Am Anfang war die Höhle

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«Modern ist, was schnell modert», meinte einmal der Wiener Kunsthändler Benno Geiger, genialer Entdecker etlicher Gemälde Arcimboldos, erbärmlicher Übersetzer Dantes und Verfasser so giftiger Aperçus, dass er den Opfern seiner Bosheit wie ein neuer Aretino vorkam. Man mag es etwas holprig finden, doch lässt sich kaum treffender als mit Geigers Aperçu zusammenfassen, was seit etwa vierzig Jahren die Geschichte des wissenschaftlichen Bibliothekswesens prägt. Da folgt ein Katalog-Regelwerk dem anderen, ein Format für den elektronischen Datenaustausch dem anderen. Im Wechsel ertönen die Schlachtrufe derjenigen, die für das Konzept des elektronischen Publizierens im «Open Access» werben oder für die Wahrung von Urheberrechten der Autoren streiten. Bald gilt der ungehinderte Zugang zu möglichst vielen Büchern in Freihandaufstellung, bald die Bewahrung der vom Papierzerfall bedrohten Druckwerke als dringlichste Aufgabe. Den immerhin seit über hundert Jahren bewährten Mikrofilm sehen die einen als die sicherste Form der Speicherung alter Dokumente an, andere wollen es mit immer neuen Medien versuchen. Einmal galt die CD-ROM als ideale Speicherform; indes wird ihr Ende seit zwei Dezennien für jedes Jahr einmal als unmittelbar bevorstehend vorausgesagt.
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Gruppensex im Grunewald

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Es begann mit einer Swingerparty: Der Historiker Wolfgang Wippermann über das Ende der Ehrkultur im Kaiserreich.[/b]

[b]DIE ZEIT:[/b] Herr Wippermann, für Ihr Buch Skandal im Jagdschloss Grunewald haben Sie einen heißen Fund ausgewertet – eine polizeiliche Aktenmappe voll anonymer, teils pornografischer Briefe...
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[b]Wolfgang Wippermann:[/b] Diese Briefe sind tatsächlich einzigartig. Sie geben einen ungewöhnlichen Einblick in die Sitten- und Mentalitätsgeschichte der wilhelminischen Gesellschaft, in ihre Vorstellungen von Männlich- und Weiblichkeit und in das, was als sexuell »normal« galt.

[b]ZEIT:[/b] Diese Briefe schildern, was man heute eine Swingerparty nennt – und zwar in höchsten Hofkreisen.

[b]Wippermann:[/b] Ja, es geht um eine Sexparty, die im Januar 1891 nach einer Schlittenfahrt gefeiert wurde. 15 hohe Angehörige der kaiserlichen Hofgesellschaft waren dabei, darunter eine Schwester Wilhelms II. und einer seiner Schwager. Die Frauen nahmen sich selbstbewusst, worauf sie Lust hatten. Männer vergnügten sich mit Männern.

[b]ZEIT:[/b] Dabei gilt die Zeit des Kaiserreichs doch als eine besonders prüde Epoche.

[b]Wippermann:[/b] Man war protestantisch und sittsam nach außen. Zugleich wurde, freilich nur den Männern, eine gewisse Freizügigkeit zugebilligt. Einer der Partygäste, der Herzog Ernst Günther von Schleswig-Holstein, hieß in Hofkreisen nur »Herzog Rammler«. Er war regelmäßiger Puffgänger – wobei auch gemeinsame Bordellbesuche adliger Herren üblich waren. Eines Tages verlor er einen Orden bei einer Berliner Prostituierten. Die Frau brachte das Fundstück brav zur Polizei, die Sache wurde Stadtgespräch.

[b]ZEIT:[/b] Was sich jedoch nicht zum Skandal ausweitete, so wie die Grunewald-Party. Warum?
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Die koreanische Tragödie

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Im August 1910 annektierte Japan offiziell Korea. Es war der Anfang eines langen Leidenswegs.[/b]

