Braune Kriminalisten in neuen Ämtern

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2011 feierte das Bundeskriminalamt 60. Geburtstag. Aufgebaut wurde die Behörde von Kriminalisten, die im Dritten Reich für Folter und Massenmord verantwortlich waren.
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Eine Woche nachdem der Bundestag am 8. März 1951 das "Gesetz über die Einrichtung eines Bundeskriminalpolizeiamtes (BKA)" verabschiedet hatte, berichtete der Spiegel über die geplante neue Behörde. Das Nachrichtenmagazin wusste, dass Innenminister Robert Lehr (CDU) als Berater für die Organisation des Amtes den Kriminalisten Harry Söderman engagiert hatte. Der unter Kollegen als "Revolver-Harry" bekannte Schwede war mit der deutschen Kriminalpolizei bestens vertraut. Während der NS-Zeit unterhielt er Kontakte zu dem Leiter der Kriminalpolizei Arthur Nebe und dem Berliner Polizeipräsidenten Wolf Heinrich Graf von Helldorf.

Söderman, so forderte der Spiegel, sollte beim Aufbau der zentralen bundesdeutschen Polizeibehörde doch bitte an seine alten "Lehrmeister" denken, die wegen ihrer Vergangenheit "kaltgestellt, zwangspensioniert oder auf Wartegeld gesetzt" waren. Der Autor wusste, wovon er sprach: Bernd Wehner gehörte als Leiter der Reichszentrale zur Bekämpfung von Kapitalverbrechen zum Führungskorps der Kriminalpolizei im NS-Staat.
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Mit dem Zug unter Volldampf über die DDR-Grenze

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Vor 50 Jahren kappte die DDR die Zugverbindung Berlin-Hamburg. Einen Tag davor war 25 Menschen in einem Zug die Flucht über die Grenze gelungen.


[IMG]http://images.zeit.de/wissen/geschichte/2011-12/bahn-dampflok-78/bahn-dampflok-78-540x304.jpg[/IMG]
Eine Lok aus der Baureihe 78 – ähnlich wie diese – durchbrach am 5. Dezember 1961 die Absperrung an der Grenze der DDR zum Westen.

Ein Ausflug zur Tante – so hatten es die Eltern dem kleinen Manfred und seinen drei Brüdern gesagt. Seltsam nur, dass die Familie abends aufbrach und er seinen Ranzen mitnehmen sollte. Der war nicht mit Schulfibel und Schreibtafel, sondern frischer Wäsche gefüllt, doch das wusste er nicht.
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Für Volk und Nation

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Der Rechtsterrorismus ist keine Folge der Wiedervereinigung. Er begleitet die Bundesrepublik seit den fünfziger Jahren.[/b]

Rechter Terror? Das hat es doch früher in der Bundesrepublik nicht gegeben! Die Chroniken, die jetzt in den Zeitungen erscheinen, gehen meist nur bis in die frühen neunziger Jahre zurück. Als wäre der Rechtsterrorismus ein Produkt der Wiedervereinigung oder allein ein Restgift, eine Altlast der implodierten DDR. Tatsächlich hat es in der Bundesrepublik schon lange zuvor rechten Terror gegeben. Besonders in den siebziger Jahren stieg die Zahl der Gewalttaten rasant an, eine Entwicklung, die 1980 in eine in der Bundesrepublik bis dahin unbekannte Häufung terroristischer Taten aus dem neonazistischen Spektrum mündete.

Die Verblüffung ist groß.
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Aus Stipendiaten wurden Terroristen

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Die Studienstiftung des Deutschen Volkes förderte einst Gudrun Ensslin und andere spätere RAF-Größen. Jetzt arbeitet sie ihre Geschichte auf.[/b]

Von Intuition bestimmt sei sie, auch und vor allem ein emotionaler Mensch, "Konflikte mit Autoritäten sind vorprogrammiert". So hat ein Stuttgarter Psychologe einst Gudrun Ensslin beurteilt. Seine Einschätzung stammt aus einer Zeit lange vor den Brandanschlägen und Banküberfällen, an denen die Pfarrerstochter später als RAF-Mitglied beteiligt war. Heute wirkt der Satz euphemistisch.
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NS-Verbrecher Rauff soll für den BND spioniert haben

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Jahrelang soll der einstige SS-Offizier Walter Rauff in Südamerika für den Bundesnachrichtendienst gearbeitet haben. In Deutschland lag ein Haftbefehl gegen ihn vor.


[IMG]http://images.zeit.de/wissen/geschichte/2011-09/Walter-Rauff/Walter-Rauff-540x304.jpg[/IMG]
Der frühere SS-Offiziert Walter Rauff nach seiner Verhaftung im chilenischen Punta Arenas.

