Apr 02
Unser nützlichster Verräter
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Damit Jesus zum Heiland werden kann, muss Judas ihn verraten. Porträt einer tragischen Figur.[/b]
Es gibt eine merkwürdige Legende um Leonardo da Vincis Abendmahl, eine jener Geschichten, die immer wieder erzählt werden, obwohl ihr Ursprung im Ungewissen liegt: Als da Vinci am Ende des 15. Jahrhunderts sein berühmtes Abendmahl an die Wand der Mailänder Kirche Santa Maria delle Grazie malt, sucht er dreizehn Gesichter, die Jesus mit seinen zwölf Gefährten darstellen könnten. Er lässt sich von den Physiognomien verschiedener Mailänder Bürger inspirieren und porträtiert sie einen nach dem anderen: als Petrus, als Johannes, als Jakobus und so weiter. Zuletzt fehlen am langen Tisch nur noch zwei Köpfe: der des Verräters Judas und der des Erlösers Jesus. Letzteren findet da Vinci schließlich in einem jungen Mann, aus dessen Antlitz eine durchscheinende, beinahe jenseitige Reinheit leuchtet. Der sitzt ihm Modell und wird als todgeweihter Christus verewigt, das Haupt leicht geneigt, die Augen gesenkt.
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Fehlt bloß noch Judas. Der Künstler sucht und sucht, erblickt aber nirgendwo eine Visage, in der sich die Zerrissenheit und Verworfenheit der Verräterseele eindrucksvoll genug gespiegelt hätte. Deshalb bleibt die Figur des Judas im Fresko für viele Jahre gesichtslos. Und plötzlich stößt da Vinci auf seinen Judas: Es ist ein Mailänder mittleren Alters mit zerquälten Zügen und Augen, die nichts mehr erwarten. Auch dieser Mann sitzt da Vinci bereitwillig Modell. Und der malt ihn hinein in den Kreis der aufgebrachten Jünger, die gerade erfahren haben, dass einer von ihnen den Meister verraten wird. Malt ihn mit abgewandtem und verschattetem Gesicht.
Als sein Porträt fertig ist, richtet der Judas das Wort an den Künstler: »Du hast mich nicht zum ersten Mal gemalt, ich habe dir vor langer Zeit schon einmal Modell gesessen.«
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Damit Jesus zum Heiland werden kann, muss Judas ihn verraten. Porträt einer tragischen Figur.[/b]
Es gibt eine merkwürdige Legende um Leonardo da Vincis Abendmahl, eine jener Geschichten, die immer wieder erzählt werden, obwohl ihr Ursprung im Ungewissen liegt: Als da Vinci am Ende des 15. Jahrhunderts sein berühmtes Abendmahl an die Wand der Mailänder Kirche Santa Maria delle Grazie malt, sucht er dreizehn Gesichter, die Jesus mit seinen zwölf Gefährten darstellen könnten. Er lässt sich von den Physiognomien verschiedener Mailänder Bürger inspirieren und porträtiert sie einen nach dem anderen: als Petrus, als Johannes, als Jakobus und so weiter. Zuletzt fehlen am langen Tisch nur noch zwei Köpfe: der des Verräters Judas und der des Erlösers Jesus. Letzteren findet da Vinci schließlich in einem jungen Mann, aus dessen Antlitz eine durchscheinende, beinahe jenseitige Reinheit leuchtet. Der sitzt ihm Modell und wird als todgeweihter Christus verewigt, das Haupt leicht geneigt, die Augen gesenkt.
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Fehlt bloß noch Judas. Der Künstler sucht und sucht, erblickt aber nirgendwo eine Visage, in der sich die Zerrissenheit und Verworfenheit der Verräterseele eindrucksvoll genug gespiegelt hätte. Deshalb bleibt die Figur des Judas im Fresko für viele Jahre gesichtslos. Und plötzlich stößt da Vinci auf seinen Judas: Es ist ein Mailänder mittleren Alters mit zerquälten Zügen und Augen, die nichts mehr erwarten. Auch dieser Mann sitzt da Vinci bereitwillig Modell. Und der malt ihn hinein in den Kreis der aufgebrachten Jünger, die gerade erfahren haben, dass einer von ihnen den Meister verraten wird. Malt ihn mit abgewandtem und verschattetem Gesicht.
Als sein Porträt fertig ist, richtet der Judas das Wort an den Künstler: »Du hast mich nicht zum ersten Mal gemalt, ich habe dir vor langer Zeit schon einmal Modell gesessen.«
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