Yu Chun-sung kam am Morgen des 6. August 1945 in Hiroshima an. Er gehörte zu jenen Hunderttausenden aus der Kolonie Korea, die in Japan lebten und für die Kriegsindustrie schuften mussten. Es war Viertel nach acht, als er aus dem Zug stieg. Im nächsten Moment erfasste ihn ein sengender Blitz. Geblendet stolperte über die Gleise, rannte weiter bis zu einer Anhöhe und verkroch sich in einer halb zerstörten Bauernkate. Nach 24 Stunden brachten ihn Retter auf einem Lkw in ein Hospital. Man bedeckte sein Gesicht mit einem ölgetränkten Mullverband. Wenige Tage später wimmelten Maden in den Brandwunden.
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Doch anders als Zehntausende Koreaner, die sich ebenfalls in Hiroshima und Nagasaki befanden und deren Leben die Atombomben auslöschten, sah der damals 28-jährige Yu die Heimat wieder. Er fand ein kurzes Glück als Gemüsehändler. Von 1950 an begann er Blut zu speien. Seine Frau brachte zwei fehlgebildete Kinder zur Welt. 1970 glich Yu einem Gespenst, der spindeldürre Körper bog sich unter Krämpfen zusammen. 1972 erlöste Yu Chun-sung der Tod.

Sein Schicksal gehört zu den späten Folgen eines Dramas, das schon im 19. Jahrhundert begann.
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Macht geht vor Recht

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In drei Kriegen schuf Otto von Bismarck den ersten deutschen Nationalstaat. Ein Porträt des »Blut und Eisen«-Kanzlers.[/b]

Der Junker Otto von Bismarck war empört. Nach einem Besuch des Friedhofs im Berliner Friedrichshain, wo die gefallenen Barrikadenkämpfer der Märzrevolution 1848 ihre letzte Ruhestätte gefunden hatten, schrieb er im September 1849 seiner Frau Johanna: »Nicht einmal den Toten konnte ich vergeben, mein Herz war voll Bitterkeit über den Götzendienst mit den Gräbern dieser Verbrecher, wo jede Inschrift auf den Kreuzen von ›Freiheit und Recht‹ prahlt, ein Hohn für Gott und Menschen.«

Bismarcks Hass auf die 48er saß tief, und er hatte neben politischen auch ganz handfeste persönliche Gründe. Denn gerade hatte sich der 32-jährige Neuling aus der Provinz im Vereinigten Landtag, einer 1847 in Berlin einberufenen ständischen Versammlung, als ultrakonservativer Heißsporn einen Namen gemacht, als die revolutionären Ereignisse vom 18. März 1848 die so erfolgreich begonnene Karriere auch schon wieder zu beenden schienen.
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Es war richtig, es war anders

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[b]Der polnische Autor Tomasz Łubieński provoziert seine Landsleute. Sein neues Thema: 1939, das Jahr des Kriegsbeginns.[/b]

Polen ist in Mythen vernarrt. Mit Inbrunst werden die Helden der Aufstände auf Monumente gehievt, Polens Geschichte gerinnt zu einer langen Kette heroischer Taten. Der Historiker, Dramatiker und Essayist Tomasz Łubieński, 1938 in Warschau geboren, aber liebt es, an Mythen zu kratzen. So hat er sich vor einiger Zeit, zur Empörung vieler glühender Patrioten und vaterländischer Historiker, des Aufstands von 1944 gegen die deutschen Besatzer angenommen (wie in den siebziger Jahren schon der Aufstände gegen die Russen im 18. und 19. Jahrhundert). Łubieńskis ketzerisches Urteil: Vergeblich war der Aufstand, zu viele Opfer verlangte er, falsch von Anbeginn an!

In seinem neuen Buch [i]1939. Noch war Polen nicht verloren[/i] seziert er den Tag des Überfalls der Deutschen, den 1. September 1939. Wieder schlugen die Wogen hoch. Denn, nicht wahr, selbst wenn die Nationalkonservativen eine Heldenlegende daran so recht nicht knüpfen können – zu einer Art heroischem Opfermythos taugt dieses Datum allemal. Zumal wir, die deutschen Nachbarn, aus polnischer Sicht diesen Jahrestag meist kühl ignorieren. Und jetzt kommt so ein Kleingläubiger wie Łubieński! Unerhört!

