ideologie maßgebliche Wegbereiter waren für genau das Verhängnis, das er vorauszuahnen vorgab, weicht einer neuen Nachsicht. Heute werden seine düsteren Beschwörungen von Totschlag und Zerfall eher als warnender Mahnruf verstanden. Und doch: Die Unsicherheit, ob George eine gefährliche Verherrlichung der skrupellosesten Machtausübung lieferte oder nur kalten Auges das Teuflische an die Wand malte, ändert nichts an der Tatsache, dass seine Gedichte einige der schrecklichsten Visionen von Grausamkeit und Vernichtung bergen, die die abendländische Literatur aufzubieten hat.

Der jüngste Versuch, George wieder salonfähig zu machen, wenn nicht als Leitfigur einer untergegangenen Kultur, so doch als Beihelfer einer bewundernswerten Tat, kommt aus der Feder seines neuesten Biografen Thomas Karlauf. Die These lautet: George und seine Ideale hätten Claus Schenk Graf von Stauffenberg am 20. Juli 1944 zum Attentat auf Hitler angespornt und ermutigt.
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Es rappelt in der Kiste: Negativ-Filmrollen von Robert Capa aufgetaucht

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… aber sonst tut sich nicht viel. Die neu aufgetauchten Fotos des berühmten Kriegsfotografen Robert Capa aus dem Spanischen Bürgerkrieg sind vor allem eines: noch nicht völlig aufgetaucht.

Jetzt schon genauso spektakulär wie die Motive, die wohl auf den Fotos zu sehen sein werden, ist die Geschichte der Negative dieser Fotos. Es ist die Geschichte einer Odyssee. Sie führt von Paris nach Marseille und schließlich nach Mexiko-Stadt, wo die Negative bei einem mexikanischen General und Diplomaten auftauchten, der unter Pancho Villa diente. Dauer dieser Weltreise: 68 Jahre. Und niemand wusste, dass sie überhaupt stattgefunden hatte.

Denn die mehr als 3000 Negative, von denen hier die Rede ist, galten als verschollen. Der Fotograf selber hielt sie für verschollen. Der Fotograf ist Robert Capa, der wohl berühmteste Kriegsfotograf der Geschichte.

Capa, der sein bis dahin entstandenes Werk 1939 in Paris zurückließ, weil er vor den Nazis fliehen musste, emigrierte in die USA und fotografierte später als Kriegsberichterstatter unter anderem die Landung amerikanischer Soldaten in der Normandie im Juni 1944. 1954 wurde er in Vietnam von einer Mine getötet.

Capa ist Urheber jenes 1936 entstandenen hochdramatischen Fotos aus dem spanischen Bürgerkrieg, das einen tödlich getroffenen Soldaten im Moment seines Zusammenbruchs zeigt. Das Bild des Milizionärs, das 1937 an der Front nahe Córdoba aufgenommen wurde, hat immer schon Diskussionen darüber ausgelöst, ob es sich tatsächlich um das dokumentarische Foto eines Opfers oder um eine nachgestellte Szene handelt. Bislang sind an die 500 Capa-Fotos aus diesem Bürgerkrieg dokumentiert.
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Ich hatt' einen Kameraden: Capas Kriegsfoto - nur gestellt?

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Moment der Wahrheit und neue Vorwürfe: Was ist eigentlich noch echt am berühmten Foto "Loyalistischer Soldat im Moment seines Todes" von Robert Capa?
[img]http://pix.sueddeutsche.de/kultur/646/481120/capagr-1248013934.jpg[/img]
"Die Wahrheit ist eine Kategorie, die sich im gleichen Maße verändert, wie wir neue Kenntnisse erlangen‘‘, schreibt der mexikanische Schriftsteller Juan Villoro. Der Anlass dafür ist, dass der bisherige Wissensstand zu "Loyalistischer Soldat im Moment seines Todes"- dem legendären Foto des gleichsam legendären Kriegsfotografen Robert Capa aus dem Spanischen Bürgerkrieg (1936-1939) - um ein Detail erweitert worden ist. Die Tageszeitung El Periódico de Catalunya, die in Barcelona erscheint, ermittelte durch - wie sie schreibt - eigene Recherchen, wo das Foto geschossen wurde: vor den Toren eines kleinen, andalusischen Örtchens mit dem schönen Namen Espejo, der auf Deutsch "Spiegel" bedeutet und in der Provinz Córdoba liegt. Allerdings geht diese Neuigkeit, die El Periódico als Weltsensation in Szene setzte, auf José Manuel Susperregui zurück, einem spanischen Akademiker, der Espejo in seinem in diesem Sommer erschienenen Buch "Sombras de la fotografía" (Schatten der Fotografie) genannt hat.

