Die polnische Parallelgesellschaft

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Hunderttausende Menschen aus Preußisch-Polen kamen nach 1871 ins Ruhrgebiet. Hier bewahrten sie ihre Sprache und Kultur, scharf beobachtet durch die Obrigkeit.[/b]

Migrationshintergrund«, das sperrige Wort, ist eine Erfindung der neunziger Jahre. Doch Menschen, die auf der Suche nach Arbeit kamen und dauerhaft blieben, die gibt es auch in Deutschland schon seit Langem. Die Integration von Zuwanderern ist ein Thema nahezu aller modernen Gesellschaften. Viele Probleme sind trotz schnellen Wandels ähnlich geblieben, auch wenn sich die Konstellationen nie völlig gleichen.

Ein historisches Lehrbuchbeispiel bietet das Ruhrgebiet.
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Wie Paris zur Weltstadt wurde

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1852 wird Baron Haussmann Präfekt von Paris – er lässt Slums abreißen, die Bourgeoisie zieht ein. Die aufkommende Fotografie dokumentiert diese Zeit des Wandels.


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Paris im Frühling 1908: Vor der Ausstellungshalle Grand Palais warten Kutschen und Taxen auf Fahrgäste

Am Ende rast der Zug führerlos dahin, nachdem die beiden Männer in tödlichem Zweikampf von ihrer Lokomotive gestürzt sind, mit 18 Wagen voller Soldaten, die der Front entgegeneilen. "Was bedeuten schon die Opfer, die die Maschine auf dem Weg zermalmt hat! Fuhr sie nicht dennoch in die Zukunft, unbekümmert um das verschüttete Blut? Sie rollte, sie rollte."

So endet der Roman [I]La bête humaine[/I], "Die Bestie Mensch", von Émile Zola, erschienen 1890. Die Eisenbahn hat darin die Hauptrolle, als Schauplatz fürchterlicher Geschehnisse, aber ebenso als Metapher menschlicher Triebe. Es ist das goldene Zeitalter der Eisenbahn, und insbesondere die Route, auf der Zola die Handlung spielen lässt, hat für Paris enorme Bedeutung: die Strecke vom Bahnhof Saint-Lazare aus. Schrittweise war sie ausgebaut worden, seit 1837 zu den nahen Vororten im Westen, später die Seine entlang bis zur Küste. Der Bahnhof Saint-Lazare bedeutete Freizeit, Sommerfrische, Ausbruch aus der lärmenden Großstadt.

Zugleich aber steht dieser Bahnhof für den radikalen Umbau, den Baron Haussmann, der Präfekt von Paris zu Zeiten des selbsternannten Kaisers Napoleon III., der französischen Hauptstadt verordnete. Noch war Louis-Napoléon "nur" Präsident, als er Georges-Eugène Haussmann im kalten Januar 1849 zum ersten Mal im Élysée-Palast empfing, der von den Verwüstungen der 48er-Revolution gezeichnet war. Doch der künftige Kaiser erkannte in dem fähigen Provinzpräfekten genau den Mann, den er suchte: den Planer seiner monumentalen Hauptstadt.
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Mit Sense und Pistole für die Republik

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Dutzende Freischärler sterben im Feld, Hunderte werden verurteilt und in Verliese gesperrt: Der von Friedrich Hecker im Frühjahr 1848 angeführte Revolutionszug endet kläglich. Er selbst kann den Häschern entkommen – und wird zum Mythos.
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Als Friedrich Hecker im September 1848 in Le Havre den Dampfer Hermann besteigt, um in die USA zu emigrieren, macht er sich keine Hoffnungen mehr. Der wegen Hochverrats gesuchte Aufständische schreibt in diesen Tagen an die Mitkämpferin Emma Herwegh: »Es sieht düster aus, geehrte Frau, die Freiheit verhüllt ihr Haupt, und mich zieht es heimwärts, nach der Heimat, wohin ich mich seit 14 Jahren sehne, nach dem Westen Amerikas.« Die Stimmung des berühmten Freischarenführers entspricht der Realität: Nach den Frühjahrsaufständen 1848 eröffnet die badische Justiz 3500 Hochverratsprozesse, Hunderte Teilnehmer landen für Jahre in feuchten Kellerverliesen, gnadenlos zieht der Staat die Vermögen der Inhaftierten ein. In zahlreichen Städten und Dörfern herrscht der Belagerungszustand, und rund 30.000 hessische, bayerische und württembergische Soldaten wachen als Besatzungsarmee über die wiederhergestellte politische Grabesruhe im Land.
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Einheit durch Reinheit

