Mär 18
2010
Wir haben frei gewählt
News in BRD | DDR 9 Kommentare »Heute vor zwanzig Jahren: Der 18. März 1990 ist das Schlüsseldatum der Wende.
[IMG]http://images.zeit.de/politik/deutschland/2010-03/volkskammer-3/volkskammer-3-540x304.jpg[/IMG]
Anhänger der "Vereinigten Linken" und der "Nelken", die den Wahlkampf ohne Hilfe aus dem Westen bestreiten.
Und dann kam der Bananenmann. Er zog aus dem Jackett die ostzonale Sehnsuchtsfrucht und hielt sie mit eifriger Süffisanz in die Kamera. Dies war Otto Schilys Kommentar zum Ergebnis der ersten freien Wahlen in der DDR vor genau zwanzig Jahren. Zur Erinnerung: An jenem 18. März 1990 triumphierte die christdemokratische Allianz für Deutschland lawinenhaft mit 48,2 Prozent. Die siegesgewisse SPD verröchelte bei 21,8 Prozent, die tot geglaubte SED-PDS holte 16,3 Prozent, die Liberalen endeten bei 5,3. Das Bündnis 90, die Vorhut der friedlichen Revolution, errang 2,9 Prozent, worauf die tapfere Ulrike Poppe gestand, sie habe allseits Sympathie gespürt, aber Misstrauen ob der politischen Kompetenz der Wendehelden.
Am klarsten redete der alte Stefan Heym. Er gratulierte dem Herrn Doktor Kohl, der nominell doch gar nicht zur Wahl gestanden hatte. Freilich wünsche er nicht, in des Herrn Doktor Kohls Hosen zu sitzen. Denn nun, sprach Heym, werde er zu liefern haben, was er alles den DDR-Bürgern versprochen habe. Helmut Kohl beschwor die Noch-DDRler, im Lande zu bleiben. Die Kameras bedrängten den Wahlsieger, einen erschrockenen kleinen Mann: Lothar de Maizière. Viel später bekannte er, in Kohls Gegenwart habe ihn stets Atemnot gepackt.
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18. Mär 2010 um 23:31
[FONT=Verdana][SIZE=2]Den Artikel finde ich nun aber zeimlich polarisierend.
hätte sich die Mehrheit des Volkes für eine demokratische DDR entschieden - eventuell sogar für einen 3. Weg (=“demokratischer Sozialismus“
.
Ich setze einfach meinen eigenen polarisierenden Beitrag dagegen:
[/FONT] [FONT=Verdana][SIZE=2]Der 18. März 1990 war einer der besonders bedeutenden Tage in der deutschen Geschichte. An diesem Tag fand die einzige demokratische Wahl zur DDR-Volkskammer statt, in der die demokratischen Parteien einen überragenden Wahlsieg über die SED, die sich inzwischen in „PDS“ umbenannt hatte, errangen.[/FONT]
[FONT=Verdana][SIZE=2][FONT=Verdana]Die friedliche Revolution hatte damit ihren erfolgreichen Abschluß gefunden.[/FONT][/FONT]
[FONT=Verdana][SIZE=2][FONT=Verdana]Im Vorfeld gab es einen Wahlkampf, den von den West-Parteien sowohl finanziell als auch personell mit West-Rednern unterstützt wurde.[/FONT][/FONT]
[FONT=Verdana][SIZE=2]Am Wahltag saß ich als Wahlhelfer im Wahllokal und habe selbstverständlich und logischerweise auch in meinem Wahllokal meine Stimme abgegeben.
[/FONT]
[FONT=Verdana][SIZE=2][FONT=Verdana]Das Wahlergebnis am 18. März 1990 sah wie folgt aus:
[/FONT][/FONT]
[FONT=Verdana][SIZE=2]Abgegebene gültige Stimmen: ......................................92,88%
Insgesamt traten 22 Parteien bzw. Parteien- oder Wahlbündnisse zur Wahl an. Eine Prozentklausel wie z. B. im Bundestag gab es in der Volkskammerwahl 1990 nicht.
Den Wahlsieg ingesamt errang das Parteienbündnis
"Allianz für Deutschland" mit ..........................................48,0%
der abgegbenen Simmen und erreichte von den insgesamt 400 Sitzen der Volkskammer
....................................................................................192 Sitze.