Der Bundesnachrichtendienst (BND) hat Medienberichten zufolge über Jahre einen NS-Verbrecher als Agenten in Südamerika beschäftigt. Der frühere SS-Offizier Walter Rauff sei von 1958 bis 1962 für den BND tätig gewesen, berichtet der Spiegel. Der BND gab die Akten des 1984 verstorbenen Rauffs nun frei. Zuvor hatte Bild.de Einsicht in die Unterlagen beantragt. Aus ihnen soll hervorgehen, dass es im BND von Beginn an Klarheit über Rauffs Vergangenheit und Funktion während der NS-Zeit gegeben habe.

Rauff war als Marineoffizier, NSDAP- und SS-Mitglied maßgeblich an der Entwicklung und dem Einsatz von Gaswagen beteiligt, in denen Menschen erstickt wurden. Nach dem Zweiten Weltkrieg entkam er 1947 aus einem Internierungslager in Italien und wanderte nach Südamerika aus, wo er als Kaufmann in Ecuador lebte. Dort wurde er vom BND-Mitarbeiter Wilhelm Beissner angeworben, der ihn aus dem NS-Reichssicherheitshauptamt kannte. Rauff, der angeblich unter dem Decknamen Enrico Gomez arbeitete, sollte Informationen aus Kuba beschaffen.
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Grenzüberschreitung in der Luft

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Zwei Bundeswehr-Piloten kamen 1961 in Süddeutschland vom Kurs ab und verirrten sich nach Berlin. Sie gerieten mitten in den Kalten Krieg.[/b]

Der 14. September 1961 ist ein Donnerstag; drei Tage später steht eine Bundestagswahl an. Die Berliner Mauer ist erst seit einem Monat im Bau, DDR-Grenzposten schießen täglich auf Fliehende. Sowjets und US-Amerikaner testen in Sibirien und Nevada Atombomben.

In dieser angespannten Lage verfliegen sich zwei Bundeswehr-Piloten mit ihren Maschinen vom Typ F-84 F "Thunderstreak" nach Berlin. Ausgerechnet: In der geteilten Stadt dürfen nicht einmal zivile westdeutsche Flugzeuge landen. Die drei Luftkorridore aus der Bundesrepublik im Westteil Berlins sind militärischen und zivilen Maschinen der Alliierten vorbehalten, die den Luftraum über Berlin gemeinsam verwalten. Fliegern, die den Korridor verlassen, droht der Abschuss.

Das Luftwaffen-Manöver namens "Checkmate" (Schachmatt), das die Nato im September 1961 in Europa fliegt, ist eine Machtdemonstration gegen den Warschauer Pakt. Geschwader aus Frankreich, Belgien, Holland, Dänemark und der gerade mal fünf Jahre alten Luftwaffe der Bundeswehr kreuzen durch den Luftraum. Darunter auch das Jagdbomber-Geschwader 32 aus Lechfeld bei Augsburg.

Bis heute ist nicht ganz geklärt, wie Feldwebel Peter Pfefferkorn und Stabsunteroffizier Hans Eberl mit ihren Maschinen von ihrem Dreieckskurs zwischen Würzburg, Laon und Memmingen ab- und in den südlichen der drei Luftkorridore nach Berlin hineingeraten.

Das DDR-Parteiblatt Neues Deutschland höhnt nach dem Vorfall, die Bundeswehr-Maschinen müssten "fehlkonstruierte Vehikel" sein, die Piloten "bejammernswerte Schwachköpfe".
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Als der Mauerspecht noch am Betonwall pickte

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Verkaufsschlager Mauer: 50 Jahre nach dem Bau ist die Berliner Mauer nicht nur Geschichte, sondern auch nostalgisches Handelsgut. Erste Souvenirs holten die Mauerspechte.


[IMG]http://images.zeit.de/wissen/geschichte/2011-08/berliner-mauerspecht/berliner-mauerspecht-540x304.jpg[/IMG]
Mauerspechte bei der Arbeit: Männer hämmern am 10.11.1989 auf die Berliner Mauer ein.

"Artikelzustand: gebraucht", heißt es in der Beschreibung auf eBay. Das kann man wohl sagen. Der zu verkaufende Gegenstand hat einiges erlebt, weist Kratzer und Krater auf. Es handelt sich um ein Stück aus der Berliner Mauer. Ein ziemlich großes Stück: 3,60 mal 1,20 Meter rund 2,8 Tonnen schwer. Zum Sofortkauf-Preis von 4.500 Euro.

Solche Segmente sind auch heute noch – 50 Jahre nach dem Bau und 22 Jahre nach der Öffnung der Berliner Mauer – gar nicht so selten zu bekommen. Bis 1990 stand das Mauerteil, das heute in Glienicke bei Berlin lagert, am Potsdamer Platz. So steht es in der Artikelbeschreibung. Am 30. Mai zwischen sechs und zwölf Uhr wurde es dort abgeholt. "Verlängerte Ladezeit (Abbruch) an Staatsgrenze", verzeichnet ein Transportschein, als Entladestelle "Lagerplatz" und als Transportgut "Mauerteile" mit dem Hinweis "L-Teile".