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Noch immer werden deutsche Frühnationalisten wie Ernst Moritz Arndt als aufrechte Patrioten verehrt. Dabei nehmen ihre Schriften schon in vielem die rassistisch-völkische NS-Ideologie vorweg.[/b]

In Berlin-Zehlendorf trägt seit 1935 eine evangelische Kirche seinen Namen, in Greifswald seit 1933 eine Universität, zahlreiche Gymnasien sind nach ihm benannt, und in jeder größeren deutschen Stadt gibt es eine Straße, die an ihn erinnert. Das Straßenschild der Hamburger Ernst-Moritz-Arndt-Straße verzeichnet brav die Lebensdaten (1769–1860) und gibt den Beruf des Mannes an: Dichter.

»Ich will den Haß, festen und bleibenden Haß der Teutschen gegen die Franzosen und ihr Wesen, weil mir die jämmerliche Äfferei und Zwitterei mißfällt, wodurch unsere Herrlichkeit entartet und verstümpert [...] ward; Ich will den Haß, brennenden und blutigen Haß.« Dies »dichtete« Arndt 1813 in seiner Schrift Über Volkshaß , einem antifranzösischen Pamphlet, das sich auf den ersten Seiten liest wie eine Analyse des Gegenstandes, bevor der Autor unmissverständlich klarmacht, dass er jenen »Volkshaß«, dessen Mechanik er beschreibt, aus vollem Herzen wünscht.

Der Hass gegen die Franzosen, schreibt Arndt, »glühe als die Religion des teutschen Volkes, als ein heiliger Wahn in aller Herzen, und erhalte uns immer in unserer Treue, Redlichkeit und Tapferkeit«. Denn: »Es ist eine unumstößliche Wahrheit, daß alles, was Leben und Bestand haben soll, eine bestimmte Abneigung, einen Gegensatz, einen Haß haben muß.« Nein, hier »dichtet« einer nicht im emotionalen Überschwang. Arndt hetzt mit kühlem Kopf.
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Deutschlands sonderbarer Weg

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Der Historiker Heinrich August Winkler über die Deutschen und ihr Verhältnis zur Nation, über die autoritäre Deformation des Bürgertums im 19. Jahrhundert und die Spätfolgen des aufgeklärten Absolutismus
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Napoleons Meisterschüler

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Ein Porträt des legendären preußischen Militärreformers und Generals August Neidhardt von Gneisenau, der vor 250 Jahren geboren wurde.


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Ein Porträt des Generalfeldmarschalls August Wilhelm Antonius Graf Neidhardt von Gneisenau des Malers Franz Krüger (1797-1857)

Es gibt kuriose historische Zufälle. Wie diesen hier: Ausgerechnet zum 250. Geburtstag August Neidhardt von Gneisenaus, der einst für die Wehrpflicht in Preußen stritt, wird die Wehrpflicht in Deutschland aufgehoben. Ein schönes Festtagsgeschenk! Zumal an den verehrten General, der zu jenen Militärs im Umkreis der preußischen Reformer Hardenberg, Stein und Humboldt gehörte, auf die sich die Bundeswehr gern beruft. An Scharnhorsts 200. Geburtstag ist sie 1955 offiziell gegründet worden – Männer wie er und Gneisenau verkörperten damals die einzige militärische Tradition, an die man noch halbwegs unverfänglich anschließen konnte.

