Okt 31
2009
Nur der Irre überlebt in der irren Welt
News in Geschichtsmedien und Literatur Noch keine Kommentare »[b]Grimmelshausens »Simplicissimus« ist auch in der neuen, geschmeidigen Übersetzung von Reinhard Kaiser noch ein wüster Held.[/b]
In seiner Kurzen Geschichte der deutschen Literatur erwähnt Heinz Schlaffer den Simplicissimus nur am Rande. Der 1668/69 erschienene Roman des Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen schwächt Schlaffers zentrale These, die deutsche Literatur, abgesehen von der weitgehend vergessenen des Mittelalters, habe erst um 1750 begonnen, mit Klopstock, Wieland, Lessing. Alles davor Geschriebene sei, verglichen mit dem Niveau der europäischen Literatur, bloß epigonal und zweitrangig. Das ist nicht abwegig, wenn man sich vor Augen hält, dass es im 16. Jahrhundert für Cervantes, Montaigne oder Shakespeare keine deutschen Parallelen gibt, und das gilt auch für die Lebenszeit Grimmelshausens (1622 bis 1676), als Molière und Racine, Milton und Calderón Werke von weitreichender Wirkung schufen. Die Wirkung des Simplicissimus blieb auf Deutschland beschränkt, und dort stand er allein auf weiter Flur.
Das relative Zurückbleiben der deutschen Literatur hat viele Gründe, und den wichtigsten davon versteht man leicht, wenn man den Simplicissimus liest. Auf den rund 700 Seiten der neuen Ausgabe findet man nichts seltener als ein friedvolles Leben und nichts häufiger als Bestialität, Gewalt und Mord. Die verschiedenen Religionskriege, von denen der sogenannte Dreißigjährige (1618 bis 1648) nur der längste und heftigste war, hatten Mitteleuropa in einer Weise verheert, die noch lange nachwirkte, bis hin zu der verspäteten, ideologisch aufgeladenen Bildung einer deutschen Nation.
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In seiner Kurzen Geschichte der deutschen Literatur erwähnt Heinz Schlaffer den Simplicissimus nur am Rande. Der 1668/69 erschienene Roman des Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen schwächt Schlaffers zentrale These, die deutsche Literatur, abgesehen von der weitgehend vergessenen des Mittelalters, habe erst um 1750 begonnen, mit Klopstock, Wieland, Lessing. Alles davor Geschriebene sei, verglichen mit dem Niveau der europäischen Literatur, bloß epigonal und zweitrangig. Das ist nicht abwegig, wenn man sich vor Augen hält, dass es im 16. Jahrhundert für Cervantes, Montaigne oder Shakespeare keine deutschen Parallelen gibt, und das gilt auch für die Lebenszeit Grimmelshausens (1622 bis 1676), als Molière und Racine, Milton und Calderón Werke von weitreichender Wirkung schufen. Die Wirkung des Simplicissimus blieb auf Deutschland beschränkt, und dort stand er allein auf weiter Flur.
Das relative Zurückbleiben der deutschen Literatur hat viele Gründe, und den wichtigsten davon versteht man leicht, wenn man den Simplicissimus liest. Auf den rund 700 Seiten der neuen Ausgabe findet man nichts seltener als ein friedvolles Leben und nichts häufiger als Bestialität, Gewalt und Mord. Die verschiedenen Religionskriege, von denen der sogenannte Dreißigjährige (1618 bis 1648) nur der längste und heftigste war, hatten Mitteleuropa in einer Weise verheert, die noch lange nachwirkte, bis hin zu der verspäteten, ideologisch aufgeladenen Bildung einer deutschen Nation.
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