Belegt wird dies nun durch einen Abgleich dieser und ähnlicher Capa-Fotos mit aktuellen Landschaftsaufnahmen aus Espejo. Sie beweisen, dass die schon öfter bezweifelte Annahme, Capas Foto sei im 50 Kilometer entfernten Cerro Muriano entstanden, auf einem kompletten Irrtum beruhen dürfte. Einerseits. Andererseits lassen sie auch die Zweifel an der Authentizität des Bildes ins Unermessliche wachsen. Die Debatte darum geht bereits auf das Jahr 1975 zurück, als Philip Knigthley den 1954 an der Front in Indochina umgekommenen Capa des Fakes bezichtigte. Seither ist die Diskussion um "Loyalistischer Soldat im Moment seines Todes" nicht abgerissen.
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Die neue Weltordnung

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»Von der Freiheit der Meere«: Vor 400 Jahren erschien die berühmte Schrift des Hugo Grotius, erster Baustein seines Werkes, mit dem er das Völkerrecht begründete. Ein Porträt des niederländischen Diplomaten und Gelehrten

Ein Sohn aus gutem Hause. Sein Vater war Patrizier in Delft, später Bürgermeister der Stadt, ein hochgebildeter Mann und einer der Kuratoren der neuen Universität Leiden. Sie war gegründet worden am Anfang des Freiheitskampfes der Niederlande gegen die Spanier. 1568 begann er, dauerte 80 Jahre und wurde erst beendet mit der allgemeinen völkerrechtlichen Anerkennung des neuen Staats im Westfälischen Frieden zu Münster und Osnabrück, mit dem auch der Dreißigjährige Krieg in Deutschland endlich vorüber war.

Das 17. Jahrhundert wurde für die Niederlande zu ihrer großen Zeit. Sie waren führend in der Landwirtschaft, hatten sich einen beachtlichen Kolonialbesitz erworben und verfügten über eine Flotte, größer als die englische. Es ist auch das Goldene Jahrhundert ihrer Wissenschaft, ihrer Kunst. Selten nur in der Geschichte hat die Menschheit in so kurzer Zeit auf so begrenztem Raum so viele Genies der Malerei hervorgebracht wie damals: Rembrandt und Lievens, Frans Hals und Vermeer, Willem Kalf, van Goyen, Terborch und Fabritius, Jan Steen, Gerard Dou, die Ruysdaels und viele mehr.
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Zu den großen Niederländern der Zeit gehört auch jener Sohn aus gutem Delfter Hause, Huigh de Groot, der sich bald lateinisch Hugo Grotius nannte, 1583 geboren. Auch er ist weltberühmt geworden. Ein Jurist, den man noch heute Vater des modernen Völkerrechts nennt und den Begründer des klassischen Naturrechts. 1609, vor 400 Jahren, veröffentlichte er das Werk, dessen Titel fast noch bekannter wurde als der Name seines Autors: Mare Liberum – Von der Freiheit der Meere. Ein Werklein in lateinischer Sprache, gerade mal 36 Seiten, mit dem er den Anspruch der Spanier und Portugiesen auf ein Monopol im Kolonialhandel zurückweist und das Recht des jungen niederländischen Staates auf freie Schifffahrt und freien Handel verteidigt. Das Meer gehöre niemand, jeder könne es befahren und nutzen. Die Schrift, ursprünglich im Auftrag niederländischer Handelsherren entstanden, zeigt schon beim jungen Grotius die große Begabung, juristische Konstruktionen in den Dienst einer politisch wirksamen Rechtsüberzeugung zu stellen. Mare Liberum erschien anonym und wurde heftig diskutiert, der Papst stellte es sofort auf den Index. Grotius aber arbeitete weiter an seinen Ideen und entfaltete sie schließlich 1625 in seinem großen Buch De Iure Belli ac Pacis (Über das Recht des Krieges und des Friedens), das Grundlage der Völkerrechtsordnung werden und bleiben sollte – bis heute.
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Gräber unter Zement