Die ersten Mauerteile ließ die DDR-Regierung schon Mitte November 1989 entfernen, um nach der Grenzöffnung zusätzliche Übergänge zu schaffen. Viele Fernsehbilder von Kränen, die vor jubelnden Menschenmengen Segmente aus dem "antifaschistischen Schutzwall" heben, stammen aus diesen Tagen. Der eigentliche Abriss begann erst im Juni 1990. Bis dahin wurde die Mauer sogar bewacht – auf der Ostseite, versteht sich. Im Westen pickten hingegen schon die so genannten Mauerspechte am Betonwall.
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Die Mauer schweigt

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Vor 50 Jahren begann die Regierung in Ost-Berlin mit dem Bau des "antifaschistischen Schutzwalls". Über die politischen Umstände ist viel geschrieben worden. Was aber hat die große Ab- und Einsperrung mit den Menschen der DDR angestellt? Mutmaßungen eines Insassen.


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Arbeiter bauen unter den unter den wachsamen Augen von bewaffneten Volkspolizisten eine Mauer entlang der Sektorengrenze.

Die Mauer war vom Osten her nur ausnahmsweise zu sehen; ein breites Grenzgebiet hielt uns Insassen von ihr fern. In West-Berlin konnte man jene Hochstände beklettern und sah dann, was eben davon sichtbar war. Mancher starrte lange darauf hin, weil er das deutliche Gefühl hatte, etwas zu sehen, das nicht zu verstehen ist. Was sperrte diese staudammbreite Schneise ab? Das Abgesperrte blieb unsichtbar. Als stünde da ein Staudamm mitten in der Wüste.

Die Mauer wurde gebaut, um einen Strom von Flüchtlingen abzudämmen, doch der Strom war nicht mehr sichtbar. Die Flüchtlingsmassen standen nicht mit gepackten Koffern davor; eine ganz West-Berlin umfassende breite Reihe wäre es gewesen. Zu sehen war davon nichts, wenn man auf einem jener Hochstände Ausschau hielt. Das Land lag stille da, in einiger Entfernung sah man Menschen, die der Mauer ungeachtet ihrer Wege gingen.

»Ist das ein Lager von Verbrechern?«, mochte wohl ein unkundiger Tourist den Westberliner fragen. Aber nein, keineswegs, konnte dann die Antwort lauten, da werde ganz normal gelebt, geheiratet und gestorben, da würden Kinder gezeugt und großgezogen. Zwar gebe es da nicht alles, woran man sich diesseits längst gewöhnt habe, keine Coca-Cola und nur selten Bananen. Zwar könne man nicht reisen, wohin man wolle. »Aber da drüben kann man auch leben, manches ist sogar besser: Die Kinderbetreuung, niemand ist arbeitslos, die Mieten sind billig... Klar ist das tödlich, hier durchzurennen, aber im Ernst: Würden Sie das machen? Wer bei Vernunft ist, versucht es erst gar nicht...« Der Fremde nickt jetzt zwar, begreift aber immer noch nicht, weshalb man nur für Bananen und Coca-Cola sein Leben riskiert.
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«Im schlimmsten Augenblick habe ich Glück gehabt»

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Der Bau der Berliner Mauer durch die Machthaber der DDR war nicht nur ein politischer und ideologischer Tiefpunkt in den westöstlichen Beziehungen nach dem Zweiten Weltkrieg, sondern für Millionen von Deutschen auch eine persönliche Tragödie. Tausende von Familien und Beziehungen wurden zerrissen, Karrieren und Existenzen zerstört, für Millionen war das fundamentale Recht auf Bewegungs- und Niederlassungsfreiheit zur Farce geworden. Eine Grossstadt mitten in Europa wurde zu einem Gefängnis, mit unabsehbaren und dramatischen Folgen für zahllose Betroffene.
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Fluchtverbot und Denkverbot

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In der langen und konfliktgeladenen Geschichte des Kalten Kriegs nimmt der Bau der Mauer durch Berlin einen besonderen Stellenwert ein. Als in der Nacht vom 12. auf den 13. August 1961 die Vollstrecker stillheimlich damit begannen, den Ostteil der Stadt systematisch abzuriegeln, wurde ein Fait accompli geschaffen, das aller Welt weithin sichtbar vor Augen brachte, wie Freiheit und Menschenwürde im Herrschaftsrevier des Realsozialismus verstanden werden mussten. Schon im Juni 1947 war eine Blockade verhängt worden, auf welche die Alliierten mit einer Luftbrücke reagierten. Sechs Jahre später schlugen sowjetische Truppen in Ostberlin einen Aufstand der Werktätigen nieder. Mit der Mauer erreichte das System, dass der Charakter des Gefängnisses nicht nur endgültig im wirklichen Leben angekommen war, sondern auch symbolische Strahlung erhielt.
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Vom Stacheldraht zum Todesstreifen mitten im Land

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Die DDR trieb beim Ausbau der innerdeutschen Grenze enormen Aufwand. Das Bundesarchiv und "Welt Online" dokumentieren unbekannte Unterlagen der Grenztruppen.

