Sep 18
2009
Die Mörder von Danzig
News in Der Zweite Weltkrieg 18 Kommentare »Nach dem Sturm auf die Polnische Post am 1. September 1939 sprach die deutsche Justiz blutig Recht. Die Dokumentation eines Dramas, das Günter Grass in seiner »Blechtrommel« beschrieb.
[IMG]http://images.zeit.de/kultur/literatur/2009-09/danzig-1939/danzig-1939-540x304.jpg[/IMG]
Adolf Hitler besichtigt die eingenommene zerstörte Westerplatte. Am 1. September 1939 um 4:45 Uhr hatte das Linienschiff "Schleswig-Holstein" das Feuer auf die polnischen Befestigungen auf der Westerplatte vor Danzig eröffnet
Als der große Danzig-Roman Die Blechtrommel von Günter Grass vor 50 Jahren erschien, oblag es kurz darauf dem Vizepräsidenten des Hanseatischen Oberlandesgerichts Bremen, Dr. Kurt Bode, einen Verbotsantrag gegen das Buch zu überprüfen. Es sei pornografisch. Damals landeten viele inzwischen berühmte Bücher vor deutschen Gerichten – von Henry Millers Sexus, Plexus, Nexus-Trilogie bis zu Vladimir Nabokovs Lolita. Doch Bode hielt sich aus wohlüberlegten, allerdings nicht zensurfeindlichen Gründen zurück. Zu einem Verbot kam es nicht. Zehn Jahre später erinnerte sich der inzwischen pensionierte Richter in einem Gespräch an seine Lektüre der Blechtrommel: »Ich habe es nach zwei Kapiteln wieder weggelegt. Die Polen und die Danziger waren ganz anders.«
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Wahrscheinlich war das eine Lüge. Der Richter hatte nach 1945 oft und erfolgreich gelogen, wenn es um seine Rolle im »Dritten Reich« ging. Denn wenige Tage nach Kriegsbeginn hatte Kurt Bode 38 Verteidiger der Polnischen Post in Danzig, unter ihnen Franzciszek Krause, einen Onkel von Günter Grass, zum Tode verurteilt. Sie wurden alle erschossen. Es war ein Justizmord sondergleichen. Die Kapitel 18 bis 20 der Blechtrommel erzählen, wie es dazu kam. Ganz gewiss hatte Bode auch diese Passagen gelesen; denn sie entsprachen in nobelpreiswürdiger dichterischer Ausstattung der historischen Wirklichkeit.
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Adolf Hitler besichtigt die eingenommene zerstörte Westerplatte. Am 1. September 1939 um 4:45 Uhr hatte das Linienschiff "Schleswig-Holstein" das Feuer auf die polnischen Befestigungen auf der Westerplatte vor Danzig eröffnet
Als der große Danzig-Roman Die Blechtrommel von Günter Grass vor 50 Jahren erschien, oblag es kurz darauf dem Vizepräsidenten des Hanseatischen Oberlandesgerichts Bremen, Dr. Kurt Bode, einen Verbotsantrag gegen das Buch zu überprüfen. Es sei pornografisch. Damals landeten viele inzwischen berühmte Bücher vor deutschen Gerichten – von Henry Millers Sexus, Plexus, Nexus-Trilogie bis zu Vladimir Nabokovs Lolita. Doch Bode hielt sich aus wohlüberlegten, allerdings nicht zensurfeindlichen Gründen zurück. Zu einem Verbot kam es nicht. Zehn Jahre später erinnerte sich der inzwischen pensionierte Richter in einem Gespräch an seine Lektüre der Blechtrommel: »Ich habe es nach zwei Kapiteln wieder weggelegt. Die Polen und die Danziger waren ganz anders.«
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Wahrscheinlich war das eine Lüge. Der Richter hatte nach 1945 oft und erfolgreich gelogen, wenn es um seine Rolle im »Dritten Reich« ging. Denn wenige Tage nach Kriegsbeginn hatte Kurt Bode 38 Verteidiger der Polnischen Post in Danzig, unter ihnen Franzciszek Krause, einen Onkel von Günter Grass, zum Tode verurteilt. Sie wurden alle erschossen. Es war ein Justizmord sondergleichen. Die Kapitel 18 bis 20 der Blechtrommel erzählen, wie es dazu kam. Ganz gewiss hatte Bode auch diese Passagen gelesen; denn sie entsprachen in nobelpreiswürdiger dichterischer Ausstattung der historischen Wirklichkeit.
