Feb 15
2011
Vom zweiten zum "Dritten Reich"
News in Die Zeit zwischen den Weltkriegen Noch keine Kommentare »Der Historiker Stephan Malinowski im Gespräch über die Feudalisierung des Bürgertums, die Krise des deutschen Adels und die Geburt des Führerkults aus dem Geist des Wilhelminismus.
[IMG]http://images.zeit.de/wissen/geschichte/2011-02/hindenburg-hitler/hindenburg-hitler-540x304.jpg[/IMG]
August 1933: Adolf Hitler und Reichspräsident Paul von von Hindenburg, der schon im Kaiserreich diente
ZEITGeschichte: Herr Malinowski, die Frage, welche Traditionslinien vom Kaiserreich zum Nationalsozialismus führen, ist in Deutschland jahrzehntelang heftig diskutiert worden. Zu welchen Ergebnissen ist die Geschichtswissenschaft gekommen? Gilt sie noch, die These vom deutschen Sonderweg?
Stephan Malinowski: Die Sonderweg-These ist seit Mitte der achtziger Jahre zermahlen worden in den Mühlen der empirischen Forschung. Vor allem Fritz Fischer hatte sie in den sechziger und siebziger Jahren vertreten. Seine Kernthese, die er 1978 unter dem Titel Bündnis der Eliten präsentierte, lautete, dass es vor dem Ersten und vor dem Zweiten Weltkrieg dieselben gesellschaftlichen Kreise gewesen seien, die Deutschland ins Verderben getrieben hätten. Sie hätten die gleichen Ziele, die gleichen ökonomischen Großprojekte verfolgt. Erst von den achtziger Jahren an aber wurden diese Zusammenhänge überhaupt empirisch erforscht. Es zeigte sich dabei, dass eine Kontinuität der Ziele leichter zu belegen ist als eine Kontinuität der Eliten, die sie verfolgten. Eines der wichtigsten deutschen Forschungsprojekte dazu war das von Jürgen Kocka zur Geschichte des europäischen Bürgertums. Es ergab, dass die Kontinuitäten der Machtstrukturen in fast allen europäischen Ländern größer waren als in Deutschland, wo es 1918 durch den verlorenen Weltkrieg zu einem enormen Bruch kam. Die These vom deutschen Sonderweg als Abweichung von einem – letztlich imaginären – europäischen Standardweg ist deshalb längst korrigiert worden. Auf dem diesjährigen Historikertag wurde sie nicht einmal erwähnt. Deutsche Geschichte besteht eben nicht einfach nur aus einem Bündel problematischer Traditionslinien.
Weiterlesen »