Die Politiker – das sind wir

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Schon der französische Philosoph und Revolutionär Condorcet wusste, dass ein Parlament allein noch keine Demokratie macht.


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Das Gemälde von Carl Wendling (1910) zeigt Pfälzer Freiheitsfreunde zur Zeit der Revolution. Das Bild hängt im Rathaus von Landau

Wie viel Mitsprache der Bürger braucht der Staat? Wie viel direkte Demokratie verträgt die Republik? Und vor allem: Wie ist das zu organisieren? Das sind die entscheidenden Fragen, die uns immer wieder zurückführen zu den Anfängen der modernen Demokratie in Europa, in die Tage der Französischen Revolution. Seit einiger Zeit findet dabei ein Denker erneut Beachtung, der die Revolution mit einer Reihe von wichtigen Texten begleitet hat und auch als politisch Handelnder eine bedeutende Rolle einnahm. Die Rede ist vom Marquis de Condorcet, dem Citoyen Caritat.

Der Nachwelt ist er fast nur noch durch sein Buch über die Fortschritte des menschlichen Geistes in Erinnerung geblieben. Kurz vor seinem Tod 1794 verfasst, teilt diese Schrift die menschliche Geschichte in neun Epochen des linearen Fortschritts und verlängert diese Entwicklung in eine zehnte, eine strahlende Epoche der Zukunft. Der Ruhm des optimistischen Werks prägte Cordorcets Bild. Besonders das 19. Jahrhundert feierte den Marquis. Als vermeintlicher Entdecker der geschichtlichen Bewegungsgesetze wurde er zu einem Säulenheiligen des Fortschrittsglaubens. Im 20. Jahrhundert indes wandelte sich das Bild. Jetzt erkannte die kritische »Dialektik der Aufklärung« im gepriesenen Fortschritt einen übersteigerten Rationalismus, dessen Vernunftobsession in freiheitsfeindliche, in autoritäre, ja totalitäre Maßnahmen umschlägt.
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Der letzte Erfinder

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In wenigen Wochen läuft das letzte Patent der DDR aus. Es gehört einem der fleißigsten Erfinder des Ostens. Früher halfen seine Maschinen dabei, Atombunker zu tarnen, heute kühlen sie Pizza. Das Protokoll einer Verwandlung.[/b]

Es ist etwas größer als eine Konservenbüchse, hat acht Löcher und wiegt so viel wie ein Kürbis. Dieter Mosemann wischt mit einem Lappen das Schmierfett ab. Er hebt das Stück Edelstahl behutsam hoch und zeigt es von allen Seiten. Ein kleines Bauteil für eine große Maschine. Es ist die letzte Erfindung der DDR, Patent Nummer DD 298536, und Dieter Mosemann ist der Erfinder.

Er könnte stolz darauf sein, und vielleicht ist er es auch, aber man merkt es nicht. Mosemann steht in einer Fabrikhalle und redet von seinen Chefs, die ihn immer unterstützt hätten, und von seinen tollen Kollegen, die an vielen der Erfindungen beteiligt waren. Er spricht schnell und konzentriert, er sagt Wörter wie »Teillastverstellung«, ohne sich zu versprechen, er sagt meistens »man« und selten »ich«. Er sagt: »Der Ingenieursgeist muss immer wach bleiben.«

155 Erfindungen hat Dieter Mosemann zum Patent angemeldet, 71 davon in der DDR, die letzte davon am 2. Oktober 1990, ein paar Stunden bevor am Brandenburger Tor das Feuerwerk der deutschen Einheit zündete.

Es ist Zufall, dass ausgerechnet sein Patentantrag der letzte war, bevor die DDR geschlossen wurde. Und doch ist seine Geschichte beispielhaft: für die große Hoffnung, die die DDR in ihre Erfinder setzte; dafür, dass die Planwirtschaft allen Klischees zum Trotz Spitzentechnologie hervorgebracht hat; und für die Schwierigkeiten, die guten Ideen in die globalisierte Wirtschaft hinüberzuretten.
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Luise von Preussen - Keine von uns

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Königin Luise von Preußen war ganz anders, als oft behauptet. Das zeigt Daniel Schönpflug in einer ausgezeichneten Biografie.[/b]

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Luise von Preußen, um 1800

In einer berühmten Vorlesungsreihe prägte der New Yorker Literaturkritiker Lionel Trilling 1970 zwei diametral entgegensetzte kulturelle Leitbegriffe, die er mit den englischen Worten Sincerity (Aufrichtigkeit) und authenticity (Authentizität) umschrieb. Sincerity hieß für Trilling die Bemühung des Einzelnen, das äußere soziale und das innere private Leben ohne Selbstverstellung möglichst in Einklang zu bringen. Authenticity dagegen sei von der Suche nach Selbstbefreiung und -offenbarung geprägt. Sincerity impliziere ein gewisses Verständnis für die Erfordernisse des Gesellschaftlichen, für Tradition und für die Notwendigkeit des redlichen Rollenspiels. Authenticity dulde im Gegenteil ungern das Konventionelle; sie verlange das ungebundene Ausleben des Ichs. In der Kulturgeschichte Westeuropas über die letzten 500 Jahre erkannte Trilling ein stetes Oszillieren zwischen diesen zwei ethischen Orientierungen. Spätestens seit der Romantik sei die westliche Moderne jedoch durch einen Siegeszug der Authentizität auf Kosten der alten Aufrichtigkeit gekennzeichnet gewesen.

Luise von Preußen lebte zwar in der Epoche der anbrechenden Romantik, blieb jedoch eindeutig und lebenslang dem Ethos der Aufrichtigkeit verpflichtet. Das Erste, was ihr an ihrem zukünftigen Mann, Kronprinz Friedrich Wilhelm von Preußen, positiv auffiel, war die schlichte Redlichkeit seines Wesens. »Der Prinz ist ausserordentlich gut und gerade«, schrieb sie an ihre Schwester Therese, nach der ersten Begegnung mit dem preußischen Thronfolger. »Kein unnötiger Schwarm von Worten begleiten seine Reden, sondern er ist erstaunend wahr.«

Mit der Suche nach Selbstverwirklichung hatte diese Vorliebe für Aufrichtigkeit nichts zu tun. Weder als Kronprinzessin (von 1793 an) noch als preußische Königin (von 1797 an) stellte Luise die ihr zugedachte Rolle jemals infrage. Das innere Empfinden wurde der öffentlichen Person konsequent untergeordnet. Sie war, wie der Berliner Historiker Daniel Schönpflug in seiner eleganten, intelligenten Biografie der Königin darlegt, eine Schauspielerin auf der Bühne der Macht. Sie spielte eine Hauptrolle in jenem »täglich neu inszenierten Stück namens Monarchie«. Vom Morgen bis tief in die Nacht durch das ganze Jahre hindurch musste sie sich dem Rhythmus des Hofes restlos anpassen. »Mach Dich darauf gefasst zu erfahren, dass ich bald sterben werde«, schrieb sie an ihre Schwester Therese im Februar 1794, »denn seitdem ich mit diesem Brief begann, habe ich immer nur getanzt […] Morgen ist Ball bei der Königinwitwe, übermorgen große Gesellschaft bei mir, Freitag Ball bei dem Grafen Alvensleben, für Sonnabend ist Gottseidank noch nichts festgelegt […] Da kann man wirklich seine Seele verlieren und sein Testament machen.«
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(C) Daniel Oswald