---------------------------------------------------------------------------------------------
Auf die einzelnen Parteien innerhalb des Bündnisses entfielen:
Christlich-Demokratische Union Deutschlands (Ost-CDU): 40,8% = 163 Sitze
Deutsche Soziale Union (DSU)........................................: 6,3% = 25 Sitze
Demokratischer Aufbruch – sozial + ökologisch (DA).......: 0,9% = 4 Sitze
--------------------------------------------------------------------------------------------
Das schlechte Abschneiden meiner eigenen Partei "Demokratischer Aufbruch" - einer der Bürgerrechtsparteien - hatte für mich dabei allerdings noch einen leicht bitteren Beigeschmack.
Demokratische Bauernpartei Deutschlands (DBD)..........: 2,2% = 9 Sitze
Am 25.6.1990 empfahl der Parteivorstand den Mitgliedern der DBD, einer der ehemaligen Blockparteien, in die CDU einzutreten. Am 15.9.1990 erfolgte dann der formale Zusammenschluss mit der CDU.
Zweitstärkste Kraft wurde die
(Ost-)SPD mit............................................................: 21,9% = 88 Sitze
Die meisten ursprünglichen Bürgerrechtsparteien - namentlich das "Neue Forum", "Demokatie Jetzt", die "Initiative für Frieden und Menschenrechte" (IFM) schlossen sich im sogenannten "Bündnis 90" zusammen. Auch sie erreichten ein nur enttäuschendes Ergbnis.
Bündnis 90.................................................................: 2,9% = 12 Sitze
Dem Bündnis 90 schloß sich nach der Wahl noch das Bündnis
Grüne Partei + Unabhängiger Frauenverband
(Grüne Partei -UFV)....................................................: 2,0% = 8 Sitze
Auf die übrigen Parteien bzw. Parteien- oder Wahlbündnisse entfielen:
Bund Freier Demokraten (DFP - LDP - F.D.P).................: 5,3% = 21 Sitze
Diesem Bündnis schloß sich nach der Wahl mit der NDPD eine weitere ehemalige Blockpartei an.
National-Demokratische Partei Deutschlands (NDPD).....: 0,4% = 2 Sitze
Demokratischer Frauenbund Deutschlands (DFD)..........: 0,3% = 1 Sitz
Aktionsbündnis Vereinigte Linke (AVL) + Die Nelken - VL: 0,2% = 1 Sitz
Die bis dahin regierende SED, die sich inzwischen in Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS)
umbenannt hatte, erreichte:.........................................: 16,4% = 9 Sitze
und war damit klar abgewählt.
---------------------------------------------------------------------------------------
Sonstige, ohne Sitze in der Volkakammer:
Alternative Jugendliste [DJP – GJ – MJV – FDJ] (AJL)............: 0,1%
CHRISTLICHE LIGA.........................................................: 0,1%
Kommunistische Partei Deutschlands (KPD).........................: 0,1%
Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD): 0,0% - 3.891 Stimmen
Europäische Föderalistische Partei Europa Partei (EFP)..........: 3.636 Stimmen
Unabhängige Volkspartei (UVP).........................................: 3.007 Stimmen
Deutsche Biertrinker Union (DBU)......................................: 2.534 Stimmen
Spartakist-Arbeiterpartei Deutschlands (SpAD)....................: 2.417 Stimmen
Einheit jetzt..................................................................: 2.396 Stimmen
Bund Sozialistischer Arbeiter (BSA) Deutsche Sektion der 4. Internationale: 386 Stimmen
Vereinigung der Arbeitskreise für Arbeitnehmerpolitik und Demokratie: 380 Stimmen
Europa-Union der DDR....................................................: 0 Stimmen
Quelle: http://www.wahlrecht.de/ergebnisse/volk ... l-1990.htm
Mit dem Wahlsieg der "Allianz für Deutschland" waren die politischen Weichen für eine schnelle Verwirklichung der Deutschen Einheit gestellt. Die Bürger der DDR haben in dieser Wahl demokratisch darüber abgestimmt.