Doch Łubieńskis fulminanter Essay ist alles andere als eine »Nestbeschmutzung«. Geglückt ist ihm ein erstaunlicher schreiberischer Drahtseilakt.
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Wie der erste Beduine die Oasen eroberte

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Forscher haben in Jordanien Spuren einer 6000 Jahre alten Kultur gefunden. Ihre Vermutung: Mit Brunnen erschlossen die Beduinen erstmals fruchtbares Land in der Wüste.[/b]

Ein Arbeitsmodul in der Wüste umfasst zwölf Tage. Dann müssen die Archäologen zurück in die Zivilisation, um sich und die Ressourcen aufzutanken. Skorpione sind auf der Grabung alltägliche Begleiter. 45 Grad sind die Regel. Wenn Hans-Georg Gebel und seine Mannschaft Pech haben, verlieren sie durch einen Sandsturm vier oder fünf Tage. "Da gehen nicht nur die Kameras kaputt, sondern auch das Differential-GPS leidet", berichtet der Prähistoriker von der Freien Universität Berlin. Unter solch widrigen Bedingungen hat Gebel jetzt in der südöstlichsten Ecke Jordaniens, an der Grenze zu Saudi Arabien, eine bislang unbekannte Kultur entdeckt.
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Durchtrainiert und schwer bewaffnet

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Eine Ausstellung beleuchtet die weltweit gepflegte Mär von kriegerischen Amazonen.


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Amazonen auf der Wolfsjagd: Gemälde von Anselm Feuerbach (um 1874)

Die Lippen dünner als die von Angelina Jolie, die Oberweite ein wenig geringer. Ansonsten aber ganz Lara Croft. Die Vorstellung, die sich Männer in der Antike von einer Amazone machten, unterschied sich nicht grundsätzlich von der kraftstrotzenden Protagonistin im Computerspiel Tomb Raider und der von Jolie gespielten gleichnamigen Filmfigur. Sie waren stark, durchtrainiert und grausam – jene sagenumwobenen Frauen, die angeblich Krieg gegen Athen führten, vor den Toren Trojas kämpften und Alexander den Großen trafen.

Die griechischen Schriftgelehrten schilderten die schwer bewaffneten Amazonen als »männergleich« (Homer) und »wohlberitten« (Pindar). Sie sollen in einer männerfreien Gesellschaft gelebt haben oder zumindest in einer, in der alles anders war als im klassischen Griechenland: Im Amazonenreich verrichteten Männer Frauenarbeit, Frauen übernahmen Männerrollen. Und damit diese Verhältnisse bestehen blieben (so berichtete es Diodor), wurden die männlichen Nachkommen verstümmelt. Oder gar nach der Geburt getötet.

Stellten antike Künstler die männermordenden Bestien bildlich dar, mischten sie dem Schrecken Erotik bei, schließlich wurden die meisten Vasen von Männern gekauft. Also: entblößte Brüste, kurze Röcke, entrückter Blick. Die Amazone war in erster Linie eine männliche Projektion.
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Hass Hass Hass

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Hartwig von Hundt-Radowsky war 1819 der erste Deutsche, der die Vernichtung der Juden forderte. Sein Leben und Werk hat jetzt der Historiker Peter Fasel erforscht.[/b]

[b]DIE ZEIT:[/b] Die Juden, so schreibt Hartwig von Hundt-Radowsky 1819, bekommen zu viele Kinder, sind arbeitsscheu und lassen sich nicht in die christlich-deutsche Gesellschaft integrieren. Erinnert Sie das nicht an die Thesen eines bekannten Bundesbankers über die muslimischen Einwanderer heute?

[b]Peter Fasel:[/b] Flüchtig betrachtet vielleicht. Aber Sarrazin will ja, so nehme ich doch sehr an, die muslimischen Deutschen in der Gesellschaft integriert sehen. Die Antisemiten damals hingegen waren strikt gegen jede Integration. Den integrierten Juden hielten sie sogar für den allergefährlichsten. Sie sprachen den Juden jede Möglichkeit ab, Bürger eines nichtjüdischen Staates zu sein. Selbst wenn ein Jude konvertierte, selbst wenn er sich in seinen Sitten und Gebräuchen anpasste, blieb er für sie »der Jude«, und das hieß für sie: dem christlich-deutschen Volk fremd und feind.

[b]DIE ZEIT:[/b] Woher kommt Hundts Hass?

[b]Peter Fasel:[/b] Zunächst aus einem antijüdisch eingestellten Elternhaus. Seine Eltern, von bürgerlichem Stand, hatten sich in Mecklenburg ein Rittergut gekauft. Dort wird er 1780 auch geboren. Im Laufe der napoleonischen Kriegswirren kann die Familie den Besitz nicht mehr halten. Zeitlebens kämpft Hundt, der sich selbst nobilitiert hat, als freier Schriftsteller gegen den sozialen Abstieg. Sein Leben ist auch eine Verlierergeschichte, bis zuletzt, bis zu seinem Tod 1835 im Schweizer Exil. Zur Erklärung seines Fanatismus allein reicht das allerdings kaum. Im Übrigen ist es keine zufällige, individuelle Marotte. Hundt steht ja mit seinem Hass nicht allein.