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Über dem Grab einer Frau erhebt sich ein Fahrstuhl: In Cagliari ist die bedeutendste punische Nekropole des Mittelmeerraums von einem Immobilienprojekt bedroht.

Wenn Städte vor Schmerzen schreien könnten, müsste man sich in Cagliari die Ohren zuhalten. Den Körper der Regionalhauptstadt von Sardinien hat eine ungebremste Bauwut zerschunden, und seine landschaftliche Schönheit ist in den vergangenen Jahrzehnten vergewaltigt worden. Jetzt bedroht ein zweifelhaftes Immobilienprojekt sogar die punische Nekropole auf dem felsigen Hügel Tuvixeddu.

Das ist die größte Totenstadt aus der Glanzzeit Karthagos, die sich im gesamten Mittelmeerraum erhalten hat. Rund 300.000 Kubikmeter Baumasse sollen sich über dem bislang unberührten Ort am Westrand von Cagliari erheben. Lediglich eine kleine archäologische Ausgrabungsstätte soll frei bleiben; sie wird dann quasi zum Hinterhof einer Wohnanlage mutieren. Daneben aber, auf dem Totenhügel mit seinen frühantiken Grabanlagen, wird ein Stadtpark mit Spielplatz und Fitness-Parcours entstehen. Das Projekt ist von der Stadt Cagliari, von der Region Sardinien und von einem privaten Investor bereits vor neun Jahren beschlossen worden.
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Unterhachings China-Connection

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Im oberbayerischen Unterhaching handelten die Mächtigen schon im 5. Jahrhundert mit Preziosen aus Indien und China - wie die Auswerung von Grabfunden ergab.

Vor vier Jahren sind beim Bau eines Bauernhofs im Münchner Nachbarort Unterhaching zehn Gräber aus dem 5. Jahrhundert zum Vorschein gekommen. Schnell ahnten die Archäologen, dass sich dieser Fund als außergewöhnlich erweisen könnte. Die Gräber waren von Plünderern verschont geblieben, die Beigaben fielen aus dem gewohnten Rahmen.

[img]http://pix.sueddeutsche.de/wissen/264/474777/unterhaching_400ddp-1246031437.jpg[/img]

Nach jahrelangen Untersuchungen und Analysen stellte sich nun heraus, dass tatsächlich ein Sensationsfund vorliegt, der ein strahlendes Licht auf eine ziemlich im Dunklen liegende Zeit wirft. "Die Grabbeigaben stellen alle bisherigen Funde in Bayern aus dieser Zeit in den Schatten", sagt Jochen Haberstroh vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege.

Noch längst ist der Fundkomplex nicht vollständig ausgewertet, aber eines steht fest: Einige Familien, die vor 1500 Jahren am Hachinger Bach gewohnt haben, importierten bereits damals Stoffe und Schmuck aus China und Indien. Noch bevor sich also die ersten Bajuwaren breitmachten, sind in Oberbayern bereits Spuren einer frühen Globalisierung und weitreichender Handelsbeziehungen erkennbar. Außerdem lassen die Grabbeigaben keinen Zweifel daran, dass die Toten aus Unterhaching Christen waren - lange bevor iro-schottische Wandermissionare ins Land reisten, um die Bayern zu bekehren.
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Frühe Fischliebhaber

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Bereits vor 40.000 Jahren aßen Menschen regelmäßig Fisch - obwohl sie höchstwahrscheinlich keine Fangwerkzeuge hatten.

