Zwischen Himmel und Hölle

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Das Mittelalter war eine Zeit voller Widersprüche: Der Historiker Johannes Fried über die Zumutungen des Alltags, den Aufstieg der Städte und die Geburt der Wissenschaft aus dem Geist der Apokalypse.[/b]

[b]ZEIT Geschichte[/b]: Herr Fried, Sie kennen das Mittelalter wie kaum ein anderer. Hätten Sie gerne damals gelebt?

[b]Johannes Fried[/b]: Um Himmels willen! Der entsetzliche Schmutz, der Gestank, man müsste sein gesamtes Sinnessystem zurückentwickeln, um das auszuhalten. Wir leben ja heute in einer beinah gestankfreien Welt. Die Menschen damals haben sich hingegen nicht wie wir täglich gewaschen; das Alltagsgewand war vielfältig geflickt, darin schlief man, arbeitete man, schwitzte man, fror man. Das stank! Die Abfallgrube? Na, gleich hinterm Haus. Das stank! Abtritte? Klatsch, klatsch, klatsch machte das, in Schlössern einfach runter an der Außenmauer. Das stank! Und dann das Reisen. Sie wollen von hier nach da? – Also los: auf Schusters Rappen. Vielleicht werden Sie mal ein Stückchen mit dem Pferdefuhrwerk mitgenommen. Und falls Sie selbst ein Pferd haben, Vorsicht: Nicht dass es von der Wiese der Bauern frisst, da kommt die Bauernschaft und schlägt Sie halb tot. Dazu die Kleinheit der Welt, die vielen Abhängigkeiten. Und wenn Sie in die Kirche gehen, da stehen Sie, da gibt’s keine Stühle. Dann das Essen, pfui Teufel, das schmeckt doch gar nicht – völlig versalzen! Also, wenn ich da gefragt werde, wollen Sie im Mittelalter leben? Nein. Ich könnte es nicht.

[b]ZEIT Geschichte[/b]: Das Mittelalter, das Sie in Ihren Büchern als so fortschrittlich preisen, war also doch ganz schön finster?
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»Verdammt ihr dies?«

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Häretiker, Zweifler, Revolutionär: Der streitbare Philosoph Peter Abaelard war ein großer Liebender und ein Vordenker der Aufklärung.


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Mittelalterliche Erhörung eines Minnen, er wird im Korb nach oben gezogen

Reichlich und fett war das Essen, schwer ist der Wein. Der Mundschenk hat Order bekommen, die Becher der Bischöfe stets gut zu füllen. »Die Kirchenobersten hatten, Philosophen der Gurgel, ihre Rundung mit feurigem Wein angefüllt, dessen Wärme sich in ihrem Schädel so festsetzte, dass sich die Augen aller in der Trägheit eines Nickerchens entspannten«, heißt es in einer Beschreibung der Geschehnisse jenes Abends des 25. Mai 1141. Aus manchen Winkeln der Kirche ist Schnarchen zu hören, lautes Rülpsen und Furzen. Und über allem die heisere Stimme eines Mönches, der den versammelten Würdenträgern aus einem Schriftstück vorliest. »Er schreibt, Christus habe nicht Fleisch angenommen, um uns vom Joch des Teufels zu befreien!«, hallt es durch das Gotteshaus. »Verdammt ihr dies?« Die noch nicht eingedösten Prälaten lachen, johlen und trampeln mit den Füßen. »Damnamus!«, rufen sie, wir verurteilen! Andere, für einen Moment aus trunkenem Schlummer gerissen, bringen lediglich ein gelalltes »namus« heraus, »wir schwimmen«. Und von Neuem erhebt sich die Stimme des Anklägers: »Er schreibt, dass Gott das Böse nicht hindern darf und nicht hindern kann! Verdammt ihr dies?«
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Wer Wucher trieb, war des Teufels

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Warum das Mittelalter noch nicht dem kapitalistischen Denken verfallen war: Ein Gespräch mit dem großen französischen Mediävisten Jacques Le Goff[/b]

Der 86-jährige Historiker Jacques Le Goff begeisterte sich schon als Schulkind für das Mittelalter, nachdem er die Werke Walter Scotts, des Begründers des historischen Romans, gelesen hatte. Wir haben Le Goff in seinem Arbeitszimmer in Paris besucht, wo er inmitten unzähliger Bücher liest, schreibt, Rundfunksendungen moderiert und Gäste empfängt.

[b]ZEIT Geschichte[/b]: Monsieur Le Goff, das Mittelalter kannte drei gesellschaftliche Rollen: Priester, Krieger und Arbeiter. Wie war in einer solch starren Ordnung Fortschritt möglich?

[b]Jacques Le Goff[/b]: Die von Ihnen genannte Formel tauchte in der Karolingerzeit auf und nahm ihre definitive Form im 11. Jahrhundert an: Die oratores beten, die bellatores kämpfen, die laboratores arbeiten. Unter Mediävisten wird darüber debattiert, was unter laboratores zu verstehen sei. Manche glauben, es seien alle Handarbeiter gemeint, also Bauern und Handwerker, aber nach meiner Ansicht bezeichnet diese Formel nur die Eliten: die kirchlichen Amtsträger, die Ritter und jene Schicht landwirtschaftlicher Produzenten, die über ökonomische und intellektuelle Mittel verfügten, die Arbeitsproduktivität zu erhöhen.
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(C) Daniel Oswald