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19. Sep 2009 um 11:12
Das sind die Geschichten die einen einst auf die Straße trieben.
Seilschaften von beamteten Mördern denen (fast) allen nichts geschah.
19. Sep 2009 um 11:24
Eine Frage muss, bei aller Betroffenheit, gestattet sein: Mir ist unklar, wie "3 leichte Maschinengewehre, Eierhandgranaten und 40 Pistolen" in die Händen von Postbeamten in einer entmilitarisierten Stadt gelangen konnten. Sind uniformierte(?) Postbeamte denn wirklich Kombattanten im Sinne der Haager Landkriegsordnung?
Bitte nicht gleich wieder die "Nazikeule schwingen"...
19. Sep 2009 um 12:08
Sind uniformierte(?) Postbeamte denn wirklich Kombattanten im Sinne der Haager Landkriegsordnung?
Das ist umstritten. [I]Alle[/I] Bedingungen des Art. 1 HLKO [1] waren nicht erfüllt. Ich neige allerdings die Auffassung zu, dass die Verteidiger als solche ohne weiteres zu identifizieren waren; sie hielten sich als geschlossene Gruppe im Postgebäude auf. Ich habe auch keine Problem, den Verteidigern ein grundsätzliches Widerstandsrecht gegen und die (unerklärten!) Kriegshandlungen deutscherseits zuzuerkennen; vgl. Art. 2 HKLO.
Siehe den Überblick in Militr und Kriegsvlkerrecht ... - Google Bcher sowie die Monographie von Dieter Schenk: Die Post in Danzig.
Eine Frage muss, bei aller Betroffenheit, gestattet sein: Mir ist unklar, wie "3 leichte Maschinengewehre, Eierhandgranaten und 40 Pistolen" in die Händen von Postbeamten in einer entmilitarisierten Stadt gelangen konnten.Sie wurden eingeschmuggelt, nachdem die Polen überzeugt waren, dass der Überfall unmittelbar bevorstehe. (Handfestes Indiz war z. B. die völkerrechts- und vertragswidrige Erhebung des Gauleiters Forster zum "Staatsführer" der Freien Stadt Danzig am 23.08.1939.)
Die mindestens genau so legitime Frage lautet: Woher hatten die Angreifer ihre über den "Polizeibedarf" hinausgehenden Waffen?
Bitte nicht gleich wieder die "Nazikeule schwingen"...:rolleyes:
[1]
Art. 1
Die Gesetze, die Rechte und die Pflichten des Krieges gelten nicht nur für das Heer, sondern auch für die Milizen und Freiwilligenkorps, wenn sie folgende Bedingungen erfüllen:
1. wenn jemand an ihrer Spitze steht, der für seine Untergebenen verantwortlich ist,
2. wenn sie ein festes, aus der Ferne erkennbares Abzeichen tragen,
3. wenn sie die Waffen offen führen und
4. wenn sie bei ihren Unternehmungen die Gesetze und Gebräuche des Krieges beobachten.
In den Ländern, wo Milizien oder Freiwilligenkorps das Heer oder einen Bestandteil des Heeres bilden, sind diese unter der Bezeichnung «Heer» inbegriffen.
