Karl May – Häftling, Hochstapler, Hochliterat?

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Erst saß er jahrelang im Gefängnis, dann wurde er mit Winnetous Abenteuern berühmt. Vor Karl Mays 100. Todestag erscheinen gleich zwei Biografien.[/b]

Anno 1874 öffnen sich für den Häftling mit der Nummer 402 nach vier Jahren die Tore des Zuchthauses Waldheim bei Chemnitz. Er saß dort wegen wiederholter Hochstapelei und kleinerer Diebstähle. Unter anderem hatte er sich als Augenarzt Dr. med. Heilig ausgegeben. Seine Hauptbeschäftigung im Gefängnis bestand im Zigarrenrollen, bei Ungehorsam drohte Dunkelarrest.

Als er entlassen wird, sagt er, er wolle nach Amerika auswandern. Er ist 32 Jahre alt. Seine Eltern, arme Weber, hatten ihr gesamtes Erspartes für die Ausbildung des Sohnes zum Lehrer ausgegeben. Nummer 402 ist also auf der ganzen Linie gescheitert. Sein weiterer Lebensweg scheint vorgezeichnet: In diesem Alter wird er es kaum noch zu etwas bringen. Gut möglich, dass er erneut auf die schiefe Bahn gerät.
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Braune Kriminalisten in neuen Ämtern

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2011 feierte das Bundeskriminalamt 60. Geburtstag. Aufgebaut wurde die Behörde von Kriminalisten, die im Dritten Reich für Folter und Massenmord verantwortlich waren.
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Eine Woche nachdem der Bundestag am 8. März 1951 das "Gesetz über die Einrichtung eines Bundeskriminalpolizeiamtes (BKA)" verabschiedet hatte, berichtete der Spiegel über die geplante neue Behörde. Das Nachrichtenmagazin wusste, dass Innenminister Robert Lehr (CDU) als Berater für die Organisation des Amtes den Kriminalisten Harry Söderman engagiert hatte. Der unter Kollegen als "Revolver-Harry" bekannte Schwede war mit der deutschen Kriminalpolizei bestens vertraut. Während der NS-Zeit unterhielt er Kontakte zu dem Leiter der Kriminalpolizei Arthur Nebe und dem Berliner Polizeipräsidenten Wolf Heinrich Graf von Helldorf.

Söderman, so forderte der Spiegel, sollte beim Aufbau der zentralen bundesdeutschen Polizeibehörde doch bitte an seine alten "Lehrmeister" denken, die wegen ihrer Vergangenheit "kaltgestellt, zwangspensioniert oder auf Wartegeld gesetzt" waren. Der Autor wusste, wovon er sprach: Bernd Wehner gehörte als Leiter der Reichszentrale zur Bekämpfung von Kapitalverbrechen zum Führungskorps der Kriminalpolizei im NS-Staat.
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Der Kaiser war nur Gips

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1911 endete in China die Agonie des jahrtausendealten Kaisertums – am 1. Januar 1912 wurde das Land Republik.


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Der ehemalige Kaiser Chinas, Daoguang

Sie belügen den Kaiser voller Demut und Hingabe. Schicken ihm seine Beamten ihre Berichte, dann tun sie dies »respektvoll kniend«, aus dem Wort »ich« wird »Euer Sklave« – was aber noch lange nicht heißt, dass ihre Berichte den Tatsachen entsprechen. Wer hätte es auch gewagt, seine Anstellung, vielleicht gar seinen Kopf zu riskieren, um dem Kaiser die Wahrheit zu sagen?

Die Wahrheit wäre mitten im ersten chinesisch-britischen Opiumkrieg zwischen 1839 und 1842 gewesen, dass Zehntausende Chinesen gestorben sind und die Briten von Sieg zu Sieg eilen, ohne dass die Soldaten des Kaisers ihnen auch nur das Geringste entgegensetzen können. Die Kriegsdschunken, die Forts, das so gewaltige wie korrupte Heer – sie können kaum etwas ausrichten.