Gneisenau zählt neben Gerhard Scharnhorst und Carl von Clausewitz zu den bedeutendsten Militärreformern Preußens, vor allem aber: Er ist der einzige echte Kriegsheld unter ihnen. Doch sooft man seine Taten im Kampf gegen Napoleon beschrieben hat, so wenig wurde über seine Herkunft und Jugend bekannt.

Er ist ein Kind des Mars, geboren mitten im Siebenjährigen Krieg, am 27. Oktober 1760 in Schildau bei Torgau an der Elbe. Gneisenaus Vater August Wilhelm Neidhardt gehört als Artillerieleutnant der sogenannten Reichsarmee an, die aus Kontingenten der kleineren deutschen Staaten besteht. Seine Frau Maria Eva ist ihm ins Feld gefolgt. Sie stirbt ein Jahr später in Fürth, da ist der Junge schon in der Obhut einer Schildauer Pflegefamilie.

Der Kleine lebt in Armut, barfuß soll er die Gänse gehütet haben. Doch im Jahre 1767 ändert sich sein Leben.
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Deutschlands sonderbarer Weg

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Der Historiker Heinrich August Winkler über die Deutschen und ihr Verhältnis zur Nation, über die autoritäre Deformation des Bürgertums im 19. Jahrhundert und die Spätfolgen des aufgeklärten Absolutismus.

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Geknebelte Opposition: Die Karikatur "Der Denkerclub" von 1819 prangert Zensur und Verfolgung im Deutschen Bund an

ZEIT Geschichte: Herr Winkler, warum haben sich die Deutschen in ihrer Geschichte so schwergetan mit der Freiheit?

Heinrich August Winkler: Der Historiker Rudolf Stadelmann hat es 1948 einmal so formuliert: »Nicht die deutsche Reaktion, sondern der deutsche Fortschritt hat Deutschland gegenüber dem Westen zurückgeworfen.« Ein auf den ersten Blick paradoxer Befund. Stadelmann spielte damit auf die Langzeitwirkungen des aufgeklärten Absolutismus an: Die Deutschen hätten statt einer Revolution »von unten« Reformen »von oben« erwartet, die im Prinzip dasselbe bringen würden, nur ohne Blutvergießen. Diese Idee hat das deutsche Bürgertum des 18.und 19. Jahrhunderts tatsächlich tief geprägt, und sie hat die Phase des aufgeklärten Absolutismus lange überdauert. Auch in der preußischen Politik taucht sie immer wieder auf, etwa in den Reformen von Stein und Hardenberg nach den Siegen Napoleons von 1806/07. Nicht zu Unrecht ist auch Otto von Bismarcks kriegerische Reichseinigungspolitik der Jahre 1864 bis 1871 von vielen Zeitgenossen als eine »Revolution von oben« bezeichnet worden.

ZEIT Geschichte: Es gab also keine Revolution in Deutschland, weil die deutschen Staaten zu aufgeklärt waren, allen voran Preußen, das unter Friedrich dem Großen zu einer Großmacht aufgestiegen war?

Winkler: Ja. Wobei man ergänzen muss, dass in Frankreich die Bevölkerung zu aufgeklärt war, um sich je mit einem aufgeklärten Absolutismus begnügen zu können. Andererseits hat es ja durchaus eine deutsche Revolution gegeben – die von 1848/49, die aber in der Hauptsache gescheitert ist. Und zwar deshalb, weil das Doppelziel Einheit und Freiheit die deutschen Liberalen und Demokraten überfordert hat. Dieses Ziel, das darf man nicht vergessen, war ehrgeiziger als das der französischen Revolutionäre. Die fanden 1789 bereits einen, wenn auch vormodernen, Nationalstaat vor, und in der Revolution versuchten sie, ihn auf eine vollkommen neue gesellschaftliche und politische Grundlage zu stellen. Die Deutschen sahen sich mit der Aufgabe konfrontiert, einen Nationalstaat und einen Verfassungsstaat gleichzeitig zu erschaffen.