Art. 2
Die Bevölkerung eines nicht besetzten Gebiets, die beim Herannahen des Feindes aus eigenem Antriebe zu den Waffen greift, um die eindringenden Truppen zu bekämpfen, ohne Zeit gehabt zu haben, sich nach Artikel 1 zu organisieren, wird als kriegführend betrachtet, wenn sie die Waffen offen führt und die Gesetze und Gebräuche des Krieges beobachtet.
19. Sep 2009 um 12:11
Eine Frage muss, bei aller Betroffenheit, gestattet sein: Mir ist unklar, wie "3 leichte Maschinengewehre, Eierhandgranaten und 40 Pistolen" in die Händen von Postbeamten in einer entmilitarisierten Stadt gelangen konnten. Sind uniformierte(?) Postbeamte denn wirklich Kombattanten im Sinne der Haager Landkriegsordnung?
Bitte nicht gleich wieder die "Nazikeule schwingen"...
Mir ist nicht ganz klar wie du auf "entmilitarisiert" kommst?
19. Sep 2009 um 12:25
Sie wurden eingeschmuggelt, nachdem die Polen überzeugt waren, dass der Überfall unmittelbar bevorstehe. (Handfestes Indiz war z. B. die völkerrechts- und vertragswidrige Erhebung des Gauleiters Forster zum "Staatsführer" der Freien Stadt Danzig am 23.08.1939.)
Ich habe jetzt ein wenig recherchiert und keine Quelle gefunden, dass die Waffen erst eine Woche vor dem Kriegsausbruch dorthin gelangten. Ist das also so sicher? Wikipedia gibt an, dass das Postamt ab 1935 auch polnische Geheimdienstzentrale war. In konkreter Erwartung eines Überfalls hätte man sich doch sicher "Besseres" besorgt, zumindest Karabiner. Mit Pistolen kann man doch keinem ernsthaften Angriff standhalten.
Die mindestens genau so legitime Frage lautet: Woher hatten die Angreifer ihre über den "Polizeibedarf" hinausgehenden Waffen?
Dass die Danziger Heim- und Feuerwehr auch keine Kombattanten i.S. des Kriegsrechts waren und kein Recht hatten, militärisch vorzugehen, ist doch unstrittig.
Ansonsten, vielen Dank für die rasche Aufklärung.
19. Sep 2009 um 12:31
Mir ist nicht ganz klar wie du auf "entmilitarisiert" kommst?
Laut den Bestimmungen von Versailles. Eine (umstrittene) Ausnahme war die Westerplatte.
Freie Stadt Danzig ? Wikipedia
19. Sep 2009 um 13:29
Ich habe jetzt ein wenig recherchiert und keine Quelle gefunden, dass die Waffen erst eine Woche vor dem Kriegsausbruch dorthin gelangten. Ist das also so sicher?
Ich habe Toppe (siehe Link), S. 305 oben so verstanden, aber Schenk hat sicherlich mehr Details parat.
Wikipedia gibt an, dass das Postamt ab 1935 auch polnische Geheimdienstzentrale war. In konkreter Erwartung eines Überfalls hätte man sich doch sicher "Besseres" besorgt, zumindest Karabiner. Mit Pistolen kann man doch keinem ernsthaften Angriff standhalten.Vielleicht waren die Polen einfach nur skrupulöser oder noch nicht bereit, den Krieg als unausweichlich anzunehmen? Jedenfalls hatten sie, anders als die Angreifer, weder Schützenpanzerwagen noch Artillerie zur Verfügung, und als die Kriegsgefahr sich verdichtete, mussten sie aus strategischen Gründen darauf verzichten, die "Pomorze"-Armee näher an die Danziger Grenze heranzuschieben (vgl. http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/8/8d/Poland1939_GermanPlanMap.jpg).
19. Sep 2009 um 18:18
Die polnische Staatsführung des Jahres 1939, eigentlich seit 1918, waren alles andere als Waisenknaben.
Ein erheblicher Teil der Spannungen um Danzig hatten die verursacht.