Doch Chinas Kaiser Daoguang weiß von all dem nichts. So wie er nicht weiß, was die Briten eigentlich genau begehren. Seine Beamten haben sich wiederholt geweigert, das Schreiben entgegenzunehmen, in dem die Engländer ihre Friedensbedingungen diktieren. Und am allerwenigsten ahnt der Kaiser, dass die Ankunft der Fremden den Anfang vom Ende einleitet, den letzten Akt in der Geschichte der Qing-Dynastie. Wenige Jahrzehnte später wird das Reich zusammenbrechen wie ein Kartenhaus. Und mit ihm das mehr als zweitausendjährige chinesische Kaisertum.
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Der erste Diener und seine Untertanen

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Landreform, Folterverbot, Religionsfreiheit: Friedrich II. gilt als der fortschrittlichste Herrscher seiner Zeit. Aber war er das wirklich?


Knapp zwei Jahre nach dem Tod Friedrichs des Großen wurde in Berlin ein Edikt veröffentlicht, in dessen Mitte, in einer eigenen Zeile und durch Sperrdruck hervorgehoben, das Wort "Aufklärung" prangte. Doch nicht als Zeichen des Triumphes war es ausgestellt, sondern zur Anklage: Friedrichs Nachfolger Friedrich Wilhelm II. erklärte mit dem von Johann Christoph von Wöllner verfassten Erlass 1788 den »Krieg gegen die Aufklärung« – und damit nicht nur gegen die preußischen Reformen der vergangenen Jahrzehnte, sondern gegen einen europäischen Entwicklungsprozess, der das ganze Jahrhundert angedauert hatte.
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Schuld und Sülze

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Durch Zufall wurde im Juni 1919 in Hamburg ein Lebensmittelskandal bekannt: Der Industrielle Jacob Heil hatte aus Fleischabfällen Sülze hergestellt und an die hungernde Bevölkerung verscherbelt. Der Ekel-Eklat trieb die Bevölkerung auf die Barrikaden - bis die Reichswehr die Revolte brutal niederknüppelte. [/b]

Schweigend wuchtete Fuhrmann Rüssau ein Fass nach dem anderen auf seinen Wagen. Regelmäßig fuhr er für die Fleischwarenfabrik Heil & Co. Dieses Mal sollte er verdorbene Fleischabfälle nach Ochsenwerder bringen, die die Bauern dort als Dung verwendeten. Für ihn war dieser Morgen des 23. Juni 1919 wie alle anderen. Bis eines der Fässer aus Versehen auf den Boden fiel und zerbarst. Eine stinkende, undefinierbare gelbliche Masse ergoss sich über die Straße. Fassungslos starrten einige herumstehende Arbeiter den widerlichen Brei an.
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Bruder Franz

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"Licht aus Assisi": Eine faszinierende Ausstellung in Paderborn beleuchtet das Leben des heiligen Franziskus.
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Er war uns, wir bekennen es, recht fremd. Es störte seine antiintellektuelle Einfalt, sein gottbesonntes Gemüt. Seine Leibfeindschaft stieß ab, seine willentliche Armut provozierte. Und die legendäre Vogelpredigt, die Missionierung der Fische, die Bekehrung des mörderischen Wolfs von Gubbio – nun gut, das sind Fioretti, herzensfromme Blümelein katholischer Andachtspoesie. Aber was sagt er uns Heutigen, der heilige Franz von Assisi? Die Menschgestalt Gottes bleibt Jesus von Nazareth. Und unser Schutzpatron des Evangeliums ist nicht heilig, sondern Martin Luther.

So fühlt der protestantische Reporter, im trutzigen Anmarsch auf Paderborn. Dort zeigt das Diözesanmuseum die große Ausstellung Franziskus. Licht aus Assisi. Am Eröffnungstag gewährt uns der emphatische Direktor Christoph Stiegemann eine mehrstündige Vor-Schau, beginnend mit Elementarunterweisung. Gern denkt ja der Protestant, die wahre Kirchengeschichte habe erst 1517 begonnen, mit dem hämmernden Mönch zu Wittenberg.
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Eine Kerze für den ANC

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Der legendäre African National Congress, Südafrikas Freiheitspartei, feiert in diesen Tagen seinen 100. Geburtstag. Doch was ist nur aus ihm geworden?


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Auf einem Protestmarsches im Oktober 1989 in Johannesburg fordern Demonstranten die Freilassung inhaftierter Mitglieder des African National Congress.

Beginnt diese Geschichte in einem windschiefen Schuppen? Oder – wofür mehr spricht – in einer alten methodistischen Kirche? Die Chronisten sind sich nicht einig. Fest stehen nur der Ort und das Datum: Bloemfontein, 8. Januar 1912.

