Dez 05
2006
Historikerstreit um Finnlands Rolle im Zweiten Weltkrieg verschärft sich
News in Der Zweite Weltkrieg 17 Kommentare »Helsinki - Ein bereits lange schwelender Historikerstreit über die Rolle Finnlands im Zweiten Weltkrieg beschäftigt derzeit Diplomaten, Presse sowie Politiker in Finnland und Schweden. Der Buchautor Henrik Arnstad hatte vergangene Woche in einem Gastkommentar in der schwedischen Tageszeitung "Svenska Dagbladet", der finnischen Regierung vorgeworfen, diese verbreite in Form der These, Finnland sei im Zweiten Weltkrieg nicht mit Hitlerdeutschland verbündet gewesen und habe außerdem keine Alternativen gehabt, Geschichtslügen. Arnstad empfahl überdies dem Außenministerium in Helsinki pauschal, "einen Grundkurs in Geschichte zu absolvieren".
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05. Dez 2006 um 08:28
an anderer stelle habe ich schon mal auf diesen artikel hingewiesen.
aus finnischer sicht war die annäherung an das deutsche reich logisch. im winterkrieg gegen die udssr von den westmächten allein gelassen, näherte man sich an die einzige grossmacht an, von der man schutz vor der su erwartete (auch wenn diese im geheimen zusatzabkommen zum nichtangriffspakt den sowjets erst den weg frei gemacht hatten).
einen förmlichen bündnisvertrag mit dem deutschen reich hat es wohl nie gegeben, aber die "waffenbrüderschaft" war doch sehr eng.
zur frage der im artikel erwähnten finnischen "kz": finnland war der einzige demokratisch regierte staat an hitlers seite! in folge des winterkriegs kam es zur inhaftierung von finnischen kommunisten und sympathisanten, die man nicht zu unrecht für die 5. kolonne moskaus hielt. und vermutlich wird es einige unschuldige gegeben haben, die dort einsassen. nichtsdestotrotz war dies eine in dieser situation durchaus verständliche abwehrreaktion. mit konzentrationslagern deutscher prägung dürften diese lager aber nichts zu tun gehabt haben.
05. Dez 2006 um 10:29
Derselbe Link zeigt aber auch, dass die Beziehungen zwischen Finnland und Nazi-Deutschland älter waren als der Winterkrieg von 1939/40:
Ab 1933 kam es zu einem regelmäßigen Austausch von Offizieren und Flottenbesuchen; z. B. gab es 1933 vier inoffizielle Flottenbesuche. Der 70. Geburtstag von Mannerheim, des Vorsitzenden des finnischen Verteidigungsrates, wurde durch die Anwesenheit von General-Major von Falkenhagen und einer großen Militärdelegation zu einer Heerschau der Verbindung zur Deutschen Wehrmacht.
Im Dezember 1934 besuchte Mannerheim auf Einladung von Göring unter strenger Geheimhaltung für zwei Wochen Deutschland. Göring zeigte Mannerheim vor allem die Flugzeugindustrie und wollte ihn zum Kauf der Ju-86 animieren. Finnland kaufte aber 1936 Flugzeuge von Großbritannien (Bristol Blenheim). (Im wirtschaftlichen Bereich hatte sich Finnland stärker an Großbritannien orientiert.) Bis 1937 wiederholten sich diese Besuche Mannerheims bei Göring jährlich. (Gegenüber Journalisten bezeichnete Göring am 25.03.1933 Finnland als die Festung Skandinaviens gegen die Sowjetunion.)
Seine Haltung zum nationalsozialistischen Deutschland brachte Mannerheim im Januar 1936 in einem Gespräch mit der britischen Königin wie folgt zum Ausdruck: '... wie man auch über den Nationalsozialismus denkt, ein Umstand kann nicht geleugnet werden - er hat zum Nutzen der gesamten abendländischen Zivilisation mit dem Kommunismus in Deutschland aufgeräumt. Man darf sich in seiner Einstellung zu diesem Land nicht durch Gefühlsgründe beeinflussen lassen. Eines Tages wird die nazistische Regierung durch eine andere ersetzt werden, als ein unzweideutiger Gewinn jedoch wird die Tatsache bestehen bleiben, daß die Macht der Kommunisten in Deutschland gebrochen ist.' (Mannerheim, Erinnerungen, S. 315)
1936 kommt es zum Abschluß eines Ressortabkommens zwischen der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) und der politischen Polizei Finnlands zwecks gemeinsamer Bekämpfung des Bolschewismus.