Bromberger Blutsonntag usw. sind Fakten. Bei allen Übertreibungen der Opferzahlen.
Aber die Verteidiger der Post einfach erschießen....
Der größte Verbrecher saß ganz zweifellos in Berlin.
Und der Skandal ist, dass seine Handlanger, so ein Bursche findet die immer, ungestraft davon kamen.
Die zweite Schuld!
19. Sep 2009 um 19:47
Aber die Verteidiger der Post einfach erschießen....
@Repo, bei aller Empörung und moralischen Verwerflichkeit. Mit bewaffneten Nichtkombattanten, oder in diesem Fall was man zu solchen erklärte, machte im Krieg keine Seite viel Federlesen. Bestimmt kennst du aus deiner Heimat ähnliche Beispiele, als die Franzosen einmarschierten.
Ich will das Vorgehen in Danzig keineswegs im Sinne von "die anderen haben ja auch..." relativieren. Aber eine klare Trennung Kombattanten/Zivilisten ist mitunter schwierig, das beweist der jüngste Vorfall mit den Tanklastern in Afghanistan hinreichend.
20. Sep 2009 um 00:43
Wisst ihr, was mich an dem Artikel am meisten trifft?
Günther Grass gab in einem Interview zu, dass er die Blechtrommel schrieb, weil er einfach auch mal ein dickes Buch schreiben wollte. Wenn ich so seinen Schreibstil beachte... das hatte ich mir von Anfang an gedacht. Selbst Tolstoj, der schon schwere Kost schrieb oder Dostojewski haben einen schleppenden Schreibstil, doch bei Günther Grass schreit förmlich jede Zeile, dass Günther Grass krampfhaft versucht, Literatur zu verfassen.
Dass nach dem Krieg hunderte "höher" gestellte Nazis, wie eben Richter oder Anwälte, weiterhin ihre Berufe ausüben durften, weiterhin Recht sprechen durften, und das obwohl sie maßgeblich an den Verbrechen teilhatten.
Bis in die 60er Jahre hinein gab es kaum innerdeutsche Prozesse gegen Nazis und als man dann endlich darauf kam, waren die Angeklagten schon sehr alt oder gar tot.
Man sehe nur diesen neuen Prozess, bei dem man einen 80jährigen extra aus den USA einfliegt, um einen Scheinprozess auf die Beine zu stellen. Mal ehrlich, meint irgendjemand, den juckt es noch, wenn er jetzt noch zwei oder drei Jahre im Knast sitzt, bis er stirbt? er hat ein erfülltes Leben hinter sich, hat wahrscheinlich seelenruhig ein Leben und eine Familie gegründet und gelebt, Dinge, die den Nachfahren seiner Opfer verwehrt waren. In all den Jahren seit dem zweiten Weltkrieg wurde kein Handschlag getan, um den Opfern Genugtuung zu gewähren, ein gerechtes Urteil zu fällen, stattdessen zahlte man den Opfern Entschädigungen, dabei hätten sicher Viele einfach nur gewollt, dass ihre Peiniger einfach ihre gerechte Strafe erhalten und nicht mehr.
Und jetzt versucht man um jeden Preis noch Schuldige zu finden, obwohl nur noch eine oder zwei Handvoll zu finden sind, die noch nicht zu gebrechlich sind um einem solchen Prozess über sich ergehen zu lassen!
Der Prozess gegen Demjanjuk war ein schöner Lückenfüller fürs Sommerloch, so siehts aus.
Und was mich ganz besonders stört - das ist nur meine Meinung, die niemand mit mir teilen muss - ist die Tatsache, dass der Anlass zu diesem Artikel ausgerechnet ein Buch von Günther Grass ist.