5. 4. 1990 neugewählte Volkskammer tritt erstmals zusammen und konstituiert sich
Nachbetrachtung:
[/FONT]In diesem Zusammenhang möchte ich auf eine der Diskussionen eingehen, die gerade 20 Jahre nach der Friedlichen Revolution und der Vollendung der deutschen Einheit geführt werden:
Es gibt u. a. den Vorwurf[FONT=Verdana][SIZE=2], erst durch das massive Eingreifen von Wahlkämpfern aus Westdeutschland wäre es zu dem Meinungsumschwung in der Bevölkerung gekommen, durch den es zum Wahlerfolg der „Allianz für Deutschland“ und damit zu der schnellen Einheit kam und ohne dieses massive Eingreifen (oder einige Leute meinen sogar „Einmischen“
Richtig daran ist, dass zahlreiche Wahlkämpfer aus allen Parteien die DDR bereisten und sich im Wahlkampf zur ersten demokratischen Volkskammerwahl engagierten. Ob das jedoch das Meinungsbild und damit das Wahlergebnis am 18. 3. 1990 beeinflußte, ist nicht feststellbar und ist aber zumindest auch zu bezweifeln.
Auf keinen Fall dürfte sich für die SED, die sich zu diesem Zeitpunkt bereits in „PDS“ umbenannt hatte, etwas geändert haben, da diese Partei nach wie vor sowohl für den Fortbestand der DDR als auch für einen wie auch immer gearteten „Sozialismus“ stand. Die übergroße Mehrheit der Bevölkerung war jedoch schon Jahre vor der Friedlichen Revolution nicht von der Sache überzeugt - auch die in der DDR geborene und aufgewachsene Jugend nicht. Um diese Behauptung zu beweisen, habe ich dazu einmal eine Hochrechnung erstellt:
Eine Schulklasse in der DDR, Mitte der ´80er Jahre, hatte eine durchschnittliche Stärke von etwa 25 Schülern. In einer solchen Schulklasse war die große Mehrheit trotz der allgegenwärtigen SED-Propaganda nicht von der Sache des Sozialismus/Kommunismus überzeugt. Die Zahl derjenigen, die tatsächlich von der Politik der SED überzeugt waren, betrug durchschnittlich etwa 2-3, höchstens aber 4 Schüler - das weiß ich aus Diskussionen, die wir Mitte der ´80er Jahre durchaus untereinander geführt haben. 3-4 von 25 Schülern ergibt 12-16 %. Exakt 16,33 % erreichte die PDS auch bei der Volkskammerwahl am 18. 3. 1990, so daß dieses Wahlergebnis das tatsächliche Verhältnis der Bürger wider gibt, die entweder tatsächlich irgendwie von der Sache des Sozialismus überzeugt waren oder einfach die DDR als Staat erhalten wollten. Tausende hatten bis zu diesem Zeitpunkt die DDR auch schon in Richtung Westen verlassen, was sich auf die Prozentzahl der PDS-Wähler leicht steigernd ausgewirkt haben dürfte.
Damit dürfte bewiesen sein, daß die Wahlkämpfer aus dem westlichen Teil Deutschlands lediglich einen Verteilungswahlkampf unter den Bürgern betrieben haben, die bereit waren, eine der demokratischen Parteien zu wählen, während sie die Wähler der Kommunisten nicht erreichten.
Daß die westdeutschen Wahlkämpfer auf den Wahlkampfveranstaltungen einen derartigen Erfolg hatten und sogar Euphorie unter der Bevölkerung im Osten verbreiteten, hatte natürlich seine Gründe:
Durch den sich für (fast) alle sichtbar abzeichnenden wirtschaftlichen Zusammenbruch der DDR, vor allem auf Grund der immer schlechter werdenden Versorgung auch mit Waren des täglichen Bedarfs, brauchten die Menschen im Osten etwas, woran sie sich „festhalten“ konnten, d. h. jemanden der ihnen Hoffnung gab, dass auch wieder bessere Zeiten kommen würden. Das war auch wichtig, denn die Abwanderung von Bürgern aus dem Osten in den Westen hielt auch in den Monaten November und Dezember 1989 ungebrochen an und wäre sogar noch stärker geworden, wenn die westlichen Politiker nicht diese Hoffnung in ihren Reden genährt hätten.
Insofern muß man dieses Eingreifen der westdeutschen Parteien sowohl finanziell als auch mit Auftritten von Rednern für die entsprechenden Parteien als Schadensbegrenzung für die weitere Entwicklung in Deutschland sehen.
Ich war damals Mitglied im „Demokratischen Aufbruch“ und habe dem zur Folge zusammen mit der Ost-CDU und der DSU in der „Allianz für Deutschland“ an Wahlkampfveranstaltungen teilgenommen und Plakate geklebt.
Im folgenden stelle ich mal eine kleine Auswahl von Plakaten als Link hier herein.