In Anbetracht der deutschen Politik ihr gegenüber konnte sich die Sowjetunion also durchaus bedroht fühlen.
Das der Begriff "Konzentrationslager" in der (populären) Geschichtsschreibung häufig ohne große Gedanken gebraucht wird, ist aber sicher richtig. Internierungs(evtl. Arbeits-)lager scheinen mir für Finnland auch wahrscheinlicher.
05. Dez 2006 um 10:44
Ich habe dazu mal eine sehr lange Diskussion gelesen, ich glaube, es war im "Axis History"-Forum.
Offenbar versuchen die Finnen heute den Anschein zu erwecken, sie seien nur sehr lose mit den Deutschen verbündet gewesen. Tatsächlich trat Finnland nie dem Dreimächtepakt bei, anders als alle anderen Nationen, die mit dem Dritten Reich verbündet waren. Gleichwohl gab es aber eine sehr enge militärische Zusammenarbeit zwischen finnischen und deutschen Truppen, so dass zeitweise sogar der Befehlshaber der sog. Heeresgruppe Lappland auch die finnischen Einheiten in diesem Frontabschnitt befehligte. Bereits bei den ersten Kämpfen 1941 gab es gemischte deutsch-finnische Kampfgruppen.
Diese Frage ist aus folgendem Punkt wichtig:
- Von finnischer Seite wird oft behauptet, dass es dem Land lediglich darum ging, die im Zuge des Winterkriegs verlorenen Gebiete zurückzugewinnen. Tatsächlich beteiligten sich finnische Truppen zumindest im ersten Kriegsjahr an den weiter gesteckten Zielen der Wehrmacht, zum Teil auch ohne deutsche Mithilfe, wie beim Vorstoss an den Onegasee und den Fluss Svir, die beide bereits hinter der alten russisch-finnischen Grenze lagen.
Wenn ich mich an die Diskussion damals richtig erinnere, gab es im Zusammenhang mit der Schlacht um Leningrad eine Art deutsches Angebot mit umfassenderen Territorien für Finnland, damit die finnischen Einheiten an der Belagerung teilnehmen (wozu es nicht kam). Dieses Angebiet soll zeitweise positiv in Finnland diskutiert worden sein.
Allerdings betreffen diese Vorgänge nur einen kurzen Abschnitt des Krieges im Sommer/Herbst 1941. Bereits zu Jahresbeginn 1942 entließ Mannerheim Teile der finnischen Armee und war nicht mehr zu Angriffen bereit - und dass, obwohl dies im Zuge sowjetischer Verschiebungen der einzige Abschnitt an der gesamten Ostfront war, an dem die Achsentruppen ein deutlich überlegenes Kräfteverhältnis hatten (was durch die Schwierigkeit des Kampfplatzes etwas aufgewogen wurde).
Dies sollte ihm jedoch später dabei helfen, sein Land aus dem Krieg zu bringen, ohne dass es ein sowjetischer Satellitenstaat wurde. Für mich ist Mannerheim einer der weitsichtigsten und geschicktesten Politiker seiner Zeit gewesen. Dass er den Deutschen nie volles Vertrauen schenkte, lag daran, dass er früher als viele andere (auch alliierte Staatsmänner) erkannte, dass Deutschland den Krieg nicht gewinnen kann. Vielleicht auch daran, dass die deutschen Truppen an diesem Teil der Front am wenigsten erreichten, und dass tatsächlich mit den Frontlinien des Herbstes 1941 auch die finnischen Gebietswünsche erfüllt waren.
P.S. Mir sind noch einige wichtige Punkte eingefallen, die ich gerne in die Diskussion stellen möchte:
- Im Vergleich zu den anderen Verbündeten war Finnland das einzige Land, dass zuerst von den Sowjets mit einem Bombenangriff am 25. Juni angegriffen wurde. Am 28. Juni starteten die deutsch-finnischen Operationen.
- In Finnland selbst wird der Krieg als "Fortsetzungskrieg" (continuation war) bezeichnet, nicht als Weltkrieg. Dieser Sprachgebrauch zeigt an, dass aus finnischer Sicht lediglich der Winterkrieg 1939/1940 fortgesetzt werden sollte, und es nicht um Parteinahme für die Deutschen gegangen sei.