ZEIT Geschichte:Und beiden Zielen widersetzten sich die alten Mächte...

Winkler: Allein das Verhältnis zwischen den beiden deutschen Großmächten Österreich und Preußen stellte die Liberalen vor eine fast unlösbare Aufgabe. Kleindeutsch oder großdeutsch? So lautete die entscheidende Frage. Zu Beginn der Revolution kam für alle Beteiligten im Grunde nur die großdeutsche Lösung infrage: Niemand im liberalen und demokratischen Lager dachte damals an ein Deutschland ohne Österreich. Während der Revolution begann sich dann die Einsicht durchzusetzen, dass die Einheit mit Österreich nicht zu erreichen war. Realistisch war einzig ein Kleindeutschland ohne Österreich unter preußischer Führung. Doch auch diese Lösung erwies sich 1849 als nicht mehr durchsetzbar, weil die alten Gewalten inzwischen zu sehr wiedererstarkt waren. Zudem hätte auch Preußen die Kraftprobe mit Österreich nicht gewagt, die wahrscheinlich einen Konflikt mit Russland nach sich gezogen hätte. Nicht zuletzt hätte die kleindeutsche Lösung im Sinne der Frankfurter Nationalversammlung den Übergang von einem Königtum von Gottes Gnaden zu einem Kaisertum von Volkes Gnaden bedeutet – eine Vorstellung, die Friedrich Wilhelm IV. brüsk von sich wies.

ZEIT Geschichte: Wäre 1848 ein demokratischer Wandel nicht auch ohne deutschen Nationalstaat denkbar gewesen?
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Emilia Plater: Die Partisanin

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Das kurze, kühne Leben der polnischen Gräfin Emilia Plater, die 1831 mit 300 Mann in den Befreiungskampf gegen die Truppen des Zaren zog.


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Emilia Plater in Uniform, auf dem Weg ins Gefecht

Am 29. März 1831 entschließt sich Emilia Plater zum Kampf. An diesem Tag erscheint die polnische Gräfin auf dem Gut ihrer Verwandten im ostlitauischen Flecken Dusiaty. Sie hat eine Art von Uniform angelegt, graublauer Stoff mit purpurfarbenen Aufschlägen. Zur Seite trägt sie den Säbel, das Haar hat sie kurz geschnitten.

Es ist Sonntag. In der Kirche von Dusiaty versammeln sich die Bauern zur Messe. Kein gewöhnlicher Gottesdienst. Der Priester verkündet im Namen des Gutsherrn die Befreiung all jener Bauern von der Leibeigenschaft, die am Aufstand gegen die Herrschaft des Zaren teilnehmen. Denn schon seit November streiten überall im Königreich Polen Freiheitskämpfer für die Unabhängigkeit des Landes.

Nach der Messe ergreift die 25-jährige Plater das Wort. Sie spricht die Sprache der Landleute, sie spricht Litauisch und Weißrussisch. In feurigen Worten ruft sie die Bauern zum Kampf auf. Sie spricht von den überhöhten Steuern, die St. Petersburg verlangt, über den harten Dienst in der russischen Armee, über den Terror der zaristischen Polizei. Sie wirbt 280 Bauern als Fußvolk und dreißig Reiter, das wird ihre Truppe.
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Hass Hass Hass

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Hartwig von Hundt-Radowsky war 1819 der erste Deutsche, der die Vernichtung der Juden forderte. Sein Leben und Werk hat jetzt der Historiker Peter Fasel erforscht.[/b]

[b]DIE ZEIT:[/b] Die Juden, so schreibt Hartwig von Hundt-Radowsky 1819, bekommen zu viele Kinder, sind arbeitsscheu und lassen sich nicht in die christlich-deutsche Gesellschaft integrieren. Erinnert Sie das nicht an die Thesen eines bekannten Bundesbankers über die muslimischen Einwanderer heute?