Wie heißt es so schön? „Ich hab da mal was vorbereitet.“
[/FONT][FONT=Verdana][SIZE=2]
[/FONT]
19. Mär 2010 um 07:51
Eine kleine Korrektur: Die PDS erhielt 66 Sitze - nicht 9 - :rotwerd:
Die Quelle versuche ich auch noch einmal: http://www.wahlrecht.de/ergebnisse/volkskammerwahl-1990.htm
19. Mär 2010 um 12:36
[FONT=Verdana][SIZE=2]Den Artikel finde ich nun aber zeimlich polarisierend.[/FONT]
Sehe ich auch so. Für die ZEIT ist so etwas schon enttäuschend.
Auch wenn es später im Artikel relativiert wird - im Prinzip wird ja in Abrede gestellt, daß das freie Wahlen waren. Es wird suggeriert, die Leute wären einfach doof gewesen, das Wahlergebnis nur zustande gekommen, weil die demokratischen Parteien Hilfe aus dem Westen hatten und die arme SED ganz alleine kämpfen mußte.
In Wahrheit haben diese Helfer aus dem Westen nur ein kleines bißchen Chancengleichheit herstellen können. Die SED war ja immer noch im Besitz aller nötigen Ressourcen, konnte aus dem Vollen schöpfen - während die demokratischen Parteien froh sein mußten, wenn sie mal eine Schreibmaschine oder einen Kopierer bekamen.
Und der Autor wird sich m. E. auch täuschen mit der Annahme, daß es in Ostdeutschland auch künftig keine Aufarbeitung à la 68 geben wird. Auch wenn er die Diktatur nach Kräften verharmlost - es bleibt genug, was eine Generation später noch zu besprechen sein wird.
19. Mär 2010 um 18:43
[FONT=Verdana][SIZE=2]Das schlechte Abschneiden meiner eigenen Partei "Demokratischer Aufbruch" - einer der Bürgerrechtsparteien - hatte für mich dabei allerdings noch einen leicht bitteren Beigeschmack.
[...]
Die meisten ursprünglichen Bürgerrechtsparteien - namentlich das "Neue Forum", "Demokratie Jetzt", die "Initiative für Frieden und Menschenrechte" (IFM) schlossen sich im sogenannten "Bündnis 90" zusammen. Auch sie erreichten ein nur enttäuschendes Ergebnis. [/FONT]
So ist das eben mit Bürgerrechtsbewegungen: "Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen", will sagen: Bürgerrechtsbewegungen braucht man nur solange, wie das Problem, gegen welches sie gegründet sind, besteht. Die Bürgerrechtsbewegungen der DDR wollten die Aufhebung der Diktatur, im März 1990 hatte die Geschichte, die sie angestoßen hatten, sie längst überholt. Bürgerrechtsbewegungen sind eben keine Parteien, mit einem entsprechend differenzierten Programm. Insofern ist es kein Wunder, dass die Bürgerrechtsbewegungen so "enttäuschend" abschnitten. Hinzu kommt, dass gerade die großen Parteien, also die SED-PDS und die Parteien mit Westanbindung auch die entsprechenden Möglichkeiten hatten, welche den kleinen Bürgerrechtsbewegungen abgingen.
Auch wenn es später im Artikel relativiert wird - im Prinzip wird ja in Abrede gestellt, daß das freie Wahlen waren. Es wird suggeriert, die Leute wären einfach doof gewesen, das Wahlergebnis nur zustande gekommen, weil die demokratischen Parteien Hilfe aus dem Westen hatten und die arme SED ganz alleine kämpfen mußte.
Das lese ich anders. Es wird nicht in Abrede gestellt, dass die Wahlen frei waren. Aber es wird darauf hingewiesen - wenn auch ein wenig verklausuliert - dass den meisten DDR-Wählern nicht klar war, was sie wählten, da sie einfach das bundesrepublikanische System noch nicht ausreichend kannten. Eine funktionierende Demokratie braucht eben auch einen funktionierenden, halbwegs unparteiischen Informationsfluss.
In Wahrheit haben diese Helfer aus dem Westen nur ein kleines bißchen Chancengleichheit herstellen können. Die SED war ja immer noch im Besitz aller nötigen Ressourcen, konnte aus dem Vollen schöpfen - während die demokratischen Parteien froh sein mußten, wenn sie mal eine Schreibmaschine oder einen Kopierer bekamen.