- Ebenso stellt sich Finnland als "belligerent Nation" (kriegsführende Nation) dar, nicht als "ally" der Deutschen. (Da logischerweise über so was im Netz eher Finnen diskutieren, sind die englichen Begriffe wichtig). Dies ist einer der weiteren Versuche, sich von Deutschland zu distanzieren. Die Sichtweise der "belligerent nation" scheint aber auch von den Westalliierten, die ab 1943 wieder enge Beziehungen zu den Finnen aufnahmen, akzeptiert worden zu sein.
05. Dez 2006 um 11:01
Derselbe Link zeigt aber auch, dass die Beziehungen zwischen Finnland und Nazi-Deutschland älter waren als der Winterkrieg von 1939/40.
In Anbetracht der deutschen Politik ihr gegenüber konnte sich die Sowjetunion also durchaus bedroht fühlen.
...
das es kontakte zwischen finnland und deutschland vor 1939 gab, habe ich ja nicht in zweifel gezogen. auch hier galt, "der feind meines feindes ist mein freund", für beide seiten.
finnland hatte infolge der oktoberrevolution in russland einen bürgerkrieg gegen die kommunisten hinter sich und war allein schon aus diesem grund nie neutral gegenüber der sowjetunion. und die nazis galten bei vielen ausländischen politikern als die kraft, die den kommunismus in die schranken weisen könnten.
und dann war es dieses hitler-deutschland, welches finnland buchstäblich verraten und verkauft hat...was damals aber nicht bekannt war, das zusatzabkommen ist ja erst im zuge der nürnberger prozesse ans tageslicht gekommen (und hitler wird es den finnen vorher auch nicht gesteckt haben...).
für die finnen bot der überfall auf die sowjetunion zunächst die gelegenheit, verlorenes gebiet zurückzuerobern. in manchen planungen und gedankenspielen ist dann sicher auch an ein gross-finnland gedacht worden, das wurde aber schnell wieder begraben. die finnischen truppen haben meines wissens die alte grenze von 1939 nicht oder nur unwesentlich überschritten. was mit dazu beigetragen hat, dass der belagerungsring um leningrad nie ganz geschlossen war.
noch eine nebenbemerkung zu den finnischen "kz": finnland hat keinen einzigen (jüdischen oder kommunistischen) staatsbürger an die ss ausgeliefert und auch bei den gefangenen sowjetsoldaten gab es nur wenige einzelfälle der überstellung an die deutschen.
05. Dez 2006 um 11:41
Im Vergleich zu den anderen Verbündeten war Finnland das einzige Land, dass zuerst von den Sowjets mit einem Bombenangriff am 25. Juni angegriffen wurde. Am 28. Juni starteten die deutsch-finnischen Operationen.
Am 25. Juni hatten die Deutschen bereits Kowno und Grodno erobert und marschierten auf Minsk (am 28. Juni erobert), von stabilen sowjetischen Fronten konnte keine Rede sein. Ist das die Situation, in der man sich weitere Feinde schafft?
Drei Tage scheinen mir zur Vorbereitung einer modernen Großoffensive reichlich knapp bemessen- sofern die Truppen nicht ohnehin schon bereit stehen.
Interessanterweise gab es einen ähnlichen Zwischenfall in Ungarn: dort gab es am 27. Juni Luftangriffe auf Kaschau und Munkacs- die Flugzeuge wurden nie identifiziert, aber von Ungarn zum Anlass genommen, der SU den Krieg zu erklären. (Daten der sowjetischen Geschichte, 1980)
05. Dez 2006 um 11:54
Am 25. Juni hatten die Deutschen bereits Kowno und Grodno erobert und marschierten auf Minsk (am 28. Juni erobert), von stabilen sowjetischen Fronten konnte keine Rede sein. Ist das die Situation, in der man sich weitere Feinde schafft?@ St. Just: so wollte ich meinen Beitrag nicht verstanden wissen. Das gemeinsame Vorgehen von Deutschland und Finnland im hohen Norden wurde natürlich nicht zwischen dem 25. - 28. besprochen, und zumindest zwei deutsche Divisionen, die 169. und 71., hielten sich schon am 22. Juni in Finnland auf (nicht ganz sicher bin ich mir bei der Gebirgsarmee, die am Anfang auch in Nordnorwegen gestanden haben könnte). Allerdings wurden die Kampfhandlungen eindeutig von der roten Armee aufgenommen. Der Bombenangriff auf finnische Städte ist nicht mit dem Angriff auf Munkacs zu vergleichen. Es war eine Offensive mit 460 Flugzeugen. Warum dieser geschah, ist mir unklar: hofften die Sowjets, die Finnen mit einer Drohkulisse zu beeindrucken? Ging es darum, den Stützpunkt Hango an der finnischen Ostseeküste zu entlasten? Glaubten sie vielleicht doch, in Finnland offensiv tätig werden zu können (immerhin standen die Kräfteverhältnisse am karelischen Isthmus zu Beginn nicht schlecht für die Sowjets, was sich freilich im Verlauf der weiteren Kämpfe auch wg. der Belagerung Leningrads änderte). Mir ging es mehr darum zu zeigen, dass dieser Bombenangriff eben auch die Diskussion des ganzen in Finnland bestimmt.