[b]DIE ZEIT:[/b] Judenhass hat es in allen christlichen Gesellschaften, in allen Teilen Europas gegeben. Was ist das Neue an diesem Antisemitismus des deutschen Biedermeier?

[b]Peter Fasel:[/b] Dieser moderne Antisemitismus beginnt schon etwas früher, paradoxerweise als Unterströmung innerhalb der Aufklärung. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts radikalisiert er sich. Es ist die Zeit der bürgerlichen Revolution und der beginnenden Industrialisierung. An die Spannungen und Ängste jener Jahre knüpft Hundt an. Sein Hass speist sich zwar zum großen Teil noch aus dem alten christlichen Antijudaismus, trägt aber deutlich rassistische, fast schon biologistische Züge, und das lange vor allen modernen Rassenlehren. Anders als die Kirchen in alter Zeit will er die Juden eben nicht zur Konversion bringen, zur Konversion zwingen, sondern er will sie vertreiben, vernichten.

[b]DIE ZEIT:[/b] Wie nah kommt er den Vorstellungen der Nazis?
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Emilia Plater: Die Partisanin

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Das kurze, kühne Leben der polnischen Gräfin Emilia Plater, die 1831 mit 300 Mann in den Befreiungskampf gegen die Truppen des Zaren zog.


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Emilia Plater in Uniform, auf dem Weg ins Gefecht

Am 29. März 1831 entschließt sich Emilia Plater zum Kampf. An diesem Tag erscheint die polnische Gräfin auf dem Gut ihrer Verwandten im ostlitauischen Flecken Dusiaty. Sie hat eine Art von Uniform angelegt, graublauer Stoff mit purpurfarbenen Aufschlägen. Zur Seite trägt sie den Säbel, das Haar hat sie kurz geschnitten.

Es ist Sonntag. In der Kirche von Dusiaty versammeln sich die Bauern zur Messe. Kein gewöhnlicher Gottesdienst. Der Priester verkündet im Namen des Gutsherrn die Befreiung all jener Bauern von der Leibeigenschaft, die am Aufstand gegen die Herrschaft des Zaren teilnehmen. Denn schon seit November streiten überall im Königreich Polen Freiheitskämpfer für die Unabhängigkeit des Landes.

Nach der Messe ergreift die 25-jährige Plater das Wort. Sie spricht die Sprache der Landleute, sie spricht Litauisch und Weißrussisch. In feurigen Worten ruft sie die Bauern zum Kampf auf. Sie spricht von den überhöhten Steuern, die St. Petersburg verlangt, über den harten Dienst in der russischen Armee, über den Terror der zaristischen Polizei. Sie wirbt 280 Bauern als Fußvolk und dreißig Reiter, das wird ihre Truppe.
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Die erste Republik - Nie wieder Untertan

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Die Mainzer Republik war die erste Demokratie auf deutschem Boden. Von ihrer so kurzen wie bewegten Geschichte geht bis heute ein faszinierendes Leuchten aus.


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Versammlung des Mainzer Jakoninerklubs

In jener Märznacht des Jahres 1793 haben die Mainzer Polizeidiener ausnahmsweise keinen Blick für die Zecher, die ihnen aus den illegalen Schankstuben fast in die Arme taumeln. Eigentlich müssten sie die Trunkenbolde in die Arrestzelle stecken, wegen Missachtung der Sperrstunde. Aber heute schauen sie gnädig weg. Sie haben Wichtigeres zu tun. Einen Auftrag von höchster Stelle gilt es zu erfüllen.

Jeder von ihnen trägt eine Tasche, voll mit Flugschriften, laut Beschluss der Stadtoberen durch »alle Polizeidiener, Zeitungs- und Blättchenträger in jedem Hause in der Stadt in eins oder zwei Exemplarien abzugeben«. Unter jede Haustür kommt ein Flugblatt, auf jedes Fenstersims, auf jeden Treppenabsatz. Alle Mainzer sollen wissen, dass es den Feinden der Republik nun an den Kragen geht. »Intrige, Fanatismus, Heuchelei und Privatinteresse bieten alle Kräfte auf, um Euch wieder in Eure alten Ketten zu schmieden«, verkündet die Proklamation der Wahlkommissare. »Der Tag ist gekommen, wo man zwischen Freundschaft der Frankenrepublik und dem Hasse wählen muß, den sie den Tyrannen und ihren Anhängern geschworen haben; wo man zwischen Freiheit und Sklaverei wählen muß.«

Freiheit oder Sklaverei. Die Mainzer Republik, das erste bürgerlich-demokratische Gemeinwesen auf deutschem Boden, hat die Geduld mit den Zauderern, den Wankelmütigen und den Parteigängern des Ancien Régime verloren.
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Chruschtschow: Schlug er zu?