Auch diese Einschätzung kann ich nicht teilen. Es waren ja außer der SED-PDS nicht die originären Ostparteien, welche viele Prozente gewannen, sondern die Ostparteien mit Westanbindung, ob die ehemalige Blockflöten-CDU oder die neugegründete Ost-SPD. Die DSU mit knapp 6 % war die stärkste originäre Ostpartei und die ging eng mit der CDU in der [I]Allianz für Deutschland[/I] zusammen.
Und der Autor wird sich m. E. auch täuschen mit der Annahme, daß es in Ostdeutschland auch künftig keine Aufarbeitung à la 68 geben wird. Auch wenn er die Diktatur nach Kräften verharmlost - es bleibt genug, was eine Generation später noch zu besprechen sein wird.
Eine Verharmlosung der DDR kann ich nicht erkennen. Der Autor schreibt doch: "Ein unwürdiges Staatsgebilde ist sie gewesen, zugleich ein logisches und legitimes Pfand der sowjetischen Siegermacht. Die Widerwärtigkeiten der SED-Herrschaft sind Unterparagrafen dieser kriegsbedingten Legitimität, die 1989/90 gottlob ein Ende fand."
Oder willst du etwa behaupten die DDR sei "eine rassistisch-kriegsverbrecherische Massenmörder-Diktatur" gewesen?
Insofern gebe ich dem Verfasser recht: Eine Aufarbeitung der DDR à la '68 wird es nicht geben, was aber weniger an der Art der Diktatur liegt, als vielmehr daran, dass es im Westen eine Art "Siegermentalität" gibt und im Osten dazu das Pendant der "Verlierermentalität". Und, vielleicht noch wichtiger als diese beiden Mentalitäten, die ja im Osten wie im Westen im Prinzip von Minderheiten - zumindest in der aggressiveren Form - vertreten werden, ist, dass seit 1989 von Anfang an aufgeklärt wurde und eben nicht, wie nach dem Krieg, erst mal zehn bis zwanzig Jahre totgeschwiegen wurde.
19. Mär 2010 um 21:27
Bürgerrechtsbewegungen sind eben keine Parteien, mit einem entsprechend differenzierten Programm. Insofern ist es kein Wunder, dass die Bürgerrechtsbewegungen so "enttäuschend" abschnitten.
Richtig.
Aber es wird darauf hingewiesen - wenn auch ein wenig verklausuliert - dass den meisten DDR-Wählern nicht klar war, was sie wählten ...
Dem würde ich ja grundsätzlich zustimmen. Mich stört eher die Wortwahl, die hämische Art der Darstellung, der völlig fehlende Respekt vor den DDR-Bürgern, die vielleicht manche Details noch nicht durchblickten, aber grundsätzlich schon eine klare und vernünftigte Vorstellung hatten.
Auch diese Einschätzung kann ich nicht teilen. Es waren ja außer der SED-PDS nicht die originären Ostparteien, welche viele Prozente gewannen, ...
Richtig. Aber ohne die vom Autor kritisierte Westhilfe wäre es nur die SED gewesen, die materiell und organisatorisch einen echten Wahlkampf hätte machen können - das hätte die Wahl ziemlich verzerrt.
Und auch die Parteien mit solcher Hilfe konnten recht schwach bis sehr gut abschneiden, die Wähler haben schon in erster Linie inhaltlich differenziert, nicht nach Anzahl der Plakate.
Eine Verharmlosung der DDR kann ich nicht erkennen.
Na ja, zwischen "unwürdiges Staatsgebilde" und
"rassistisch-kriegsverbrecherische Massenmörder-Diktatur" ist viel Abstand. Die SED hat keine Massenmorde begangen, aber ihre Diktatur war schon deutlich schlimmer als hier mit "Widerwärtigkeiten" umschrieben.
Insbesondere hat sie eben viel länger und totalitärer auf die Menschen eingewirkt, ganze Biographien verdrückt - da gibt es noch viel aufzuarbeiten, und das wird auch noch kommen.
Insgesamt halte ich den Artikel für eine ziemliche Geschichtsklitterung mit politischer Absicht.
Wenn da z. B. nicht die Montags-Demo in Leipzig als wesentliche Voraussetzung für diese Wahl gebracht wird. Sondern die später in Berlin, wo dann die SED stark präsent war.
Und er bringt auch nicht die Bürgerrechtlersicht auf diese Demo, er beschreibt nicht, daß die auftretenden Führungskader von den Demonstranten ausgepfiffen wurden.