05. Dez 2006 um 12:13
eine anmerkung zum verhalten der westalliierten gegenüber finnland 1941:
grossbritannien erklärte finnland den krieg erst im dezember 41, also ein halbes jahr nach dem beginn des russlandkrieges. wann die usa nachzogen, ist mir nicht bekannt.
05. Dez 2006 um 12:27
Die USA hat Finnland nie den Krieg erklärt. Gleichzeitig wurde glaube ich, von Finnland auch nicht der "unconditional surrender" wie im Falle Deutschlands und Italiens eingefordert. Da bin ich mir aber nicht ganz sicher.
05. Dez 2006 um 16:29
Die in dem zitierten Aufsatz von Günter Lehmann aus dem Jahr 1989 gemachten Ausführungen sind meiner Meinung nach von der Sichtweise beeinflusst, die er als Dipl.rer.mil (UdSSR) gelernt hat.
Ich glaube, man kann sich der Rolle Finnlands wohl nur dann seriös nähern, wenn man die Geschichte Finnlands etwas weiter zurück mit in die Betrachtung einbezieht.
Im Zarenreich war Finnland ein selbständiges Großfürstentum, mit Russland durch die Personalunion der Regenten verbunden.
Als in den baltischen Gebieten unter Alexander III eine entschiedene Russifizierungspolitik einsetzte, blieb Finnland zunächst noch ungeschoren, obwohl panslawistische Angriffe auf die innere Unabhängigkeit Finnlands schon jetzt einsetzten. Nikolaus II machte sich bald die Politik der Panslawisten zu Eigen. Es begann mit der Einsetzung des panslawistischen Generals Bobrikow als Generalgouverneur. Erste wesentliche Kernpunkte seiner neuen Politik gegenüber Finnland waren das gegen die innere Unabhängigkeit Finnlands gerichtete Februarmanifest vom 15. Februar 1899 und ein dem russischen nachgebildetes neues Wehrgesetz. Trotz einer finnischen Petition mit 524000 Unterschriften hielt der Zar am Manifest fest. Das Wehrgesetz setzte er in Kraft, obwohl der russische Reichsrat es verworfen hatte; damit schaffte er die finnische Nationalarmee ab.
All dies hatten die 1939-1945 handelnden Politiker genauso erlebt, wie den einmütigen Widerstand der Finnen gegen das Gewaltregime des Generalgouverneurs Bobrikow und gegen die Russifizierung. Vor dem Hintergrund der Russifizierungspolitik des Zaren ist es verständlich, dass die Finnen, genauso wie die baltischen Völker, die Gelegenheit sich von Russland zu lösen, so schnell wie möglich nutzten. Sie befürchteten schlicht den Verlust der Identität als Volk.