Bereits vor 40.000 Jahren hatten Menschen regelmäßig frischen Fisch auf der Speisekarte. Darauf deuten zumindest Messergebnisse hin, die ein internationales Forscherteam um den Bioarchäologen Michael Richards vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig in der Fachzeitschrift PNAS (online) veröffentlich hat.

Die Wissenschaftler ermittelten dazu das Verhältnis von Stickstoff- und Schwefelisotopen im Knochenkollagen von Überresten eines Skeletts, das bereits im Jahre 2003 in der Tianyuan Höhle auf dem Stadtgebiet von Peking gefunden worden war.

Erhöhte Stickstoff-Werte deuten nach Angaben der Forscher auf eine Diät, die reich an tierischen Eiweißen war. Der "Tianyuan-1" getaufte Höhlenbewohner habe vermutlich besonders viel Süßwasserfisch gegessen.

"Unsere Studie liefert den ersten Beweis dafür, dass frühe moderne Menschen in China Süßwasserressourcen als Nahrungsgrundlage genutzt haben", erläutert Richards. "Dies ändert unser Verständnis von der Lebensweise und Demographie unserer Vorfahren."

So bestätige die Studie, dass die Nahrungsmittelressourcen damals knapp gewesen sein müssen und wahrscheinlich ein Grund für die Expansion des Menschen nach Europa waren. Da Archäologen bislang keine Fischfangwerkzeuge aus dieser Zeit gefunden haben, müssen die damals lebenden Menschen einen beträchtlichen Aufwand getrieben haben, um an ihre Beute zu kommen.
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Archäologie in Irak: Der Banausen-Bau zu Babel

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Für Schäden an der Stätte des antiken Babylons werden gerne die Invasoren des Iraks verantwortlich gemacht. Schlimmer als die Soldaten aber wüteten die Restauratoren Saddams, dort, wo vor knapp 4000 Jahren der Palast des babylonischen Königs Nebukadnezar stand, ließ Saddam Hussein eine plumpe Rekonstruktion errichten.

Gibt es Babylon überhaupt? Gibt es den Turm, in dem sich die Sprachen verwirrten, die Hängenden Gärten, in denen die von Heimweh geplagte Amytis wandelte, und den Palast, in dem Nebukadnezar zu Kreuze kroch, in dem eine Geisterhand Belsazar den Niedergang seines Reiches prophezeite und Alexander der Große dem Fieber erlag?

Die Hitze saugt, wie ein gigantischer Schwamm, alle Feuchtigkeit aus dem Land. In grobe Tücher gehüllte Frauen kratzen gebeugten Rückens Salz aus ausgedörrten Lachen. Eine gesprengte Brücke, Militärkolonnen. Zwei Stunden südlich von Bagdad gibt es an der Stadteinfahrt von Hilla 20 Minuten Aufenthalt. Aufgeregtes Stimmengescherbel aus Sprechfunkgeräten, der Polizeichef des Gouvernements muss sein Okay zur Weiterfahrt geben.
Wir biegen in eine Landstraße ein, vorbei an mittelalterlich anmutenden Ziegelbrennereien. Vermummte Arbeiter bewegen sich wie Schattenrisse vor dem gelborangefarbenen Schein der Brennöfen. Wir passieren Ruinen, die eher Steinhaufen als Resten antiker Bauten gleichen. Ein Gittertor, der Kontrollpunkt der Polizei zum Schutz archäologischer Stätten. Kurz danach halten wir vor dem Ischtar-Tor.

Was für ein Wunderwerk! Weiße und goldene Tierskulpturen und Mythenwesen auf einer blauen Ziegelwand, ein intarsienverziertes Inbild von Reichtum und Macht. Dem im 5. vorchristlichen Jahrhundert lebenden griechischen Chronisten Herodot zufolge war es eines von hundert Toren in einer 86 Kilometer langen Stadtmauer, die so hoch war wie ein Haus und so breit, dass darauf zwei Streitwagen nebeneinander herfahren konnten. Beim zweiten Hinsehen stellt man ernüchtert fest, dass es sich – beim Tor wie bei den Mauern – um vom Sonnenlicht verschossene Kopien handelt.
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(C) Daniel Oswald