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Chruschtschows Schuh-Auftritt vor 50 Jahren in der Vollversammlung der UN ist eine der beliebtesten Geschichten aus dem Kalten Krieg. Doch was an ihr stimmt wirklich?


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Der damalige Kremlchef Nikita Chruschtschow bei seiner Rede vor der UN-Vollversammlung 1960

Hat er oder hat er nicht? Zog der Kremlchef Nikita Chruschtschow im Oktober 1960 vor der UN-Vollversammlung tatsächlich einen Schuh aus und schlug damit wutentbrannt auf das Rednerpult ein? Immer wieder wurde die Szene kolportiert, viele sehen sie geradezu vor sich. Chruschtschow mit seiner diplomatischen Schuh-Note gehört zu jenen Bildern, in denen sich der Kalte Krieg, der die Welt von 1945 bis 1989 in Atem hielt, symbolisch verdichtet hat.

Doch seltsam: Von dieser Szene existiert keine Filmaufnahme und nur ein rätselhaftes Foto. Dafür gibt es umso mehr widersprüchliche Aussagen.
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Der höfliche Überfall

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Vor sechzig Jahren, im Herbst 1950, marschierten die Chinesen in Tibet ein.


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Chinesische Truppen marschieren um 1950 durch das tibetische Hochland. Gerade erst war die Volksbefreiungsarmee in Tibet eingerückt

Im September 1950 war es so weit. Chinas Volksbefreiungsarmee hatte ihre Vorbereitungen abgeschlossen. Die neue Straße zur tibetischen Grenze am Oberlauf des Jangtsekiang war fertig, und die Truppen hatten sechs Monate intensives Training hinter sich. Sie waren gerüstet für Kämpfe im Hochgebirge, für Märsche in hohem Tempo. In raschen Vorstößen sollten Tibets Truppen eingekesselt werden.

Der entscheidende Mann am Ort war Deng Xiaoping, später de facto Nachfolger Mao Tse-tungs, seinerzeit politischer Kommissar der Militärregion Südwest. Gewalt wollte er nur sparsam einsetzen. Stattdessen sollten möglichst viele Tibeter für das neue Regime gewonnen werden. Proklamationen versprachen »Garantie der Religionsfreiheit, Respekt vor Sitten und Gebräuchen und Schutz der Klöster und Tempel«. Die Soldaten bekamen Unterricht in tibetischer Religion, Kultur und Sprache. Unermüdlich wurde ihnen eingeschärft, »den Massen nicht eine Nadel wegzunehmen. […] Sprecht freundlich zu den Leuten.«

Direkte Verhandlungen hatte es zwischen Peking und Lhasa noch nicht gegeben. Aber die Tibeter wussten aus dem Radio, dass Chinas Truppen noch 1950 Tibet »befreien« wollten. Am 16. September traf sich immerhin in Delhi eine Delegation unter Leitung von Shakabpa Wangchuk Deden, einem Beamten vierten Grades, mit dem neuen chinesischen Botschafter Yuan Chung-hsien. Shakabpa versuchte Pekings Mann begreiflich zu machen, dass eine Befreiung Tibets vom Imperialismus ganz unnötig sei, denn es gebe keine imperialistischen Einflüsse. Dies freue ihn zu hören, erwiderte Yuan. Drei Punkte stünden allerdings nicht zur Verhandlung: Tibet sei als Teil Chinas zu betrachten, China sei verantwortlich für Tibets Verteidigung, und alle Verbindungen zu fremden Ländern würden von der Volksrepublik geregelt. Yuan erklärte, falls die Tibeter diese drei Punkte nicht akzeptierten, sei der Krieg unvermeidlich.
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Terroranschlag 1980: Die unbekannte Hand