Und nach zwei Jahrzehnten der Ruhe drohte nun wieder der Verlust der Unabhängigkeit, als am 30. November 1939 die Rote Armee Finnland überfiel, nachdem Finnland „freundschaftliche Vorschläge“ der Sowjetunion nicht akzeptieren wollte.. Und jetzt lernten die Finnen: Weder vom Völkerbund noch von den Westmächten war Hilfe zu erwarten. Und nur härtester Widerstand konnte vielleicht Finnland das Schicksal der Balten-Staaten ersparen. Es gelang auch zunächst, wenigstens die Unabhängigkeit zu retten, bei schweren Gebietsverlusten. Aber das Ziel der Sowjetunion in dieser Region war klar, das Erreichen der Grenze des alten Zarenreiches. Als Molotow Hitler im November 1940 besuchte, forderte er freie Hand gegenüber Finnland, was ja eigentlich schon im Hitler-Stalin-Pakt zugestanden war, jetzt aber von Hitler abgelehnt wurde, weil er keinen weiteren Konflikt im Ostseeraum wollte. Davon wurde in Helsinki wenig bis nichts bekannt, wohl aber verschlechterte sich das Verhältnis zur Sowjetunion durch zahlreiche andere Vorgänge:
-Nachträgliche Abänderung der neuen finnisch-sowjetischen Grenze durch die Sowjetunion;
-Auslieferung großer Mengen Eisenbahnmaterial;
-Transitverkehr in sowjetischen Zügen zu dem neuen sowjetischen Kriegshafen Hanko:
-Ansprüche auf Beteiligung an der Verwaltung und Förderung der Nickelwerke Petsamo;
-Sowjetisches Veto gegen den gleich nach Beendigung des Winterkrieges ventilierten Gedanken einer Verteidigungsunion mit Schweden;
-Offizielle Reden anlässlich der Einverleibung der Provinz Viipuri in die Karelische Sowjetrepublik, die in unzweideutiger Weise die bevorstehende Vereinigung aller finnischen Stämme in der Sowjetunion ansprachen;
- Hinweise an Finnland nach dem Tod des Staatspräsidenten Kallio, dass die Wahl von in einer Liste namentlich genannten Politikern als Nachfolger von der Sowjetunion als Ausdruck mangelnden Willens zum Frieden aufgefasst würde.
Damit war in Finnland im Volk allgemein eine Stimmung entstanden, in der nur Deutschland als möglicher Schutz gegen den Untergang des Staates angesehen wurde. Trotzdem ergriffen die finnischen Politiker nicht die Initiative. Alle Fühlungnahmen zwischen deutschen und finnischen amtlichen Stellen gingen immer auf deutsche Initiative zurück. Ein erster militärischer Kontakt auf hoher Ebene fand am 25. Mai 1941 in Salzburg statt, als der finnische Generalstabschef Heinrichs General Jodl traf. Jodl sprach, ohne auf operative Einzelheiten einzugehen, eine mögliche bewaffnete Auseinandersetzung mit der Sowjetunion an, meinte, dass in einem solchen Konflikt ein kleines Land wie Finnland nicht neutral bleiben könne und wünschte, dass Finnland wenigstens die sowjetischen Truppen bände, die derzeit an seinen Grenzen stünden. Heinrichs erklärte laut Augenzeugen, dass Finnland sicher keinen Krieg führen würde, wenn es nicht angegriffen werde: Er habe indessen selbst für einen solchen Fall keine Vollmacht, irgendwelche Vereinbarungen zu treffen.
Am folgenden Tage äußerte General Halder klarere Erwartungen an Finnland, insbesondere schlug er gemeinsame Aktionen gegen Leningrad vor. Heinrichs hat hierzu erklärt, gerade dies werde in Finnland nicht die Unterstützung der politischen wie der militärischen Führung finden. Eine – auch nur hypothetische – Vereinbarung lehnte er erneut ab.
Nach diesen Besprechungen war den Finnen natürlich klar, dass ein deutscher Angriff auf die Sowjetunion bevorstand. Die Situation der finnischen Politiker in den folgenden Wochen war sicher sehr schwierig. Welche Alternativen hatten sie? Für eine bewaffnete Neutralität nach Schweizer Muster war Finnland zu schwach. Es konnte als Staat in dieser Phase nur in Anlehnung an einen Größeren überleben, schon allein aus Versorgungsgründen. Es blieb also nur die Wahl zwischen Deutschland und der Sowjetunion. Und wundert sich jemand, dass nach den Erfahrungen der Jahre 1899 bis 1904 und der Jahre 1939/40 Finnland nicht an die Seite der Sowjetunion treten wollte? Immerhin wurde die Mobilmachung von Staatspräsident Ryti erst am 17. Juni angeordnet, weil man immer noch nicht ganz sicher war, ob Deutschland tatsächlich angreifen würde und man fürchtete, gegenüber der Sowjetunion den Friedensvertrag zu verletzen, wenn kein Kriegszustand zwischen Deutschland und der Sowjetunion eintrat.
Am Morgen des 22. Juni 1941, nach dem Angriff Hitlers, wurde finnisches Territorium von dem Stützpunkt Hanko aus beschossen und Schiffe der finnischen Kriegsmarine durch Bomber angegriffen. Am 25. Juni wurden Helsinki, Turku und zahlreiche andere Orte im Inneren Finnlands von der sowjetischen Luftwaffe bombardiert. Am 26. Juni erklärte Präsident Ryti den Kriegzustand für eingetreten.
