Jan 15
2011
Verbrennt nicht, was ihr nicht kennt!
News in Zeitalter der Glaubensspaltung (1517 - 1648) Noch keine Kommentare »Am Anfang aller Zivilisation steht die multikulturelle Vielfalt: Vor 500 Jahren veröffentlichte der Humanist und Jurist Johannes Reuchlin seinen berühmten Aufruf zur religiösen Toleranz.
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Ein Porträt von Johannes Reuchlin (1455-1522)
Kulturelle Vielfalt, die das Anderssein zulässt, Multikulti gar, scheint in Europa aus der Mode gekommen zu sein. Gerade erst versuchte der französische Präsident, seinem Popularitätsschwund entgegenzuwirken, indem er gegen eine winzige Minderheit von Roma-Migranten zu Felde zog. In der Schweiz stimmte eine Mehrheit der Bürger gegen den Bau von Minaretten und wenig später dafür, dass »kriminelle Ausländer« gleich »ausgeschafft« werden. In den Niederlanden und Belgien, in Skandinavien, in Italien und etlichen Ländern Osteuropas haben Parteien mit ausländerfeindlichen Parolen Erfolg.
Deutschland wiederum sah sich von einer erregten Attacke auf den Multikulturalismus überrumpelt, nachdem Ex-Bundesbanker Thilo Sarrazin behauptet hatte, islamische Einwanderer machten das Land »dümmer«. Bundeskanzlerin Angela Merkel erklärte unter dem tobenden Beifall der jungen Mitglieder ihrer Partei, Multikulti sei tot. Widerspruch indes blieb nicht aus, vor allem vonseiten der neuerdings auch im konservativeren Teil des Bürgertums sehr erfolgreichen Grünen.
Vor genau 500 Jahren fand ein anderer deutscher Streit um eine andere Minderheit statt, in dessen Mittelpunkt bald ein einzelner Mann stand. Dieser Mann, ein humanistischer Gelehrter, hieß Johannes Reuchlin, und die Minderheit, um die es ging, waren die Juden. Seine Schrift Ratschlag, ob man den Iuden alle ire Bücher nemmen, abthun und verbrennen soll, die er in einem Buch unter dem Titel Dr. Johannes Reuchlins Augenspiegel 1511 in Tübingen veröffentlichte, schlug ein wie der Blitz. Sie zog, so kann man wohl sagen, unmittelbar vor dem Beginn der Reformation eine historisch bedeutsame Grenze. Reuchlins Botschaft ist so unverbraucht und treffend wie eh und je: Verachtet nichts, nur weil es fremd und anders ist!
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