Günther Grass sorgte seinerzeit für viel Aufregung, weil er selbst Mitglied der Waffen-SS gewesen ist. Nun stellt sich mir die Frage, wie es sein kann, dass man ihn so hoch lobt für sein literarisches Werk*, obwohl er streng betrachtet auch nur einer von vielen Heuchlern ist, wohingegen der Richter, der ebenfalls einfach weitergearbeitet hat, als der Schurke hingestellt wird. Das gibt mir doch ziemlich viel zu denken, so als Mensch meiner Generation.
Mag sein, dass ich jetzt bei Einigen einen Nerv getroffen habe, aber dann ist das eben so.
*übrigens gewann ich vor etwas mehr als einem Jahr eine Wette mit mir selbst
20. Sep 2009 um 09:21
Ich finde der Vergleich Grass mit ehemaligen Beamten des 3.Reiches und der späteren BRD hinkt. Der eine hat es als Jugendlicher vieleicht cool gefunden in der Waffen-SS zu sein, während die anderen als Erwachsene bis kurz vor Schluß noch Todesurteile sprachen und Vollziehen ließen, unter anderem auch an solchen wie Grass.
Was sie beide vieleicht eint, ist die Verleugnung/Verharmlosung ihrer Vergangenheit über einen langen Zeitraum. Nur, das ist doch zutiefst menschlich. Wer spricht schon gern über dunkle Kapitel seiner eigenen Geschichte? Kann man jemanden deshalb einen Heuchler nennen, wenn er gleichzeitig die Schrecken dieser (seiner) Zeit literarisch aufarbeitet?
Das Problem ist doch eher, das nur die Leute schnell verurteilt wurden und werden, die zusehr in der Öffentlichkeit standen. Und dann auch nur konsequent, wenn sie für die neuen Machthaber wenig nützlich waren.
Der Fall Demjanjuk ist, wie FoxP2gen schon sagt, auch in meinen Augen ein Lückenfüller. Der Mann saß ja nun schon mehrfach im Gefängnis. Unteranderem in Israel, welches ja nun nicht dafür bekannt ist, das es Nazi-Verbrecher mal einfach so laufen läßt.
Welche Jacke will sich das heutige Deutschland damit noch anziehen und wozu?
Jetzt wo die meisten Kriegsverbrecher tot sind bzw. kurz davor stehen noch schnell Versäumtes nachholen? Oder ist es jetzt ungefährlich, weil ihre Aussagen keinem anderen mehr schaden können?
20. Sep 2009 um 10:06
Das ist umstritten. [I]Alle[/I] Bedingungen des Art. 1 HLKO [1] waren nicht erfüllt. Ich neige allerdings die Auffassung zu, dass die Verteidiger als solche ohne weiteres zu identifizieren waren; sie hielten sich als geschlossene Gruppe im Postgebäude auf. Ich habe auch keine Problem, den Verteidigern ein grundsätzliches Widerstandsrecht gegen und die (unerklärten!) Kriegshandlungen deutscherseits zuzuerkennen; vgl. Art. 2 HKLO.
Dem schließe ich mich an; um die Problematik des deutschen Angriffskrieges noch zu verschärfen, könnte man auf die Rechtsprechung zum Widerstandsrecht zB in Italien hinweisen (das vom BVerfG mehr als angedeutet worden ist).
Das Problem der Waffen stellt sich auch nicht isoliert (oder höchstens als nachrangiges Problem). Stellen wir fest, dass die verbrachten Waffen dort trotz aller Spannungen illegal waren: schön und gut, und nun, was wäre die Konsequenz? Etwas überspitzt: verfällt das polnische Postrecht in Danzig?