Finnland unterschrieb weder vor dem Krieg noch im weiteren Verlauf des Krieges Verträge mit Deutschland außer Handelsabkommen.
Als offizielles Kriegsziel galt immer die Rückeroberung der zuvor im Winterkrieg an die Sowjetunion verlorenen Gebiete.
Im Sommer 1941 hatte Finnland diese Gebiete zurückerobert, drang aber weiter in
sowjetisches Gebiet vor, was mit einer möglichen besseren Verhandlungsposition
bei späteren Friedensgesprächen begründet wurde.
Erst danach erklärte Großbritannien Finnland den Krieg. Es hatte ja die finnische Position im Winterkrieg politisch unterstützt. Mit den USA war Finnland nie im Kriegszustand. Anfang Februar 1944 forderten die USA Finnland auf, Friedensverhandlungen mit der Sowjetunion aufzunehmen. In Finnland bildete sich danach die Hoffnung heraus, die USA würden dem finnischen Botschafter einen Friedensvorschlag übermitteln. Als der Botschafter allerdings im August 1944 nach Helsinki zurückkehrte, musste er der Regierung erklären, dass von den USA keine Unterstützung zu erwarten sei.
In der „Waffenbrüderschaft“ zwischen Finnen und Deutschen gab es auch sehr peinliche Momente. In mindestens zwei Fällen sollten finnische Offiziere mit dem EK ausgezeichnet werden und erklärten daraufhin, sie seinen Juden und wünschten keine deutschen Auszeichnungen,
05. Dez 2006 um 16:53
Als Ergänzung noch eine finnische Stimme aus
Im Schatten der Waffenbrüderschaft
Prof. Dr. Seppo Hentilä
Universität Helsinki
Die Forschungslage zur Geschichte der finnisch-deutschen Waffenbrüderschaft, wie ich vorhin schon vorhin angedeutet habe, ist relativ gut hinsichtlich der politischen Geschichte und der Militärgeschichte. Mauno Jokipiis überzeugende Forschungen, vor allem sein Werk „Die Entstehung des Fortsetzungskrieges“ aus dem Jahre 1987, widerlegen die Treibholztheorie von Stück zu Stück. Jokipii zeigt, dass die politische Führung, der innere Kreis der Regierung Finnlands im Frühjahr und Frühsommer 1941 bewusst ihre Seite wählte, als sie den Beschluss fasste, den Krieg zur deutschen Seite zu betreten. Die andere Alternative, ein Bündnis mit der Sowjetunion – in der Situation nach dem Winterkrieg – war nicht einmal theoretisch möglich. Die dritte Alternative, ein Versuch neutral zu bleiben, existierte ebenso nicht, weil Hitler für die Verwirklichung seiner Operation Barbarossa auf der nordischen Flanke finnisches Territorium unbedingt brauchte. Deutsche Truppen hätten letztendlich Finnland okkupiert, sie waren schon seit einem Jahr in Nordnorwegen. So hätte der Neutralitätsversuch wahrscheinlich dazu geführt, dass das Territorium Finnlands ein Schlachtfeld zwischen den Deutschen und der Roten Armee geworden wäre.
In einer Notlage 1941 musste Finnland also zwischen dem Teufel und dem Satan wählen. In der damaligen Situation gab es keinen Zweifel daran, wer von den beiden wer war. Für die Finnen war Josif Stalin nicht nur der Satan sondern sogar der Hauptsatan. Hitler dagegen war, wie der finnische Staatspräsident Risto Ryti in seiner Radioansprache am 26. Juni 1941, nach dem Finnland sich an die Operation Barbarossa angeschlossen hatte, für das ganze finnische Volk erklärte, „der geniale Führer des deutschen Volkes“, mit deren Hilfe „die Chancen der Finnen in diesem neuen Krieg vielfach optimistischer aussahen als im Winterkrieg, in dem das finnisch Volk allein den Druck der östlichen Barbarei aushalten musste“.
Neben der Wiedergutmachung des Winterkrieges wurde die Waffenbrüderschaft tatsächlich mit der Wahl zwischen Hitler und Stalin legitimiert, und in dieser Wahl gab es letztendlich für die Finnen keine zwei Alternativen.
http://www.valt.helsinki.fi/blogs/shentila/post22.htm
21. Jan 2007 um 09:54
und dann war es dieses hitler-deutschland, welches finnland buchstäblich verraten und verkauft hat...was damals aber nicht bekannt war, das zusatzabkommen ist ja erst im zuge der nürnberger prozesse ans tageslicht gekommen (und hitler wird es den finnen vorher auch nicht gesteckt haben...).