Der Befehl war unmissverständlich: „Kein Grenzverletzer darf lebend West-Berlin erreichen.“ Das sagte in den sechziger Jahren immer wieder der damalige Stadtkommandant von Ost-Berlin, General Helmuth Poppe, seinen Stabsoffizieren – und sie verstanden die Botschaft. Allmorgendlich ließen sie die Zug- und Kompanieführer entlang der Berliner Mauer und der innerdeutschen Grenze ihren Männern dieselbe Weisung erteilen, freilich ausschließlich mündlich. Hunderte geflüchteter Grenzsoldaten berichteten darüber. Der Wortlaut war unterschiedlich, doch der Sinn immer klar: "Wer nicht schießt, ist ein Verräter."
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Ulbrichts große Nacht

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50 Jahre Mauerbau: Neue Bücher erzählen von altvertrauten Zeiten.[/b]

Unvergesslicher Tag im Berliner Justizpalast: Am 20. Februar 1996 steht Egon Krenz vor seinem irdischen Richter, mit ihm die Politbüro-Genossen Dohlus, Hager, Kleiber, Mückenberger und Schabowski. Angeklagt sind sie der Toten an den Grenzen der DDR. Krenz hält die Rede seines Lebens. 52 Seiten ist sie lang und beginnt 1933. Hitlers Machtantritt habe zum Kriege geführt, dieser zur deutschen Teilung. BRD und DDR seien Mündel ihrer Siegermächte gewesen. Außenpolitisch habe die DDR unter Kuratel der Sowjetunion gestanden, somit auch ihr Grenzregime. Es sei absurd, ruft der letzte SED-Chef, dass man ihm eine Rechtspflicht zur Ermordung der DDR auferlegen wolle. Die DDR war mein Leben, sagt Krenz. Dass wir Tote nicht verhindern konnten, zähle ich zur negativen, gescheiterten Seite meiner Lebensbilanz. Jeder Tote hat mich erschüttert.
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"Eine Diktatur funktioniert, weil sie Notlagen ausnutzt"

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Die „Bild“-Zeitung hat dem Chefredakteur der Märkischen Oderzeitung, Frank Mangelsdorf, am Wochenende vorgeworfen, in den 80er Jahren die Staatssicherheit unterstützt zu haben. Ulrich Thiessen befragte ihn nach den Umständen der Nutzung einer konspirativen Wohnung.

Herr Mangelsdorf, der Staatssicherheit die eigene Wohnung zur Verfügung zu stellen, erweckt den Eindruck einer zweifelhaften Nähe zum DDR-System ...

Der Eindruck täuscht. Ich habe zu keiner Zeit für die Staatssicherheit gearbeitet, geschweige denn mündlich oder schriftlich für die Staatssicherheit Berichte geliefert. Im Gegenteil, es wurden über mich Berichte durch die Stasi erstellt.

Aber Sie haben eine Verschwiegenheitserklärung des MfS unterzeichnet?

Meine spätere Frau lebte 1983 in Berlin-Oberschöneweide mit der einjährigen Tochter in einer Einraumwohnung. Die Wohnung war feucht. Sie hatte kein Badezimmer und die Toilette, eine Treppe tiefer, nutzten mehrere Mietparteien. Das war zu DDR-Zeiten vereinzelt noch Standard. Das führte aber auch dazu, dass unsere Tochter an schwerer Bronchitis erkrankte. Meine Frau arbeitete beim Rundfunk. Sie fehlte oft wegen des kranken Kindes. Ein Kollege sprach sie dann an, er könne ihr eine andere Wohnung vermitteln. Die Bedingung war, dass das MfS ein Zimmer der Zweizimmer-Wohnung nutzen würde. Darauf ist sie in ihrer Not eingegangen.
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Der Tag, an dem sich alles änderte

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Am 13. August 1961, heute vor 50 Jahren, mauerte die DDR-Führung ihr Volk ein. An diesem Tag begann die Entlarvung der Lebenslüge der SED. Ein Kommentar.


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Berlin am 13. August 1961: Links des Zaunes beobachten Westberliner in Neukölln die Errichtung der Sperranlage

Heute vor 50 Jahren begann die Absperrung West-Berlins durch Truppen der DDR. Viele ältere Menschen in beiden Teilen der Stadt, die diesen Tag erlebt haben, denken noch immer mit tiefem Schmerz daran zurück. Aber die Zahl derer, die jetzt noch oder wieder sagen, das sei ein guter Tag gewesen, ist nicht gering. Deshalb muss man am 13. August 2011 die Namen einiger Menschen ins Gedächtnis rufen, die sich nicht mehr dazu äußern können:

Wolfgang Glöde, 13 Jahre alt, am 11. Juni 1962 "versehentlich" beim Spielen im Grenzgebiet erschossen.