[b]Peter Fasel:[/b] Flüchtig betrachtet vielleicht. Aber Sarrazin will ja, so nehme ich doch sehr an, die muslimischen Deutschen in der Gesellschaft integriert sehen. Die Antisemiten damals hingegen waren strikt gegen jede Integration. Den integrierten Juden hielten sie sogar für den allergefährlichsten. Sie sprachen den Juden jede Möglichkeit ab, Bürger eines nichtjüdischen Staates zu sein. Selbst wenn ein Jude konvertierte, selbst wenn er sich in seinen Sitten und Gebräuchen anpasste, blieb er für sie »der Jude«, und das hieß für sie: dem christlich-deutschen Volk fremd und feind.

[b]DIE ZEIT:[/b] Woher kommt Hundts Hass?

[b]Peter Fasel:[/b] Zunächst aus einem antijüdisch eingestellten Elternhaus. Seine Eltern, von bürgerlichem Stand, hatten sich in Mecklenburg ein Rittergut gekauft. Dort wird er 1780 auch geboren. Im Laufe der napoleonischen Kriegswirren kann die Familie den Besitz nicht mehr halten. Zeitlebens kämpft Hundt, der sich selbst nobilitiert hat, als freier Schriftsteller gegen den sozialen Abstieg. Sein Leben ist auch eine Verlierergeschichte, bis zuletzt, bis zu seinem Tod 1835 im Schweizer Exil. Zur Erklärung seines Fanatismus allein reicht das allerdings kaum. Im Übrigen ist es keine zufällige, individuelle Marotte. Hundt steht ja mit seinem Hass nicht allein.

[b]DIE ZEIT:[/b] Judenhass hat es in allen christlichen Gesellschaften, in allen Teilen Europas gegeben. Was ist das Neue an diesem Antisemitismus des deutschen Biedermeier?

[b]Peter Fasel:[/b] Dieser moderne Antisemitismus beginnt schon etwas früher, paradoxerweise als Unterströmung innerhalb der Aufklärung. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts radikalisiert er sich. Es ist die Zeit der bürgerlichen Revolution und der beginnenden Industrialisierung. An die Spannungen und Ängste jener Jahre knüpft Hundt an. Sein Hass speist sich zwar zum großen Teil noch aus dem alten christlichen Antijudaismus, trägt aber deutlich rassistische, fast schon biologistische Züge, und das lange vor allen modernen Rassenlehren. Anders als die Kirchen in alter Zeit will er die Juden eben nicht zur Konversion bringen, zur Konversion zwingen, sondern er will sie vertreiben, vernichten.

[b]DIE ZEIT:[/b] Wie nah kommt er den Vorstellungen der Nazis?
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Wir sind das Volk!

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Seine Liebesgedichte rührten Generationen. Seine politische Lyrik inspirierte noch die Bürgerrechtler der DDR: Zum 200. Geburtstag Ferdinand Freiligraths ein Lebensbild.


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Dieses Ölgemälde, gemalt von Johann Peter Hasenclever, zeigt Ferdinand Freiligraths im Jahr 1851

Marlene Dietrich weint. In Maximilian Schells Filmporträt von 1984 versagt ihr die Stimme, als sie es vorliest, dieses berühmteste Liebesgedicht des Dichters: »O lieb, solang du lieben kannst! / O lieb, solang du lieben magst! / Die Stunde kommt, die Stunde kommt, / Wo du an Gräbern stehst und klagst! // [] Und hüte deine Zunge wohl, / Bald ist ein böses Wort gesagt! / O Gott, es war nicht bös gemeint, – / Der andre aber geht und klagt.« Als Marlene Dietrich abbricht, fährt Maximilian Schell fort: »Der Mund, der oft dich küsste, spricht / Nie wieder: Ich vergab dir längst!« Da bricht es aus der Schauspielerin heraus: »Ich kann das nicht sagen, ich muss nur heulen… Entschuldigung… Das sagen doch so viele Leute: ›Es war nicht bös gemeint‹ … Und was die schönste Zeile ist: ›Der andre aber geht und klagt.‹«

Die Gedichte des Ferdinand Freiligrath, sie haben ihre seltsam suggestive Kraft bewahrt. Das gilt für seine Liebespoesie wie für seine politische Lyrik. Und wenn sein Name auch aus manchem Schullesebuch verschwunden sein mag, seine Verse leben auf vielfältige Art weiter, wie nicht nur diese ergreifend rätselhafte Szene aus Schells Dietrich-Film zeigt.

