Jul 21
Lyrik und Moral
News in Kultur- und Philosophiegeschichte Noch keine Kommentare »Viele behaupten, Stefan George habe Claus Schenk Graf von Stauffenberg zum Attentat auf Hitler ermutigt. Das ist ein Irrtum.
Ein Gespenst geht um in den deutschen Feuilletons – das Gespenst von Stefan George. Vor Kurzem noch hätte es niemand für möglich gehalten, dass der Meister eine so brausend gefeierte Auferstehung jemals erleben könnte. Nachdem ich mich 1994 anschickte, die erste, nicht von einem Adepten verfasste Biografie über George zu schreiben, bin ich immer wieder misstrauisch gefragt worden: »Warum?«
Es bleibt eine gute Frage. Warum schreibt man über den Dichter, der wie kein anderer eben dasjenige so furchtbar vorzuzeichnen schien, was Deutschland in den Abgrund trieb? »Euch all trifft tod«, hat er eisig gepredigt. »Schon eure zahl ist frevel« lautet die wenig Trost spendende Begründung. Allzu oft begegnet man bei George Versen, die einem blutigen Strafgericht gleichen: »Zehntausend muss der heilige wahnsinn schlagen«, verkündet die zischende poetische Stimme. »Zehntausend muss die heilige seuche raffen / Zehntausende der heilige krieg.« Auch das »ärgste«, was es gäbe – die »Blutschmach« –, soll mit ärgsten Mitteln bekämpft werden: »Stämme / Die sie begehn sind wahllos auszurotten.«
Das sind bekannte, berüchtigte Zeilen. Doch was sie genau bedeuten, scheint sich nach wie vor eines weniger geläufigen Einvernehmens zu erfreuen. Die alte Gewissheit, dass George und seine Ideologie maßgebliche Wegbereiter waren für genau das Verhängnis, das er vorauszuahnen vorgab, weicht einer neuen Nachsicht. Heute werden seine düsteren Beschwörungen von Totschlag und Zerfall eher als warnender Mahnruf verstanden. Und doch: Die Unsicherheit, ob George eine gefährliche Verherrlichung der skrupellosesten Machtausübung lieferte oder nur kalten Auges das Teuflische an die Wand malte, ändert nichts an der Tatsache, dass seine Gedichte einige der schrecklichsten Visionen von Grausamkeit und Vernichtung bergen, die die abendländische Literatur aufzubieten hat.
Der jüngste Versuch, George wieder salonfähig zu machen, wenn nicht als Leitfigur einer untergegangenen Kultur, so doch als Beihelfer einer bewundernswerten Tat, kommt aus der Feder seines neuesten Biografen Thomas Karlauf. Die These lautet: George und seine Ideale hätten Claus Schenk Graf von Stauffenberg am 20. Juli 1944 zum Attentat auf Hitler angespornt und ermutigt.
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Ein Gespenst geht um in den deutschen Feuilletons – das Gespenst von Stefan George. Vor Kurzem noch hätte es niemand für möglich gehalten, dass der Meister eine so brausend gefeierte Auferstehung jemals erleben könnte. Nachdem ich mich 1994 anschickte, die erste, nicht von einem Adepten verfasste Biografie über George zu schreiben, bin ich immer wieder misstrauisch gefragt worden: »Warum?«
Es bleibt eine gute Frage. Warum schreibt man über den Dichter, der wie kein anderer eben dasjenige so furchtbar vorzuzeichnen schien, was Deutschland in den Abgrund trieb? »Euch all trifft tod«, hat er eisig gepredigt. »Schon eure zahl ist frevel« lautet die wenig Trost spendende Begründung. Allzu oft begegnet man bei George Versen, die einem blutigen Strafgericht gleichen: »Zehntausend muss der heilige wahnsinn schlagen«, verkündet die zischende poetische Stimme. »Zehntausend muss die heilige seuche raffen / Zehntausende der heilige krieg.« Auch das »ärgste«, was es gäbe – die »Blutschmach« –, soll mit ärgsten Mitteln bekämpft werden: »Stämme / Die sie begehn sind wahllos auszurotten.«
Das sind bekannte, berüchtigte Zeilen. Doch was sie genau bedeuten, scheint sich nach wie vor eines weniger geläufigen Einvernehmens zu erfreuen. Die alte Gewissheit, dass George und seine Ideologie maßgebliche Wegbereiter waren für genau das Verhängnis, das er vorauszuahnen vorgab, weicht einer neuen Nachsicht. Heute werden seine düsteren Beschwörungen von Totschlag und Zerfall eher als warnender Mahnruf verstanden. Und doch: Die Unsicherheit, ob George eine gefährliche Verherrlichung der skrupellosesten Machtausübung lieferte oder nur kalten Auges das Teuflische an die Wand malte, ändert nichts an der Tatsache, dass seine Gedichte einige der schrecklichsten Visionen von Grausamkeit und Vernichtung bergen, die die abendländische Literatur aufzubieten hat.
Der jüngste Versuch, George wieder salonfähig zu machen, wenn nicht als Leitfigur einer untergegangenen Kultur, so doch als Beihelfer einer bewundernswerten Tat, kommt aus der Feder seines neuesten Biografen Thomas Karlauf. Die These lautet: George und seine Ideale hätten Claus Schenk Graf von Stauffenberg am 20. Juli 1944 zum Attentat auf Hitler angespornt und ermutigt.
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