Jörg Hartmann, 10 Jahre, und Lothar Schleusener, 13 Jahre, am 14. März 1966 bei einem gemeinsamen Fluchtversuch erschossen.

Andreas Senk, 6 Jahre alt, Siegfried Kroboth, 5 Jahre alt, Giuseppe Savoca, 6 Jahre alt, Cetin Mert, 5 Jahre alt, in zu Ost-Berlin gehörenden Grenzgewässern zum Westteil der Stadt ertrunken, weil sie keiner retten konnte oder wollte.
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Die Stunde der Dokumente

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Insgesamt acht Bände wird die tschechische Dokumentation «Die Aussiedlung der Deutschen und die Verwandlung des tschechischen Grenzgebietes 1945 bis 1951» des tschechischen Historikers Tomáš Staněk aus Troppau und seines Schweizer Kollegen Adrian von Arburg nach ihrer Vollendung haben. Die inzwischen erschienenen drei Bände reichen aber schon, um die enorme Bedeutung dieses Werkes einschätzen zu können. Es handelt sich nicht nur um die erste Dokumentation über das Geschehen in den Grenzgebieten nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges; die Autoren wählten für ihr Werk auch ein neues Konzept, indem sie das Geschehen in den Grenzgebieten als die grösste Migration in der neueren tschechischen Geschichte erfassen, die insgesamt fast sechs Millionen Menschen traf und für die tschechische Gesellschaft und ihre Verfassung tiefgreifende Folgen hatte.
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Klub der roten Lichter

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Zu DDR-Zeiten wurden in exklusiven Zirkeln Privilegien zelebriert. Die Dresdner Intelligenz traf sich im Lingnerschloss am Elbhang.[/b]

Der durch das Mundwasser Odol binnen weniger Jahre reich gewordene Karl August Lingner (1861 bis 1916) vermachte seine herrschaftliche Villa an der Elbe, die im Volksmund nur Lingnerschloss heißt, der Stadt Dresden. Diese sollte das Haus der gesamten Bevölkerung zugänglich machen. Denn der Industrielle wünschte »kein Etablissement nur für reiche Leute«.

Von 1957 bis zum Ende der DDR kam es dann aber zu einer ganz anderen Nutzung des Anwesens am Loschwitzer Elbhang, es entstand dort die Heimstätte einer einzigartigen Pflege sozialistischer Bürgerlichkeit – daran erinnert das laufende Lingner-Jubiläumsjahr, unter anderem zum 150. Geburtstag des Unternehmers. Nachdem jüngst in der sogenannten Berliner Republik eine »neue Bürgerlichkeit« entdeckt worden ist und es auch in Deutschland wieder als legitim gilt, Reichtum zu zeigen und von Eliten zu sprechen, lohnt sich ein Rückblick auf die Elitenpflege im Arbeiter- und Bauernstaat. Er offenbart, wie das staatssozialistische Projekt der Schaffung einer neuen Gesellschaft von Paradoxien geprägt war – indem man Gleichheit durch Hierarchisierung so erzeugen wollte wie die endgültige Befreiung der Menschheit durch Zwang. Zugleich wird sichtbar, dass das Bedürfnis nach Distinktion eben in jeder Gesellschaftsform zu beobachten ist.
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Vor 50 Jahren wurde Walter Ulbricht nach der Staatsgrenze gefragt

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Hier sind alle Sender des deutschen demokratischen Rundfunks. Auf einer stark besuchten internationalen Pressekonferenz beantwortet heute der Vorsitzende des Staatsrates der Deutschen Demokratischen Republik, Walter Ulbricht, aktuelle Fragen zum Thema Friedensvertrag und zum West-Berlin-Problem.“ So kündigte der Rundfunk der DDR am 15. Juni 1961 die Übertragung einer Pressekonferenz mit Ulbricht an. 300 Journalisten waren ins Haus der Ministerien gekommen. Ulbricht wirkte aufgeräumt. Der Sowjetunion war der erste bemannte Raumflug gelungen, und die USA hatten mit der gescheiterten Kuba-Invasion eine herbe Niederlage erlitten – der Sozialismus wähnte sich auf dem Vormarsch. Die Zeit schien also günstig, politische Forderungen an den Westen durchzusetzen. Kern der Forderungen Ulbrichts: West-Berlin sollte eine selbstständige freie politische Einheit werden, in deren Belange sich kein anderer Staat einmischen dürfe. Die Zufahrtswege – einschließlich der Luftkorridore – sollten nicht mehr von den Alliierten, sondern von der DDR kontrolliert werden.
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Flammende Wahrheit