Die unsinnige Frage soll folgendes verdeutlichen: ich fände es weit hergeholt, eine Empörung über die Existenz von Waffen in der Post nicht und final mit einem deutschen Angriff und dem daraus resultierenden Widerstand zu verbinden: huch, die wehren sich ja. Es sollte umgekehrt klar sein, dass von 3 lMG in der Danziger Post keine Besetzung Danzigs oder gar ein Angriffskrieg ausgehen kann (schon garnicht 1939!). Weiter sollte das vor dem Hintergrund inflatorischer Verbreitung von Waffen zwischen Oberschlesien und Königsberg gesehen werden. Vielleicht kann man auch einmal auf die beachtlichen SA-Waffenlager 7 Jahre zuvor hinweisen, die von der Reichswehr mühsam wieder eingesammelt werden mußten. Die Erschießungen in Zusammenhang mit der Post sollten außerdem mit Böhlers Studie zum Franktireur-Feldzug der Wehrmacht in Polen verbunden werden: tausende Exekutionen durch die Wehrmacht selbst bei vermutetem Widerstand. Die Danziger Post ist hier ein von der Propaganda ausgeschlachtetes Randereignis im Promille-Bereich.
Ein letzter Hinweis: diese als Kombattanten "mobilisierten" Gruppen sind nie ganz unproblematisch, die sorgenvollen Blicke des deutschen OKW auf den deutschen Volkssturm und die Flak-Kindersoldaten reichen dafür. Und weil mir immer mehr dazu einfällt: was ist mit bewaffneten Reichsbahner und Postler, was mit Polizeibataillonen im Hinterland der Ostfront?
20. Sep 2009 um 12:14
Dem schließe ich mich an; um die Problematik des deutschen Angriffskrieges noch zu verschärfen, könnte man auf die Rechtsprechung zum Widerstandsrecht zB in Italien hinweisen (das vom BVerfG mehr als angedeutet worden ist).

Das Problem der Waffen stellt sich auch nicht isoliert (oder höchstens als nachrangiges Problem). Stellen wir fest, dass die verbrachten Waffen dort trotz aller Spannungen illegal waren: schön und gut, und nun, was wäre die Konsequenz? Etwas überspitzt: verfällt das polnische Postrecht in Danzig?
Die unsinnige Frage soll folgendes verdeutlichen: ich fände es weit hergeholt, eine Empörung über die Existenz von Waffen in der Post nicht und final mit einem deutschen Angriff und dem daraus resultierenden Widerstand zu verbinden: huch, die wehren sich ja. Es sollte umgekehrt klar sein, dass von 3 lMG in der Danziger Post keine Besetzung Danzigs oder gar ein Angriffskrieg ausgehen kann (schon garnicht 1939!). Weiter sollte das vor dem Hintergrund inflatorischer Verbreitung von Waffen zwischen Oberschlesien und Königsberg gesehen werden. Vielleicht kann man auch einmal auf die beachtlichen SA-Waffenlager 7 Jahre zuvor hinweisen, die von der Reichswehr mühsam wieder eingesammelt werden mußten. Die Erschießungen in Zusammenhang mit der Post sollten außerdem mit Böhlers Studie zum Franktireur-Feldzug der Wehrmacht in Polen verbunden werden: tausende Exekutionen durch die Wehrmacht selbst bei vermutetem Widerstand. Die Danziger Post ist hier ein von der Propaganda ausgeschlachtetes Randereignis im Promille-Bereich.
Ein letzter Hinweis: diese als Kombattanten "mobilisierten" Gruppen sind nie ganz unproblematisch, die sorgenvollen Blicke des deutschen OKW auf den deutschen Volkssturm und die Flak-Kindersoldaten reichen dafür. Und weil mir immer mehr dazu einfällt: was ist mit bewaffneten Reichsbahner und Postler, was mit Polizeibataillonen im Hinterland der Ostfront?
Lauter Probleme die Völkerrechtler bestimmt interessieren.
Wir reden hier aber vom 2. WK. Solche Vorkommnisse gab es hin und her, zig-mal.
Der Skandal sind die "Handlanger" die man laufen ließ, in der BRD-Wirklichkeit der 50er-60er.
Und das empört mich immer wieder aufs neue.
21. Sep 2009 um 14:51
Lauter Probleme die Völkerrechtler bestimmt interessieren.
...