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Auch dreißig Jahre nach der Tat umgeben das Münchner Oktoberfest-Attentat viele Rätsel.
Ulrich Chaussy, der sich seit vielen Jahren mit der Tat beschäftigt, zieht in diesem Artikel eine Bilanz. Eines steht für ihn fest: Der Fall ist nicht gelöst.[/b]

Dies blieb allen in Erinnerung, wie eingebrannt: der Widerschein der grellgelben, weißlich-gelben, gelbgrauen, der hellrötlichen Stichflamme, des meterhohen, des dunkelroten, des bläulich roten, zwei bis acht Meter messenden Feuerballs über den Köpfen der festsatt nach Hause strebenden Wiesn-Besucher, damals, am Freitag, dem 26. September 1980, um 22.19 Uhr. Für 13 Menschen waren es die letzten Bilder, bevor ihr Leben im Metallsplitterregen einer zur Bombe umgebauten Mörsergranate verlosch. Viele der 213 zum Teil Schwerstverletzten und andere, unversehrt gebliebene Zeugen berichteten von diesem scharfen, fauchenden Zischen. Sie erzählten davon den Polizisten, die gleich am Krankenbett die ersten Aussagen aufnahmen. Heute noch stecken längliche Zettel mit Notizen über den trichterförmigen Feuerstrahl und andere prägnante Beobachtungen zwischen den teils vergilbten Blättern der Ermittlungsakten, die mittlerweile im Bundesarchiv Koblenz lagern.

Aus mehr als 9000 Seiten versuchten die Sonderkommission Theresienwiese des Bayerischen Landeskriminalamts (LKA) und der damalige Generalbundesanwalt Kurt Rebmann das Bild des Verbrechens zusammenzufügen. Und obwohl dies nicht gelang, betrachten die Ermittler das Attentat heute als aufgeklärt – den blutigsten Terroranschlag in der Geschichte der Bundesrepublik.
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In einsamer Mission

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Der berühmte "Nazi-Jäger" Simon Wiesenthal war selbst ein Gejagter. Ein Gespräch mit seinem Biografen Tom Segev.[/b]

[b]DIE ZEIT:[/b] Herr Segev, Sie haben für Ihre Biografie von Simon Wiesenthal, dem vielleicht berühmtesten »Nazi-Jäger«, als Erster sein Archiv in Wien durchforstet.

[b]Tom Segev:[/b] Es befand sich noch in genau jenem Zustand, in dem er es bei seinem Tod vor fünf Jahren zurückgelassen hatte. Es war gespenstisch, dort oft bis spät in der Nacht umgeben von all diesen Nazi-Dokumenten zu sitzen.

[b]DIE ZEIT:[/b] Das erste Dokument, das Sie zur Hand nahmen, war ein Foto von Wiesenthal, aufgenommen unmittelbar nach seiner Befreiung aus dem KZ Mauthausen. Es zeigt einen Mann im Alter von 37 Jahren, der gerade noch 44 Kilo wog, ein wandelndes Skelett.

[b]Tom Segev:[/b] Und fünf Tage später hatte er bereits seine erste Liste mit den Namen von Kriegsverbrechern fertig. Keine zehn Aktenmeter weiter stieß ich dann auf diesen Brief: »Simon, Darling, pass gut auf Dich auf, wir brauchen Dich, Liz«. Liz – das ist die Schauspielerin Elizabeth Taylor; sie schätzte Wiesenthal sehr. Welche Welten trennen diese Dokumente, welches Lebensdrama! Aber zunächst musste ich mir Klarheit verschaffen, ob er nicht vielleicht doch ein Gauner gewesen ist.

[b]DIE ZEIT:[/b] Das hielten Sie für möglich?

[b]Tom Segev:[/b] Klar. Er hatte doch so viele Feinde, die ihn aufrichtig hassten.

[b]DIE ZEIT:[/b] Dann wäre er einer der größten Hochstapler der jüngeren Geschichte gewesen.
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Barbarossas Welt

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Viele Kostbarkeiten, kein Panorama: Die große Staufer-Schau in Mannheim besticht im Detail – ihr neues Bild der Zeit aber bleibt abstrakt.


