Okt 27
2009
Die Wurzeln des Bösen
News in Frühzeit des Menschen 1 Kommentar »Eine Gedankenreise in die Vorgeschichte unserer Art zeigt, was uns zu Menschenfeinden macht.
[IMG]http://images.zeit.de/wissen/2009-10/37-boese-affe/37-boese-affe-540x304.jpg[/IMG]
Blick zurück in die Stammesgeschichte: Aggression erbte der Mensch von seinen Vorfahren – sie bescherten ihm die Furcht vor dem "Bösen", brachte aber auch die Grundlagen menschlichen Zusammenlebens hervor
Sie sind absolut friedfertig. Die Stammesangehörigen der Mangyan können keiner Fliege etwas zuleide tun. Im Hochland der philippinischen Insel Mindoro leben diese Eingeborenen zwischen Süßkartoffel- und Maniokfeldern und kennen weder Mord noch Totschlag. Sie arbeiten nur gemächlich, statten sich häufig gegenseitig Besuche ab, verschwatzen generell viel Zeit.
In großen Häusern leben fünf Familien unter einem Dach, ohne Wände, aber mit vielen Feuerstellen. Zwanzig Mal am Tag wird gekocht. Gegenseitig biete man sich dann dampfende Süßgerichte an, berichtet der Völkerkundler Jürg Helbling. Eine poetische Szene, fast zärtlich, während draußen kalter Nebel und Regen den Blick auf die bewaldeten Berge nehmen. Gibt es das Paradies also doch? »Dieses Volk ist die absolute Ausnahme«, sagt Helbling. Dreimal hat er die Ureinwohner besucht, sie beobachtet und insgesamt zwei Jahre lang bei ihnen gelebt. »Danach«, sagt der Anthropologieprofessor der Universität Luzern, »hat mich dann die Regel interessiert.«
Weiterlesen »
[IMG]http://images.zeit.de/wissen/2009-10/37-boese-affe/37-boese-affe-540x304.jpg[/IMG]
Blick zurück in die Stammesgeschichte: Aggression erbte der Mensch von seinen Vorfahren – sie bescherten ihm die Furcht vor dem "Bösen", brachte aber auch die Grundlagen menschlichen Zusammenlebens hervor
Sie sind absolut friedfertig. Die Stammesangehörigen der Mangyan können keiner Fliege etwas zuleide tun. Im Hochland der philippinischen Insel Mindoro leben diese Eingeborenen zwischen Süßkartoffel- und Maniokfeldern und kennen weder Mord noch Totschlag. Sie arbeiten nur gemächlich, statten sich häufig gegenseitig Besuche ab, verschwatzen generell viel Zeit.
In großen Häusern leben fünf Familien unter einem Dach, ohne Wände, aber mit vielen Feuerstellen. Zwanzig Mal am Tag wird gekocht. Gegenseitig biete man sich dann dampfende Süßgerichte an, berichtet der Völkerkundler Jürg Helbling. Eine poetische Szene, fast zärtlich, während draußen kalter Nebel und Regen den Blick auf die bewaldeten Berge nehmen. Gibt es das Paradies also doch? »Dieses Volk ist die absolute Ausnahme«, sagt Helbling. Dreimal hat er die Ureinwohner besucht, sie beobachtet und insgesamt zwei Jahre lang bei ihnen gelebt. »Danach«, sagt der Anthropologieprofessor der Universität Luzern, »hat mich dann die Regel interessiert.«
Weiterlesen »
27. Okt 2009 um 14:55
Sie sind absolut friedfertig. Die Stammesangehörigen der Mangyan können keiner Fliege etwas zuleide tun.Mir kommen die Tränen !
Versuchen wir uns einmal, die Gründe zu verstehen. Der Humanethologe I. Eibl-Eibesfeldt beschreibt Besuchsrituale bei den Khoi-San. Jeder hat mehrere Freunde in anderen Sippen, die sich nach festgelegten Regeln besuchen und bewirten. Diese Freundschaften werden sogar vererbt. Das ist bis an die Grenzen des Machbaren zeitaufwändig, führt aber zu einem friedlichen Miteinander der beteiligten Sippen.
Der Grundgedanke ist dabei offensichtlich, dass das "persönliche Band" einer Sippe nur für eine begrenzte Zahl von Personen ausreicht und dass man durch gezielte Vernetzung der persönlichen Verknüpfungen für eine größere Anzahl von Individuen eine soziale Einheit schaffen kann.
Er beschreibt ähnlich intensive Kontaktpflege auf Papua-Neuguinea und schildert den Gegensatz zwischen zwei Tälern : Das eine ist seit langer Zeit, das andere erst seit wenigen Jahrzehnten besiedelt. In ersterem herrscht Frieden, im zweiten Mord & Totschlag. Die Erklärung : Es braucht sehr lange Zeit, bis das Netz der sozialen Beziehungen so kunstvoll geknüpft werden kann.
Man kann also schließen, dass die "natürliche" Situation der Zusammenhalt einer Sippe von weniger als hundert Mitgliedern ist, die ein persönliches Verhältnis zueinander haben. Die Größe dieser Sippe ist durch die Anzahl der Leute begrenzt, zu denen man mit dem dazu notwendigen Zeitaufwand ein persönliches Band aufbauen kann.
Eine solche Sippe steht in Konkurrenz zu allen Menschen außerhalb. Jede Ausweitung der Zusammenarbeit über die Sippengrenzen hinaus ist eine Kulturleistung, die viel Anstrengung verlangt. Das im Artikel beschriebene zwanzigmalige Kochen am Tag bei den Mangyan interpretiere ich in diesem Sinne. Dass die Leute bereit sind, praktisch den ganzen Tag für die Pflege der sozialen Kontakte aufzuwenden, deutet auf eine sehr lange Tradition hin, sowie dem Bewusstsein (bzw. der Erfahrung), dass anderenfalls etwas ganz Schlimmes droht. Außerdem müssen die Mangyan die Bevölkerungskontrolle eisern im Griff haben (was für die Betroffenen wenig romantisch sein dürfte), so dass das soziale Gesamtkunstwerk stabil ist und auch die Nahrungsversorgung zur allseitigen Zufriedenheit klappt.
Ich hätte lieber etwas über diese offensichtlich gut gelungene, enorme Kulturleistung der Mangyan erfahren, anstatt so ein dümmliches Gesülze über unschuldige Naturkinder zu lesen.