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Die Geschichte des Hartmut Gründler, der sich 1977 aus Protest gegen die Lügen der Atomindustrie selbst verbrannte[/b]

Hier genau hat er oft gesessen«, sagt Wilfried Hüfler, und er streicht mit seiner Hand leicht über das Sofa. »Er hat bei uns übernachtet, er hat mit uns gegessen.« Aber wann er ihm das erste Mal begegnet sei? Der pensionierte Lehrer dreht sich um, zeigt über die blühenden Orchideen auf der Fensterbank hinweg durch das Wohnzimmerfenster auf die leicht hügelige schwäbische Landschaft: »Dort hinten, auf unserem Hausberg, wollten sie das Atomkraftwerk Reutlingen-Mittelstadt bauen, dort hätten die Kühltürme und der Reaktor stehen sollen. Und bei dem Kampf gegen dieses AKW haben wir Hartmut Gründler kennengelernt, irgendwann 1975.« Er stockt. »Wie lange haben wir gegen das AKW gekämpft, bis 85?«, fragt er seine Frau. »Bis 1987«, sagt Friedhild Hüfler.

Und das letzte Treffen? Das war drei Wochen bevor sich Hartmut Gründler in Hamburg verbrannte, im Herbst 1977. »Wir machten Briefe mit einem seiner Texte fertig, und er wollte, dass ich auf die Umschläge einen grellgelben Zettel mit der Aufschrift ›Letzter Hungerstreik!‹ klebe«, erzählt Hüfler. »Ich lehnte ab. Ich habe Gründler damals wie so viele andere im Stich gelassen.«

Nebenan in Hüflers kleinem Büro stapeln sich die Aktenordner, sortiert nach Jahren; gefüllt mit Flugblättern Gründlers, seinen Erklärungen, seinen offenen Briefen, seinen Briefwechseln mit Politikern wie Österreichs sozialdemokratischem Bundeskanzler Bruno Kreisky oder Erhard Eppler. Dazu kommen all die gespeicherten Dokumente im Computer. »Es gibt wohl niemanden, der so viel über ihn gesammelt hat wie ich«, sagt Hüfler. Und daraus sollte lange schon eine Biografie erwachsen! Nur – da ist das Bahnprojekt Stuttgart 21, gegen das Hüfler kämpft, was seine Zeit braucht. Da ist die von ihm gegründete Initiative für die Aufnahme des Volksentscheids in die baden-württembergische Verfassung. Wilfried Hüfler wurde jetzt 77. Gründler war gerade 47, als er starb.
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Fluchttunnel war kaum breiter als ein Umzugskarton

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Archäologen haben jetzt bei Berlin einen Fluchtstollen freigelegt. Der Tunnel zeigt, was DDR-Bürger auf sich nahmen, um dem Sozialismus zu entkommen.[/b]

Der Weg in die Freiheit ist bedrängend eng – kaum größer als ein gewöhnlicher Umzugskarton. Genau 77 Zentimeter hoch und 55 Zentimeter breit ist der Tunnel, durch den in der Nacht vom 9. auf den 10. März 1963 insgesamt 13 Menschen aus Glienicke/Nordbahn nach Hermsdorf robben. In monatelanger Arbeit haben der Schlosser Niels-Martin Aagaard und sein Freund Hans Willner an dem Stollen in einer Tiefe von 3,30 Meter gegraben, den sie mit Holz, zum Beispiel aus alten Fensterrahmen, ausstaffierten. Und zwar so gut, dass der Tunnel fast ein halbes Jahrhundert später immer noch archäologisch nachgewiesen werden kann.
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Viele DDR-Jugendliche reisten illegal bis nach Sibirien, Mittelasien und ins Baltikum

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Sechs Jugendliche mit schweren Kraxen trauen ihren Augen nicht. Plötzlich stecken sie in einer undurchdringlichen Nebelwand. Wo sind sie überhaupt?

Im Nordkaukasus. Wie Blinde tasten sie sich hangwärts weiter. Rettung naht erst, als Schafe blöken. Drei Schäfer besänftigen ihre Hunde und führen die bibbernden Wanderer in eine Hütte. Hier können wir aufatmen und unsere Schlafsäcke ausrollen.