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Miniatur des Heiligen Kaisers Friedrich Barbarossa. Sie stammt aus einer Handschrift von 1188 und liegt in der Vatikanischen Bibliothek

Dieser Zahn ist kein Zahn. Die »Reliquie des Heiligen Kaisers Friedrich Barbarossa«, seit Jahrhunderten verpackt in einem unscheinbaren Papierknäuel und heftig verehrt, entpuppte sich als ein morsches Stückchen Holz. Auch wird der Stauferkaiser, der 1190 auf seinem zweiten Kreuzzug in einem Fluss ertrank, nicht zu neuem Leben erwachen, wie es die Sage verheißt. Friedrich I. ist der sagenumwobenste, gefürchtetste, verachtetste, christlichste und vermeintlich deutscheste aller deutschen Kaiser. Wer von den Staufern handeln will, kommt um diesen Mythos nicht herum. Und so bilden ein Foto des ikonischen Barbarossa-Denkmals am thüringischen Kyffhäuser und der vermeintliche Zahn den Auftakt der Mannheimer Ausstellung. Die Aufnahme der wilhelminischen Barbarossa-Statue haben die Kuratoren in kleine Stücke geteilt und räumlich versetzt vor eine Wand montiert. Den Personenmythos der Staufer, so viel ist klar, will man hier gleich zu Beginn kräftig zerlegen.
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Weltenherr im Röntgenstrahl

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Forscher enthüllen das Geheimnis um die berühmte Goldstatue Friedrich Barbarossas. Im Inneren sind modrige Knochen verborgen. Doch wohin verschwand die Leiche des Mythenkaisers?

Ohne Gewalt wäre der Schwabe nie zum "Himmelskaiser" aufgestiegen. Feinde ließ er hängen, ihre Ernte vernichten und ihre Städte mit Belagerungsmaschinen zertrümmern. Mailand eroberte er gleich zweimal und legte es in Schutt und Asche.

Doch weil Barbarossa ("Rotbart") seine Gegner auch geschickt mit Verträgen umgarnte und zudem jedem Attentäter entkam, der ihn mit Gift oder Dolch töten wollte, hält die Forschung ihn für einen ziemlich ausgekochten Burschen.

Das Urteil ist durchaus wörtlich zu nehmen. Als Friedrich I. (1122 bis 1190) während des dritten Kreuzzugs im Orient plötzlich ertrank, sahen sich seine Begleiter genötigt, den faulenden Leich-nam im Eilverfahren in einem Wasserbottich zu erhitzen und das Fleisch zu garen.
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Zeitkapsel voller Schmetterlinge

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Das Lebenswerk eines Naturforschers versank 1939 im Atlantik. Ein einziger Koffer bleibt übrig.[/b]

Ende August 1939 verließ das Handelsschiff Inn den brasilianischen Hafen Pará mit Kurs auf Deutschland. Wäre es in Hamburg angekommen, gälte Arnold Schultze heute als einer der großen deutschen Naturforscher des 20. Jahrhunderts. Doch Schultze hatte Pech: Die Weltgeschichte bescherte ihm den GAU eines Forscherlebens.

Denn die Inn liegt auf dem Meeresgrund. Mit ihr Zehntausende Käfer und Pflanzenblätter, Wurzeln und Tagebuchseiten, Samen und Skizzen: die Dokumente einer viereinhalbjährigen Sammeltour durch Ecuador. Am 3. September 1939 – die Schultzes waren bereits auf See – erklärten nämlich die Alliierten dem Deutschen Reich den Krieg. Die Atlantikblockade trat in Kraft. Am 5. September versenkten die Briten südwestlich der Kanaren das Schiff samt Sammlung. Das Paar wurde gefangen genommen. Internierung in Dakar, Unterschlupf auf Madeira, 1948 der Tod: Die Öffentlichkeit bekam keine Gelegenheit, Arnold Schultzes Schaffen zur Kenntnis zu nehmen. Selbst die Herbarien und Aufzeichnungen, die er vor Ausbruch des Kriegs an das Botanische Museum in Berlin-Dahlem versandt hatte, raffte ein Bombenangriff dahin. Aus dem Gedächtnis heraus brachte Schultze zwar auf Madeira noch »Pflanzengeographische Beobachtungen« zu Papier. Mit den Originalen aber war die Forscherleistung im Ozean versenkt.

