In deutschen Grüften liegen rund tausend Adels- und Kirchenmumien. Wissenschaftler versuchen, das Geheimnis der Toten zu lüften.[IMG]http://images.zeit.de/wissen/2010-10/s35-kirchenmumien/s35-kirchenmumien-540x304.jpg[/IMG]
Die Finger bohrten sich tief ins Fleisch: Wurde Sophie Luise von Kniestätt im Jahr 1690 lebendig begraben?
Der Schlossherr geht voran über den feuchten Rasen. Vor einer Mauer duckt er sich ins Buschwerk, hantiert mit einem schweren Schlüssel und öffnet eine verborgene Pforte. Eine Stiege hinab, gebückt den Gang entlang, noch eine Pforte – dann zieht er eine Taschenlampe hervor und leuchtet hinein in die Finsternis. Dort liegen sie, seine Verwandten.
Es sind acht Särge. Manfred Freiherr von Crailsheim schreitet an den letzten Behausungen seiner Vorfahren entlang. Von links dringt durch schmale Maueröffnungen mattes Tageslicht herein. Dieser Ort, ein verwinkelter Wehrgang, voll Staub und Muff, diente einst der Verteidigung von Schloss Sommersdorf. Durch die Scharten wurde im Dreißigjährigen Krieg geschossen.
Von 1670 an diente die Kasematte jedoch als Familiengruft der Schlossherren. Von Crailsheim steht jetzt direkt unter der Kirche. Über seinem Kopf befindet sich die Luke, durch die Totengräber bis Mitte des 19. Jahrhunderts die Verstorbenen an Seilen hinabgleiten ließen. Der Freiherr bückt sich und greift nach einem weißlichen Sargdeckel, hebt ihn vorsichtig an. »Darf ich vorstellen: Frau Sophie Luise von Kniestätt.«
Das Leben der Dame ging im 17. Jahrhundert zu Ende. Dem Angriff von Verwesungsmikroben, Aasfliegen und Speckkäfern aber hat die Adlige seither standgehalten. Wie sie haben viele Adlige und Würdenträger in Deutschland die vergangenen Jahrhunderte mumifiziert überdauert. Während die in Friedhofserde Bestatteten verfaulten, trockneten diese Sterblichen in gut durchlüfteten Grüften unter Kirchen und Burgen. Ohne Balsam, ohne Organentnahme, ohne die künstlichen Methoden der Konservierungstechnik verwandelten sich ihre Körper in ledrige Mumien.
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