Zu Ehren der seltsamen Gäste aus der DDR wird ein Schaf geschlachtet und ein großer Gulaschkessel übers Feuer gehängt. Trinksprüche auf den Weltfrieden, die Gesundheit und die Gastfreundschaft machen die Runde. Zu später Stunde erzählt der älteste Schäfer, er sei eigentlich Professor und unterrichte an einer illegalen Universität tschetschenische Literatur. „Was? Im Kaukasus leben auch Tschechen?“, denke ich überrascht. Von Tschetschenen hatte ich noch nie etwas gehört.
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Wie ein Mord der RAF zwei Familien zerstört hat

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Corinna Ponto, Tochter des ermordeten Bankers Jürgen Ponto, und Julia Albrecht, Schwester der Mörderin, brechen mit einem Buch über Opfer der RAF nach Jahrzehnten ihr Schweigen.[/b]

Patenschaften sind nicht unbedingt das Resultat verwandtschaftlicher Beziehungen. Ihnen liegt meist eine Wahl zugrunde. Von einem Paten soll aus freien Stücken eine Fürsorgepflicht übernommen werden. Patenschaften basieren nicht auf Tauschbeziehungen. Die Patenkinder übernehmen im Gegensatz zu jenen, die diese Beziehungen gestiftet haben, keine Verpflichtungen. Es sind insofern höchst einseitige Angelegenheiten, ihnen ist eine gewisse Empathie zu eigen.

Zwei Patentöchter haben nun ein Buch über Opfer der RAF verfasst, dem die prekäre Beziehung zweier ursprünglich eng miteinander befreundeter Familien zugrunde liegt (Titel: "Patentöchter“). Die eine, Julia Albrecht, war die Patentochter des am 30. Juli 1977 von der RAF ermordeten Bankiers Jürgen Ponto, die andere, dessen Tochter Corinna, die Patentochter von Albrechts Vater, einem angesehenen Hamburger Rechtsanwalt.

Die beiden Männer hatten gemeinsam Jura studiert und waren eng miteinander befreundet; ihre Freundschaft wiederum stiftete eine enge Bindung zwischen den Familien.

Sie dauerte bis zu jenem Schreckenstag im Sommer 1977, als Julias Schwester Susanne einem RAF-Kommando Zugang zum Haus der Pontos in Oberursel verschaffte. Ponto hätte entführt werden sollen. Als sich der Vorsitzende der Dresdener Bank zu wehren versuchte, indem er die von Christian Klar auf ihn gerichtete Waffe wegdrehte, wurde er von Brigitte Mohnhaupt niedergeschossen. Die damals 26-jährige Susanne Albrecht war selbst Mitglied der RAF. Sie war nicht nur Zugangsbeschafferin, sondern auch Mittäterin. Unter Ausnutzung der Freundschaftsbeziehungen hatte sie eine Mordaktion ermöglicht, die von Frau Ponto, die das furchtbare Geschehen aus unmittelbarer Nähe miterleben musste, als Hinrichtung ihres Mannes wahrgenommen wurde. Unter Kommentatoren galt Susanne Albrechts Tat als besonders perfide, noch verwerflicher als das, was Mohnhaupt und Klar begangen hatten.
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Historiker wenden sich gegen Vertriebenen-Charta

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Die schwarz-gelben Fraktionen wollen einen eigenen Gedenktag für die deutschen Vertriebenen einführen und dabei an ein umstrittenes Dokument erinnern. Nun haben sich renommierte deutsche und internationale Historiker mit einer Unterschriftenaktion gegen das Vorhaben gewandt.

Berlin - Es gibt seit fünfzehn Jahren in Deutschland den Holocaust-Gedenktag. Am 27. Januar tritt das deutsche Parlament zu einer feierlichen Stunde zusammen und lässt Überlebende des Massenmordes zu Wort kommen.

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Wenn es nach den Bundestagsfraktionen der schwarz-gelben Koalition geht, soll es im Sommer einen weiteren nationalen Gedenktag geben. Am 5. August könnte dann an die deutschen Vertriebenen erinnert werden.

Es ist ein heikler Vorstoß. Für manche ein Affront.

Schließlich geht es um ein umstrittenes Dokument der jüngeren deutschen Geschichte: Am 5. August 1950 war die "Charta der Heimatvertriebenen" unterschrieben und einen Tag später in Stuttgart-Bad Cannstatt verkündet worden.

Union und Liberale im Bundestag preisen das Papier als "wesentlichen Meilenstein auf dem Weg zur Integration und Aussöhnung" der Deutschen aus den früheren Ostgebieten. Für die Kritiker der Charta ist es allenfalls ein Dokument der Zeitgeschichte - behaftet mit vielen Lücken und Auslassungen.

Aufgeschreckt durch den Beschluss des Bundestags haben am Montag 68 führende deutsche, österreichische, schweizerische, polnische, tschechische, slowakische und weitere internationale Historiker und Wissenschaftler einen Aufruf veröffentlicht, der sich gegen das Vorhaben wendet. Der Antrag der Koalitionsfraktionen sei ein "falsches geschichtspolitisches Signal", heißt es in dem Aufruf, der SPIEGEL ONLINE vorliegt.
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"Juden raus!" - Antisemitische Kundgebungen 1951 in Landsberg am Lech

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Landsberg am Lech, Januar 1951: Eine Demonstration zugunsten von NS-Verbrechern gerät zu einer antisemitischen Kundgebung.[/b]