Hallo,
recht umfangreiche Kenntnisse über bzw. zutreffende Vermutungen zu den geheimen deutsch-russischen Absprachen gab es relativ früh in den betroffenen Ländern.
Natürlich konnte niemand ein Exemplar oder eine Kopie der Vereinbarung vorweisen, und so versuchte Ribbentrop noch anfangs des Nürnberger Prozesses, einen Deal mit der sowjetischen Anklagevertretung über sein Schweigen in der Angelegenheit zu bekommen.
Finnland und der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt in 1939:
Finnlands Sicherheit und staatliche Souveränität wurde vor 1939 entscheidend auf die Prämisse gestützt, dass eine deutsch-sowjetische Interesseneinigung aufgrund der beiderseitigen Gegensätze in der Ostsee ausgeschlossen war. Finnland nahm daher gegenüber beiden Seiten eine souveräne Haltung ein, ohne in der Anlehnung ein Ungleichgewicht entstehen zu lassen. Als weitere Faktoren wurden die Westalliierten sowie die übrigen skandinavischen Länder beachtet.
Umso mehr stieg in Finnland die Beunruhigung, als die einerseits die Verhandlungen mit den Westmächten im Juli 1939 begannen und sich zudem Wirtschaftsgespräche als Vorboten von politischen Gesprächen zwischen Deutschland und der SU anbahnten. Bereits im Juli 1939 wurde von finnischer diplomtischer Seite und in der Presse die Befürchtung klar ausgesprochen, dass dieses Land bei den Gesprächen „verkauft“ und seine Interessen geopfert werden könnten. Die Tage nach der Verkündung des dt.-russ. Nichtangriffspaktes vergingen in den meistens europäischen Ländern sowie in den diplomatischen Kreisen in großer Hektik. Bereits am 25./26.9.1939 wurden Finnland britische Informationen über die in Moskau erfolgte territoriale Abgrenzung der deutsch-sowjetischen Interessensphären zugesteckt, Informationen, die die eigenen finnischen Analysen nur bestätigten. Danach war klar, dass Finnland, das Baltikum, Ostpolen und Bessarabien, möglicherweise ganz Südosteuropa dem sowjetischen Einflussgebiet zugeschlagen waren, was entsprechende Gebietsansprüche der SU in Revision der Ergebnisse des Weltkrieges zur Folge haben musste.
Der deutsche Botschafter Blücher wurde erst rund 4 Wochen nach Paktunterzeichnung von Ribbentrop über die geschlossenen Vereinbarungen informiert, nachdem in den ersten Tagen wegen der hochbrausenden Presse nur strikte deutsche Dementis aus Berlin in die europäischen Botschaften angewiesen worden waren. Die Befürchtungen über die Gesprächsinhalte wurden schließlich auch durch den sowjetischen Einmarsch in Polen zwischenzeitlich bestätigt. In Finnland schlugen die Wellen der Presse hoch, allgemeine Empörung machte sich breit. Eine finnische Option wäre gewesen, sich einer Seite zuzuneigen, vorausgesetzt, die Absprachen über die Interessensphären ließen dieses überhaupt noch zu. Die Krise mit der Sowjetunion begann sich derweil in den Gesprächen bei Molotow zu verschärfen. Während die diplomatischen Anfragen Finnlands an Deutschland Ende September und im Oktober 1939 immer verzweifelter wurden, erfolgte schließlich die deutsche Ablehnung jeder Hilfe unter dem Hinweis, es handele sich nicht um deutsches Interessengebiet. Die öffentliche Meinung in Finnland spiegelte diese finnische Enttäuschung klar wieder, im Oktober mussten sogar deutsche Einrichtungen wie z. B. Schulen unter Polizeischutz gestellt werden, da hier Übergriffe drohten. Das frostige deutsch-finnische Klima und die breite öffentliche Empörung in Finnland über die Opferung des Landes zugunsten deutscher Interessen, um letztlich in der Auseinandersetzung mit Polen der Rückendeckung der Sowjetunion bei einem Krieg mit den Westmächten zu gewinnen, berichtet Botschafter Blücher in nüchterner Klarheit in einem Memorandum am 26.10.1939 an das deutsche Außenministerium.