An diesem Tag versammelte sich in der verschnarchten Stadt auf dem südafrikanischen Highveld eine recht seltsame Männergesellschaft. Die Herren trugen Fracks oder Gehröcke nach britischer Mode, Gamaschen und Zylinderhüte. Sie parlierten in gewähltem Englisch oder Afrikaans. Dazwischen sah man traditionelle Stammesführer, die in ihren königlichen Leopardenfellen wie Exoten wirkten.

Es waren gebildete Schwarze aus allen Regionen Südafrikas, Lehrer, Pastoren, Buchhalter, Geschäftsleute und Journalisten. Der Dichter Sol Plaatje gehörte dazu, der Shakespeare in die Sprache Setswana übersetzt hatte, und der Rechtsanwalt Pixley ka Isaka Seme, ein vom Gedankengut des englischen Liberalismus beseelter Oxford-Absolvent.
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Unter dem Getöse von dreihundert Kanonen

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Mehr als 20 Jahre lang führte Friedrich Krieg – mit einer Armee, die ihresgleichen suchte in Europa. Eisern diszipliniert marschierten die preußischen Soldaten ins Musketenfeuer. Es befehligte sie: der König selbst.


Dunkel, feindlich und drohend ragt die steile Wand empor, vielleicht zehn Meter ist sie hoch, wie eine Trutzburg erhebt sie sich über den morastigen Hohlweg, den die Einheimischen von jeher Kuhgrund nennen. Hunderte haben an dieser Anhöhe ihr Leben gelassen, jeder Zentimeter Boden muss blutgetränkt gewesen sein. »Für Friedrichs Soldaten war es sicher nicht unmöglich, dort hochzukommen«, sagt Grzegorz Podruczny. »Aber es war wie der letzte Schritt eines toten Mannes.«

Niemand kennt das Schlachtfeld von Kunersdorf, das heute Kunowice heißt, jene Stätte unweit der Oderstadt Frankfurt, an der einst das blutigste Gemetzel des Siebenjährigen Krieges stattfand, besser als Podruczny. Systematisch hat der polnische Kunsthistoriker vom Collegium Polonicum in Słubice Wald und Felder nach Zeugnissen der Schlacht abgesucht. Er fand Bleigeschosse, Kartätschenkugeln, Uniformknöpfe und sogar das Skelett eines russischen Grenadiers, den eine Kugel von vorn ins Schulterblatt getroffen hatte. Und jedes Mal, wenn Podruczny vor der steilen Anhöhe steht, fragt er sich: »Was hat Friedrich den Großen bloß bewogen, seine Soldaten in ein derart sicheres Verderben zu schicken?«
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Kirchen, Keller, Käfige

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Heute vor genau 1.219 Jahren, am 16. Januar 793 um zehn Uhr morgens, gründete der Missionar Liudger an einer Furt mit dem Ausruf: "Jetzt gründe ich die Stadt Münster in Westfalen!"


Als Allererstes baute er einen Dom und ein Brauhaus, und so dauerte es auch nicht mehr lange, bis aus allen Richtungen bisher versprengte Münsteraner herbeigeströmt kamen, die nun endlich ein Zuhause hatten.
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Massaker am Rande Europas

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In den Straßen von Londonderry machten britische Fallschirmjäger Jagd auf katholische Demonstranten. 14 Menschen starben, auch Minderjährige wurden gezielt erschossen. Ein Rückblick auf das kaum vorstellbare Massaker am Rande Europas.
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Januar 1972: Deutschland beschließt den Radikalenerlass, Joe Frazier boxt, der erste Taschenrechner kommt auf den Markt. Und am äußersten Rande Europas geschieht etwas Unvorstellbares: ein Massaker, verübt von Soldaten Ihrer Majestät an den eigenen Bürgern.
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Bismarck im O-Ton

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In den USA sind verschollen geglaubte Tonaufnahmen des deutschen Reichskanzlers Otto von Bismarck aufgetaucht. Eine Hörprobe offenbart Überraschendes.

Der Thomas Edison National Park im amerikanischen Bundesstaat New Jersey hat diese Woche einen sensationellen Fund bekanntgegeben: Die als verschollen geglaubten Tondokumente mit der Stimme des mächtigen deutschen Reichskanzlers Otto von Bismarck aus den Jahren 1889 und 1890 sind aufgetaucht.
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(C) Daniel Oswald