Der Skandal sind die "Handlanger" die man laufen ließ, in der BRD-Wirklichkeit der 50er-60er.
Das kannst Du doch nicht trennen.
Wenn ich das jetzt richtig verstanden habe, ist die Erschießung der Postler in Danzig völkerrechtlich unklar, also vielleicht legal gewesen.
Und dann wiederum wäre es völlig ok, wenn der Verantwortliche dafür hinterher nicht bestraft wird.
21. Sep 2009 um 15:32
Das kannst Du doch nicht trennen.
Wenn ich das jetzt richtig verstanden habe, ist die Erschießung der Postler in Danzig völkerrechtlich unklar, also vielleicht legal gewesen.
Und dann wiederum wäre es völlig ok, wenn der Verantwortliche dafür hinterher nicht bestraft wird.
Selbstnatürlich.
Und was damals Recht war, kann heute kein Unrecht sein.:motz:
Filbinger ich hör dir trapsen...
Und Befehl ist Befehl usw. usf....
Führerprinzip, jeder ist nur nach oben verantwortlich. War also alles Gröfaz persönlich. Und der war unbestritten tot.....
Hab ich alles bis zum kotzen gehört....
Sorry, wenn ich etwas unsachlich werde.
Aber, genau die Argumentation haben sie benutzt, die Handlanger.
21. Sep 2009 um 16:12
Vor nicht allzu langer Zeit habe ich die Erinnerungen eines Wehrmachts-Gerichts-Schreibers gelesen.
Seine Karriere hat er im Mai 45 in Mecklenburg beendet. Täglich 7-8 Todesurteile von "Deserteuren".
"Da hatte selbst der Gerichtsvorsitzende, ein alt gedienter Militärrichter, oft Schweißperlen auf der Stirn"
den soll man also bedauern....
Und dann:
"Diese Gesetze galten in allen Armeen der Welt"
Eine schlichte Lüge.
Eine Eruption der Unmenschlichkeit, des Sadismus.
Ohne weiteres von jedem juristisch nur etwas gebildeten zu erkennen.
Aber verknackt hat man, natürlich zu Recht, den halbidiotischen KZ-Aufseher, und diese Schweine ließ man laufen, natürlich zu Unrecht!
Ein Schelm wer schlechtes dabei denkt.
21. Sep 2009 um 16:19
Vielleicht läßt sich die Aufregung etwas reduzieren: ich habe darlegen wollen (so habe ich auch @jschmidt verstanden), dass die Hinrichtungen völkerrechts[U]widrig [/U]waren, es handelt sich mE um Kriegsgefangene.
Nur um das klarzustellen, habe ich die deutschen Problemfelder genannt: Volkssturm und Flakhelfer.
21. Sep 2009 um 18:06
Vielleicht läßt sich die Aufregung etwas reduzieren: ich habe darlegen wollen (so habe ich auch @jschmidt verstanden), dass die Hinrichtungen völkerrechts[U]widrig [/U]waren, es handelt sich mE um Kriegsgefangene.
Keine Aufregung.
Nur um das klarzustellen, habe ich die deutschen Problemfelder genannt: Volkssturm und Flakhelfer.Ist mir bekannt.
Und dass ein Jurist immer zwischen belastendem und entlastendem abzuwägen versucht, ist auch klar.
Ich wollte lediglich nochmals meinen ersten Beitrag zu diesem Thema hier "vertiefen".
Solche "Enthüllungen" kamen in der 2. Hälfte der 60er im Monatsrythmus, als Heranwachsender hatte man den Eindruck, dass die "Alten" anscheinend alles Nazis im übelsten Sinn gewesen waren, man es nur noch nicht allen nachweisen konnte.
Ich hatte einen Freund der hat damals alle Diskussionen mit seinen Eltern über Schulnoten, langes Ausgehen usw. mit den Worten beendet: "Ihr seid besser still, Ihr habt Euch schon mit Juden gewaschen".