Doch der Zufall schlug nicht nur am 5. September zu. Wochen vor der Abreise hatte Schultze in Kolumbien einen Koffer per Post aufgegeben. Er erreichte Berlin, wurde im Naturkundemuseum registriert als »Koffer 41/Trockenmaterial«. Nur ausgewertet hat den Inhalt niemand. Bis 2006.
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Der Kalender-Macher

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Vor 300 Jahren starb Gottfried Kirch. Er war ein exzellenter Himmelsbeobachter und astronomischer Rechner. Seine Arbeiten in Berlin wurden zur Keimzelle der deutschen Forschung.[/b]

Die Jahrhundertwende steht bevor und der Kurfürst blickt neidvoll nach Paris und London. Aufstrebende Universitäten und Akademien, prachtvolle Bauwerke, verleihen dem Ruf der dortigen Herrscher Glanz. Friedrich III., Markgraf von Brandenburg und wegen einer verkrüppelten Schulter der „Schiefe Fritz“ genannt, plant deshalb Großes – für sich und für Berlin. Er will nicht nur als Friedrich I. erster König in Preußen werden – die Krönung findet am 18. Januar 1701 statt – er lässt gleichzeitig das eher provinzielle Berlin zur prächtigen Barockstadt ausbauen.

Auf Anregung von Gottfried Wilhelm Leibniz gründet er zur Feier der Jahrhundertwende 1700 die Kurfürstlich-Brandenburgische Societät der Wissenschaften. Gleichzeitig soll eine Sternwarte gebaut werden, zu deren erstem Königlichen Astronomen der Noch-Kurfürst Gottfried Kirch beruft. Kirch ist zu diesem Zeitpunkt bereits 60 Jahre alt, ein exzellenter Himmelsbeobachter und astronomischer Rechner, der sein Geld mit der Herausgabe von Kalendern verdient.
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Sie nannten ihn Biffy

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Keith Jeffrey hat ein Enthüllungsbuch über den britischen Auslandsgeheimdienst geschrieben. Laut dem Historiker war der echte James Bond ein Boxer. Und unattraktiv.[/b]

James Bond hieß in Wirklichkeit Wilfred, wurde von Kollegen wegen seiner Boxkünste Biffy (Boxer) genannt und ist 1990 im biblischen Alter von 90 Jahren im englischen Surrey gestorben. Dies ist nur eine von vielen teils wunderlichen Enthüllungen der ersten offiziellen Geschichte des britischen Auslandsgeheimdienstes MI6. Das Buch wurde vom Belfaster Historiker Keith Jeffrey geschrieben, der Zugang zu allen Archiven des Secret Intelligence Service (SIS), so der offizielle Name, erhielt – aber nur bis 1949. “Dann begann der Kalte Krieg und man legte die Grundlagen für langfristige Operationen, die bis 1989 gingen. Das nächste Buch wird vielleicht die Periode 1949 bis 1989 abdecken, aber dafür ist es noch viel zu früh”, sagt Professor Jeffrey.
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"Afrika ist kein Kontinent ohne Geschichte"

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Historiker blicken über den Tellerrand: Wie ist nationale Geschichte global verknüpft? Der Forscher Andreas Eckert über neue Perspektiven auf dem Deutschen Historikertag.[/b]

[b]Frage:[/b] Herr Eckert, der deutsche Historikertag ist dem Thema "Über Grenzen" gewidmet. Spiegelt sich in dem Titel tatsächlich ein Trend Ihrer Zunft?

[b]Andreas Eckert:[/b] Das Thema signalisiert, dass sich Deutschland nicht mehr vornehmlich mit der Nationalgeschichte beschäftigt, sondern auch mit außereuropäischen Ländern. Jürgen Osterhammels "Die Verwandlung der Welt" etwa war ein großer Erfolg, auf dem Buchmarkt setzt sich der Blick über den Tellerrand durch. Auch in den Schulen wird das Thema wichtiger. Die Lehrer haben sich mit als erste dafür interessiert. Auch der Trend vorangegangener Historikertage setzt sich fort, auf denen die transnationale Geschichtsschreibung auch eine Rolle gespielt hat.

[b]Frage:[/b] Erstmals gibt es beim Historikertag eine Sektion zur "Globalgeschichte". Was ist das eigentlich?

[b]Andreas Eckert:[/b] Globalgeschichte ist weniger eine Methode als eine Perspektive. Es gilt, Nationalgeschichte als Produkt von Verflechtungen und Verbindungen mit anderen Erdteilen zu sehen. Globalgeschichte kann zum Beispiel bedeuten, dass sich jemand mit japanischem Kolonialismus in Taiwan beschäftigt und damit, wie Japan sich dabei an europäischen Kolonialmächten orientiert.

[b]Frage:[/b] Ist Globalgeschichte also Staats- und Strukturgeschichte?
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(C) Daniel Oswald