Selten in der Geschichte der Bundesrepublik wurde eine derart erbitterte vergangenheitspolitische Debatte geführt wie vor 60 Jahren, im Januar 1951. In ihrem Zentrum stand das beschauliche bayerische Städtchen Landsberg am Lech, wo in besonderer Weise deutsche Schuldabwehr und das Verlangen der Überlebenden nach Aufarbeitung der NS-Verbrechen aufeinanderprallten. Landsberg wäre kaum in den Fokus der Weltöffentlichkeit und in die Geschichtsbücher geraten, wenn es nicht von 1923 bis 1958 eine ganz besondere Rolle in der Geschichte des Nationalsozialismus und seiner Folgen gespielt hätte.
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Warum Eichmann 1952 kaum jemanden interessierte

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Der westdeutsche Geheimdienst hatte schon 1952 einen Hinweis, wo sich der Holocaust-Organisator versteckte. Warum niemand handelte, hat Gründe.[/b]

Die Eintragung auf der Karteikarte ist nur zwei Sätze lang: "Standartenführer Eichmann befindet sich nicht in Ägypten, sondern hält sich unter dem falschen Namen Clemens in Argentinien auf. Die Adresse von E. ist beim Chefredakteur der deutschen Zeitung in Argentinien 'Der Weg’ bekannt.“ Die Karte findet sich in einem Konvolut von verfilmten Dokumenten des Bundesnachrichtendienstes (BND), die jetzt durch Recherchen der „Bild“-Zeitung bekannt geworden sind.

Der Hinweis wurde wohl 1952 aufgeschrieben – als der BND zwar offiziell noch gar nicht existierte, wohl aber sein Vorgänger, die "Organisation Gehlen“. Wussten also westdeutsche Behörden schon acht Jahre vor Adolf Eichmanns Festnahme von seinem Versteck? Deckte Gehlen bewusst und vorsätzlich einen der Haupttäter des Holocaust? Verhinderte der Geheimdienst gar die frühzeitige Festnahme Eichmanns?

[b]Kaum Interesse an Verfolgung Eichmanns[/b]

Doch diese Deutung ist nur auf den ersten Blick einleuchtend. In den fünfziger Jahren kursierten Dutzende Spekulationen über den Verbleib Eichmanns, dessen Name im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher zum ersten Mal überhaupt in der Öffentlichkeit genannt worden war.
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Im Comicreich der DDR

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Johannes Hegenbarth begeisterte mit seinem Comicmagazin "Mosaik" die Ost-Leser. Wer Neo Rauch, wer Uwe Tellkamp verstehen will, muss es kennen. Eine Hommage.[/b]

Dies ist das Haus. Backsteinrot, betagt und stumm träumt es im winterlichen Ostberlin. Rollläden versperren die Fenster. Das eiserne Gatter: verschlossen. Kein Klingelschild nennt einen Namen. Den Pfad zum Haus deckt unberührter Schnee. Da, aus der Loggia flattert ein Rabe.

Dies ist das Haus? Die mythenumwallte Schöpfungsstätte von Hannes Hegens Comiczeitschrift Mosaik? Der Ort, wo die anarchistischen Kobolde Dig, Dag und Digedag erschaffen wurden? Der Ritter Runkel von Rübenstein, Runkels Rappe Türkenschreck, Adelaide von Möhrenfeld, seine holde Braut? Prinzessin Suleika, die teufelsbrüderlichen Adria-Korsaren, Mutawakkel, das vergoldete Krokodil, dessen kaiserlicher Herr Andronikus II. von 1282 bis 1328 Byzanz beherrschte... Hunderte Abenteuergestalten aus Historie und Fantasie hausten hier seit 1957 und verbanden sich zum längsten Bildroman der Weltgeschichte. Dann verschwanden die Digedags in einer ägyptischen Fata Morgana – ihr Schöpfer mit ihnen.

Offenbart hatte er sich nie. Wer war Hannes Hegen? Niemand kannte sein Gesicht. Keine Zeitung der DDR brachte je ein Interview. Als der Meister 1975 sein Werk abrupt beendete, raunte das Volk, die Regierung habe ihn mundtot gemacht, vielleicht sei er längst im Westen. Eigentlich heiße er wohl übrigens Hegenbarth.

Letzteres bestätigte sich jüngst. Am 30. November erhielt Johannes Hegenbarth das Bundesverdienstkreuz. Da wollen wir gratulieren.

Hallo! Haaallooo!!

Im Nebenhaus tut sich ein Fenster auf. Die Nachbarin sagt, der alte Herr zeige sich nur selten.

Der alte Herr Hegenbarth?

Die Frau nickt und empfiehlt, im Holzkasten links des Gatters eine Nachricht zu deponieren.

Also schreiben wir: wie gern wir ihn sprächen. Wie ungerecht es sei, dass ihn hierzulande jeder kenne, doch kaum einer im Westen. Dem wäre nun endlich abzuhelfen.
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(C) Daniel Oswald