Diesseits von Eden

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Keiner der vier Evangelisten hat Jesus persönlich gekannt. Thomas Mann ist Goethe nie begegnet. Frank Schäfer war nicht in Woodstock. Dennoch, vielleicht deswegen fabrizierten sie passable Texte zum jeweiligen Thema. Und nun mal langsam.

Frank Schäfer, Braunschweiger Jahrgang 1966, ist etwa Lesern des Rolling Stone als umtriebiger Flaneur zwischen Pop und Literatur bekannt. Auf ein Buch mit dem Titel Woodstock ´69. Die Legende hat man trotzdem nicht brennend gewartet. Ein Verdacht liegt nahe: Jubiläumsprosa. Das Woodstock-Festival respektive "die Legende" wird in diesem Sommer 40 Jahre alt. Man kennt den Film, die Musik von Jimi Hendrix & Co. und hat alles archiviert unter "liebgewordene Erinnerung". Und nun kommt einer und rekonstruiert das Festival noch mal, dass man sich festliest, als wäre man dabei. Warum?
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Weil man dabei war. Woodstocks kulturgeschichtliche Bedeutung ist ungebrochen, seine audiovisuelle Prominenz immer noch gegenwärtig. Jeder Rockfan über vierzig hat Woodstock in seiner Biografie. Unzählige ließen diese Musik ganz nahe an sich heran; später spürten sie Abstand und mit dem eigenen Altern auch das der Musik. Irgendwann enden Ich-Findung und Selbstausdruck via Rockmusik, doch als juveniles Fronterlebnis bleiben die wilden Zeiten ein Kernstück der Lebensgeschichten. Woodstock machte sie simultan sie und schuf damit eine Generation.
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Matsch & Mythos - 40 Jahre Woodstock

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Eigentlich konnte es nur schiefgehen: unfähige Organisatoren, viel zu wenig Essen, die Musiker im Stau und nichts als Regen. Warum Woodstock trotzdem zur Legende wurde.

Als Mr. und Mrs. Filippini dämmert, was an diesem 15. August 1969 auf sie zukommt, ist es zu spät. Die Anfahrtswege zu ihrer Farm in White Lake sind verstopft. So weit das Auge reicht, karren Menschen Zelte, Schlafsäcke und Decken heran und parken ihre Autos auf Weideland. Mister Filippini hat sich auf seine Veranda zurückgezogen, die Flinte auf dem Schoß. Im oberen Stockwerk ist ein Enkel auf Posten, soll Alarm schlagen, falls sich jemand dem Haus nähert.

Doch selbst wenn William Filippini früher begriffen hätte, was sich hinter der Ankündigung "An Aquarian Exposition – 3 Days of Peace & Music" verbarg, was hätte er schon ausrichten können? Er ist doch nur der Nachbar – der Nachbar von Max Yasgur, einem Milchmogul mit 240 Hektar Land und tausend Kühen, einem der reichsten Farmer der Gegend.

Yasgur geht als "Engel von Woodstock" in die Popgeschichte ein, sogar ein Lied wird ihm gewidmet (Yasgurs Farm), doch für seine Nachbarn ist er der Teufel. Er war schuld an alledem, er hatte seine weitläufigen Wiesen 100 Meilen nördlich von New York City für 57.000 Dollar an ein paar Geschäftsleute verpachtet. Wobei, nur zwei von denen schienen Banker zu sein, die anderen beiden sahen mit ihrem wild-lockigen Haar eher wie Drogenhändler aus.
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Ach, Siena!

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Europas moderne Demokratie speist sich aus vielen Quellen. Zu ihnen gehören Italiens Stadtrepubliken. Daran erinnert jetzt die viel geliebte Stadt Siena in der Toskana. Sie feiert in den kommenden acht Monaten, von September dieses Jahres bis zum Mai 2010, den 700. Geburtstag ihrer Verfassung. Genau genommen ist diese Verfassung sogar noch um einiges älter, 1296 war die Constitutio auf Lateinisch erschienen. Aber ins Italienische übersetzt – und damit auf ganz neue Weise wirksam und verpflichtend – wurde sie erst in jenem historischen Sommer von 1309.

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Damals hatten die Stadtväter von Siena nämlich nicht nur die Übersetzung des kostbaren Dokuments verfügt, das alle Rechte und Pflichten für Adelige, Bürger und Behörden festlegt und zahlreiche Vorschriften fürs städtische Leben enthält (wie zum Straßenverkehr und zur Hygiene). Sondern sie bestimmten auch, dass diese Übersetzung in einem Saal des Palazzo Pubblico ausgestellt wurde. Damit niemand das Werk klaute, sicherte man es, wie bei wertvollen Büchern damals üblich, mit einer Kette.
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(C) Daniel Oswald