Freiligrath war neben Heinrich Heine und Georg Herwegh der populärste deutschsprachige Lyriker zur Mitte des 19. Jahrhunderts, sein Einfluss immens. Seine Gedichte konnte ganz Deutschland auswendig; Schumann, Mendelssohn Bartholdy, Liszt und Carl Loewe haben sie vertont. Und wie in seinem Werk zwischen biedermeierlicher Romantik und revolutionärem Agitprop, so spiegelt sich in seinem ganzen Schicksal die deutsche Geschichte des 19. Jahrhunderts.
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Brandstifter im Biedermeier

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Wie man in Minden und andernorts den Hass auf die Juden schürte – und die Epoche zur Ursprungszeit des modernen Antisemitismus in Deutschland wurde.


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1843: In Minden rufen handgeschriebene Pamphlete mit Juden-Karikaturen zum Progrom auf

Im September 1843 kommt es in einem Geschäft der westfälischen Stadt Minden zu einem peinlichen Zwischenfall. Ein jüdischer Ladengehilfe bietet einer christlichen Frau beim Einkauf eine Oblate mit der Frage an: Ob sie auch einen Messias nehmen wolle? Das Ereignis sorgt für große Aufregung.

In den folgenden Nächten werden handgeschriebene Flugblätter verbreitet, auf denen sich Mindener über die angebliche Hostienschändung beschweren und zum »Verderben der Juden« aufrufen: »Christen! Der Jude fängt an, mit unserm grössten Heiligthume Spott zu treiben; er giebt den Kindern unsere Hostien, wodrin wir beim heiligen Abendmahle unsern Heiland verehren – zum Spott – sagt dabei: Hier habt ihr einen Messias. Fresst euren Heiland auf! – Schon das[s] ein Jude unsere Hostien verkauft ist eine Schande für die ganze Christenheit, nun noch dazu dieser Spott – das ist zuviel! – Verderben den Juden + diesen Verräthern unseres Heilands, diesen Blutsaugern der Christen. Der Jude arbeitet nicht und lebt bes[ser] wie wir, also fort mit diesem Ungezief[er], unser Vermögen hat er. Nöthiget ihn die[s] wieder abzugeben und dann: Marsch mi[t] diesen Müssiggängern!!«
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Die Frau, die einzig war

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[b]Zwischen Göttingens gelehrter Welt, Mainzer Republik und dem Jena der Romantik: Das leidenschaftliche Leben der Caroline Schlegel-Schelling.[/b]

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Die Frau weiß nicht, wohin. Sie kommt aus der Gegend um Leipzig, ist zuletzt auf einer Burg im Taunus interniert gewesen und sucht nun dringend ein neues Zuhause. Gotha bietet sich an, da hat sie Freunde. Aber die Gastgeber geraten ihretwegen gleich in Schwierigkeiten, sie muss wieder abfahren. Wohin bloß? Nach Amerika? Das erwägt sie ernsthaft. Entscheidet sich dann aber für Dresden. Die Stadt indes weist ihren Antrag auf Niederlassung ab. Jetzt bleibt nur noch ihre Geburtsstadt Göttingen. Doch von der Landesregierung in Hannover kommt die Verfügung, sie sei Persona non grata und dürfe Göttingen nicht betreten. »Meine Existenz in Deutschland ist hin«, klagt sie bitter.