Angesichts dieser Entwicklung lässt sich feststellen, dass die Inhalte der deutsch-sowjetischen Geheimvereinbarungen in Finnland bereits seit Juli 1939 zunächst befürchtet wurden, nach dem Abschluss des Vertrages frühzeitig vermutet wurden, und in den diplomatischen Kreisen durch völlig zutreffende, erstaunlich genaue Informationen zahlreicher europäischer Diplomaten bestätigt wurden. Spätestens nach dem russischen Einmarsch in Polen, der nachfolgenden territorialen Einigung und den gleichzeitigen Verschärfungen im Baltikum, sowie dem nunmehr bekundeten deutschen Desinteresse an den weiteren Entwicklungen in Finnland bestand über den Inhalt der Geheimvereinbarungen realistisch auf finnischer Seite kein Zweifel mehr. Die finnische Diplomatie ging sogar bereits Ende August 1939 von dem Faktum der Geheimvereinbarungen aus, auch wenn Bestätigungen hierfür zunächst fehlten.
Quellen im wesentlichen:
ADAP, Reihe D, Band VII und VIII.
Jan Lipinsky: Das Geheime Zusatzprotokoll zum deutschsowjetischen Nichtangriffspakt vom 23. August 1939 und seine Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte von 1939 bis 1999 (Europ. Hochschulschriften III/991), Bern/Frankfurt a.M. 2004, S. 225 ff.
Grüße
Thomas
22. Jan 2007 um 23:19
Hallo,
anzufügen wäre noch, da ich dazu etwas in einem anderen Bereich hier im Forum gelesen habe, dass Deutschland die Hilfslieferungen u. a. aus Italien (Ersatzteile, Waffen) nach Ausbruch des finnisch-sowjetischen Krieges nach Anweisung aus dem Außenministerium stoppte. Einige Eisenbahnwaggons waren irrtümlich durchgeleitet worden.
Quelle: ADAP wie oben.
Thomas
13. Feb 2007 um 17:08
In dieses Bild passt auch eine vor einiger Zeit von Guido Knopp als Sensationsfund präsentierte Tonbandaufnahme des finnischen Geheimdienstes - soweit ich mich erinnere! - in der Hitler unverblümt die eigene Fehleinschätzung der russischen militärischen und wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit zugibt: Aufklärungsarbeit gegen einen weniger gegen "Verbündeten" als vielmehr gegen einen unberechenbaren "temporären Wegbegleiter"...
13. Feb 2007 um 20:04
[SIZE=2]Komisch - in meinem schlauen Buch "Daten der Weltgeschichte" steht eindeutig:
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[SIZE=2]1941 Kriegseintritt Finnlands gegen die UdSSR; tritt dem Antikomiternpakt bei
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[SIZE=2]Daß es darüber heute ein Streit geben soll, verwundert mich sehr.
14. Feb 2007 um 12:48
[SIZE=2]Daß es darüber heute ein Streit geben soll, verwundert mich sehr.
Deswegen empfiehlt der Schwede Arnstad Finnland einen "Grundkurs in Geschichte"...
14. Feb 2007 um 21:44
[SIZE=2]Na ja - grundrißartig kenne ich die Geschichte Finnlands, also weiß ich auch, daß Finnland erst seit 1918 unabhängig ist und davor zu Russland gehört hat. Möglicherweise leitete Stalin davon noch einen Besitzanspruch ab.
14. Feb 2007 um 21:52
... grundrißartig kenne ich die Geschichte Finnlands, also weiß ich auch, daß Finnland erst seit 1918 unabhängig ist und davor zu Russland gehört hat...
Kleine Korrektur: am 04.12. 1917 erklärt Finnland seine Unabhängigkeit von Rußland - vgl. dazu http://www.dhm.de/lemo/html/1917/index.html
Anm. (EDIT): Lt. http://www.finland.fi/finfo/saksa/factde.html#gesc, http://de.wikipedia.org/wiki/Finnland#Unabh.C3.A4ngigkeit_und_Kriege und http://www.areion.de/finnlandc.html wird übrigens der 06.12. 1917 genannt, der wohl auch der Nationalfeiertag Finnlands ist(http://www.auswaertiges-amt.de/diplo/de/Laenderinformationen/Finnland/VertretungenFinnland.html).
(Was allerdings am Kontext grundsätzlich nichts ändert...)