Dez 05
2009
Mit Marx in die Wüste
News in Judentum | Israel | Naher Osten 2 Kommentare »[b]
Ein sozialistischer Traum vom Heiligen Land: Vor 100 Jahren begann die Geschichte der jüdischen Kibbuzbewegung.[/b]
»Die berühmten israelischen Kibbuzim«, bemerkte der Satiriker Ephraim Kishon einmal in den sechziger Jahren, »sind ein Unikum in der Geschichte: die einzigen landwirtschaftlichen Kollektive, die auf freiwilliger Basis errichtet wurden und die ohne Geheimpolizei, Schnellgerichte und Hinrichtungskommandos weiter bestehen. Die Sowjetunion hat gegen diese Provokation wiederholt Einspruch erhoben.« Kishons Scherz ist von der Realität lange schon überholt: Der Kibbuz hat den Sozialismus sowjetischer Prägung bereits um zwei Jahrzehnte überlebt, gleichwohl hat er sich von seinen ursprünglichen sozialistischen Ideen längst entfernt.
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Ein sozialistischer Traum vom Heiligen Land: Vor 100 Jahren begann die Geschichte der jüdischen Kibbuzbewegung.[/b]
»Die berühmten israelischen Kibbuzim«, bemerkte der Satiriker Ephraim Kishon einmal in den sechziger Jahren, »sind ein Unikum in der Geschichte: die einzigen landwirtschaftlichen Kollektive, die auf freiwilliger Basis errichtet wurden und die ohne Geheimpolizei, Schnellgerichte und Hinrichtungskommandos weiter bestehen. Die Sowjetunion hat gegen diese Provokation wiederholt Einspruch erhoben.« Kishons Scherz ist von der Realität lange schon überholt: Der Kibbuz hat den Sozialismus sowjetischer Prägung bereits um zwei Jahrzehnte überlebt, gleichwohl hat er sich von seinen ursprünglichen sozialistischen Ideen längst entfernt.
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05. Dez 2009 um 13:45
Die Kibbuzim repräsentierten eigentlich alles, wovon Europäische Linke je geträumt haben. Sie haben wesentlich länger praktisches Anschauungsmaterial für Gelingen und Scheitern von alternativen gesellschaftlichen Lebens- und Wirtschaftsformen geliefert als andere real existiert habende Projekte von Anarchisten, Kommunarden, Revolutionären und Utopisten. Trotzdem werden sie im gesellschaftlichen Diskurs völlig ignoriert oder negativ besetzt. Ich betrachte es als eine Tragödie, dass die Kibuzzim eine Randexistenz führen, ohne positive Außenwirkung und ohne den Ausgangspunkt für irgendetwas zu bilden. Eine Tragödie in den Köpfen, wohlgemerkt.
Warum ist das so gekommen ?
Drittens : Der Inhalt des Modells.
Nun ja, sicher waren viele Ideen zu utopisch und nicht der tatsächlichen Natur des Menschen und dem Wesen des Wirtschaftens gemäß angelegt. Hier würde ich die Milde Einsteins walten lassen und davon ausgehen, dass sich noch einiges positiv hätte entwickeln können, wenn sie in Ruhe hätte machen lassen.Ihr Kommunismus werde zwar nicht lange Bestand haben, so sagte er voraus, aber in der Zwischenzeit werde sie eine neue Generation heranziehen.Hier liegt aber nicht die eigentliche Ursache des Scheiterns. Sie liegt eher darin begründet, dass die Kibbuzim nicht im luftleeren Raum siedelten, sondern in einer politisch und historisch belasteten Situation.
Zweitens : Auch wenn die Europäische Linke dies immer vehement bestreitet und mir diese Überzeugung schon so manches rote Sternchen eingebracht hat (und einbringen wird) - sie hat sich immer an der Autorität der Sowjetunion orientiert. Und die war auf der Seite der Araber. Also waren die Israelis für die Linke immer "die Bösen", obwohl es eigentlich viel naheliegender gewesen wäre, den Israelis als Kibbuzim und als Opfern des Holocausts Sympathien entgegenzubringen.
Erstens aber : Die Kibbuzim sind dem Islam in die Quere gekommen, und der hat eine bessere Lobby als das Judentum. Die Europäische Linke hat eben traditionell das starke Bedürfnis, die Welt in Gute und Böse einzuteilen (und selbst zu den Guten zu gehören), und hat sich daher auf die Gegenseite geschlagen. Die Kibbuzim bilden hier leider den Kollateralschaden. :cry:
07. Dez 2009 um 16:59
Die Kibbuzim repräsentierten eigentlich alles, wovon Europäische Linke je geträumt haben. Sie haben wesentlich länger praktisches Anschauungsmaterial für Gelingen und Scheitern von alternativen gesellschaftlichen Lebens- und Wirtschaftsformen geliefert als andere real existiert habende Projekte von Anarchisten, Kommunarden, Revolutionären und Utopisten. Trotzdem werden sie im gesellschaftlichen Diskurs völlig ignoriert oder negativ besetzt.
Das ist richtig. Aber das liegt m. E. nicht an den von Dir genannten Gründen (die natürlich auch wirken) - denn über andere Kommunen wird ja auch nicht berichtet. Und da gibt es ja schon in Deutschland eine Reihe Beispiele.
Ich sehe den Grund eher darin, daß alle diese Beispiele (wie eben auch die Kibbuzim) belegen, daß die Grundidee gescheitert ist. Einige Kommunen existieren zwar noch, ein Teil der Gründerideale wird noch gelebt und wahrscheinlich sind die Bewohner ganz zufrieden mit dem Modell.
Aber in einigen zentralen Punkten ist letztlich nachgewiesen worden, daß sie nicht funktionieren.
Insbesondere ist das Konzept der Kleinfamilie offenbar für Menschen unverzichtbar - trotz mancher Ansätze zur gegenseitigen Hilfe bei der Kindererziehung bleiben die Eltern die maßgeblichen Bezugspersonen für die Kinder.
Und dann sind Privatsphäre und Privateigentum wohl deutlich wichtiger als von den Gründern angenommen. Eine gewisse größere Infrastruktur kann noch gemeinsam genutzt werden, aber Menschen wollen eben nicht darauf verzichten, ihr persönliches Umfeld alleine nach eigenen Vorstellungen zu gestalten.
Als Fazit heißt das, daß man wohl ein gutes Stück gemeinsamer leben kann als sonst in unserer Gesellschaft üblich. Aber der Sozialismus in Gänze ist eben durch diese Beispiele ebenso widerlegt worden wie durch den Ostblock (bei dem viele ja argumentieren, es wäre kein "richtiger" Sozialismus gewesen und das wäre deswegen kein Gegenbeispiel).
Und das ist offenbar keine Nachricht, die gerne verbreitet wird.