Was um Himmels willen hatte sie verbrochen, die schöne junge Witwe von gerade mal dreißig Jahren, Mutter eines kleinen Mädchens und aus honettester Familie stammend?
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Der böhmische Traum

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Die Tschechen und Europa – das ist eine schwierige Geschichte. Wer sie verstehen will, sollte František Palacký kennen: Den Mann, den unsere Nachbarn als Vater der Nation verehren.

Eigentlich wollen sie ausgelassen feiern. Die vergangenen Wochen sind stürmisch gewesen und politisch brisant. Der Mittagstisch im Bürgerlichen Kasino, nah am Prager Rossmarkt, ist reich gedeckt. Die Elite der tschechischen Intellektuellen hat sich an diesem 11. April 1848 hier versammelt, darunter der Dichter Karel Jaromír Erben und der liberale Verleger und Politiker Graf Vojtěch Deym. Der Gastgeber aber heißt František Palacký. Auf den Tag genau vor 25 Jahren ist er nach Prag gekommen, das will er feiern, und natürlich soll auch auf seine Geschichte von Böhmen angestoßen werden, deren erster Band nun endlich auf Tschechisch erschienen ist.

Doch als Palacký eintrifft, bleibt keine Zeit mehr zum Feiern. In der Hand hält er ein Schreiben, das er den Freunden gerne vorlesen möchte, bevor er es abschickt. Es sei von größter Wichtigkeit.

Bis dato hat kaum jemand in Europa Notiz vom Unabhängigkeitsstreben der Tschechen genommen. Das soll sich jetzt ändern, mit diesem Brief. Einige Seiten lang, binnen weniger Stunden verfasst, auf Deutsch, glänzend in Ausdruck und Stil. Der Adressat: Alexander von Soiron, Präsident des Fünfzigerausschusses der entstehenden Frankfurter Nationalversammlung.

»Ich bin kein Deutscher«, schreibt Palacký. »Ich bin ein Böhme slawischen Stammes.« Bei aller Hochachtung für die »Vaterlandsfreunde« in Frankfurt am Main werde er dem Ruf in die Paulskirche, um dort als Abgeordneter an der Verfassung mitzuwirken, nicht nachkommen. Den »großdeutschen Herren« hält Palacký das Gesetz der Gleichheit aller Nationen entgegen. Böhmens Anschluss an Deutschland wäre das Ende einer tschechischen Nation, bevor sie jemals auf Europas Landkarte aufgetaucht ist. Politischer Selbstmord.
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Metternichs IM

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Wie Österreichs Staatskanzler Anfang des 19.Jahrhunderts den ersten modernen Überwachungsstaat in Deutschland schuf. Eine Würdigung zum 150. Todestag des Fürsten

Die Geschichte des deutschen Überwachungsstaates im zwanzigsten Jahrhundert – vom Büttelreich der Hohenzollern bis zum Stasiparadies der DDR – führt weit zurück ins frühe neunzehnte. Sie ist vor allem mit einem Namen verbunden: Klemens Fürst Metternich. Vom Wiener Kongress 1815 bis zur Revolution 1848 war er als österreichischer Außenminister und Staatskanzler der eigentliche Herr in Mitteleuropa. Und wohl selten nur in der Geschichte hat es einen mächtigen Politiker gegeben wie ihn: so virtuos und so unfähig zugleich.
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«Da die Zeit in Zeiten zerspringt»

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Das europäische Krisenjahr 1806 und das Dilemma legitimer Herrschaft
1806 war nicht allein ein Schlüsseljahr der deutschen Geschichte. Es ging nicht auf im Ende des Alten Reiches und in der preussischen Niederlage bei Jena und Auerstedt (am 14. Oktober). Was die derzeitige Flut an Ausstellungen und Büchern leicht übersehen lässt, ist die europäische Dimension des Problems politischer Legitimation, die sich um 1806 in ganz unterschiedlichen Kontexten zuspitzte.





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Posthume Würdigung Garibaldis' Stute

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Dem Pferd des italienischen Freiheitskämpfers Giuseppe Garibaldi gebührt schönere Grabstätte, meint ein Tierschutzverein.
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(C) Daniel Oswald