Sondern er suggeriert, als wären sich alle Redner von Jens Reich bis Mischa Wolf, von den Bürgerrechtlern bis zu den Altfunktionären, einig gewesen in ihren Reden und Forderungen. Als wäre die Idee vom verbesserten Sozialismus die wesentliche Forderung des Volkes gewesen.
Und das kontrastiert er dann mit dem Wahlergebnis und erweckt damit den Eindruck, die demonstrierenden DDR-Bürger hätten eigentlich Gysis DDR2.0 haben wollen (er hat zu diesem Zeitpunkt noch Krenz angepriesen) und wären dann mit Wahlkampflügen und Bananen von ihren eigentlichen Wünschen abgekommen.
19. Mär 2010 um 23:11
Dem würde ich ja grundsätzlich zustimmen. Mich stört eher die Wortwahl, die hämische Art der Darstellung, der völlig fehlende Respekt vor den DDR-Bürgern, die vielleicht manche Details noch nicht durchblickten, aber grundsätzlich schon eine klare und vernünftigte Vorstellung hatten.[/Quote]
Der Autor ist selbst "gelernter DDR-Bürger". Wo liest du Häme?
Richtig. Aber ohne die vom Autor kritisierte Westhilfe wäre es nur die SED gewesen, die materiell und organisatorisch einen echten Wahlkampf hätte machen können - das hätte die Wahl ziemlich verzerrt.
Das glaube ich gar nicht mal. Die SED hatte trotz des Namenswechsels ihre Glaubwürdigkeit erst einmal verspielt.
Na ja, zwischen "unwürdiges Staatsgebilde" und
"rassistisch-kriegsverbrecherische Massenmörder-Diktatur" ist viel Abstand. Die SED hat keine Massenmorde begangen, aber ihre Diktatur war schon deutlich schlimmer als hier mit "Widerwärtigkeiten" umschrieben.
M.E. beschönigt Dieckmann nichts: "maroden Lands. Ein demoralisiertes Volk [...] kaputten DDR [...] Diktaturvergangenheit [...] die Lebenszumutungen der DDR. [...] unwürdiges Staatsgebilde [...] Widerwärtigkeiten der SED-Herrschaft [...] 1989/90 gottlob ein Ende"
Insbesondere hat sie eben viel länger und totalitärer auf die Menschen eingewirkt, ganze Biographien verdrückt - da gibt es noch viel aufzuarbeiten, und das wird auch noch kommen.
Das Problem ist doch, dass die Aufarbeitung hier von außen - nämlich dem Westen - erzwungen wird. Das ist zwar einerseits legitim, verursacht aber ein erschlaffen der intrinsischen Motivation zur Aufarbeitung.
Insgesamt halte ich den Artikel für eine ziemliche Geschichtsklitterung mit politischer Absicht.
Warum?
Wenn da z. B. nicht die Montags-Demo in Leipzig als wesentliche Voraussetzung für diese Wahl gebracht wird. Sondern die später in Berlin, wo dann die SED stark präsent war.
Da verkennst du etwas. Ursprünglich ging es den Bürgerrechtlern in der DDR nicht um Wiedervereinigung, sondern um die Durchsetzung des demokratischen Anspruchs der DDR. Als dann die Mauer fiel änderte sich so einiges, die Möglichkeiten, die Ideen und die Akteure. Und es ist ja nicht so, dass die Demonstration auf dem Alexanderplatz eine SED-Veranstaltung gewesen wäre.
Und er bringt auch nicht die Bürgerrechtlersicht auf diese Demo, er beschreibt nicht, daß die auftretenden Führungskader von den Demonstranten ausgepfiffen wurden.
Eben! Sie wurden ausgepfiffen. Und dann waren da noch Leute, wie Mühe, Tschirner, Heym, welche die amtierende DDR-Führung scharf angriffen, dass sie trotz des Mauerfalls sich noch immer nicht gewandelt habe und noch immer keinen Anlass zur Reue sehe.
Sondern er suggeriert, als wären sich alle Redner von Jens Reich bis Mischa Wolf, von den Bürgerrechtlern bis zu den Altfunktionären, einig gewesen in ihren Reden und Forderungen. Als wäre die Idee vom verbesserten Sozialismus die wesentliche Forderung des Volkes gewesen.
Da verstehst du die Metapher [I]Wunschkonzert[/I] falsch. Ein Konzert ist vielstimmig. Das einende Element war - laut Dieckmann - die Forderung nach freien Wahlen.
Und das kontrastiert er dann mit dem Wahlergebnis und erweckt damit den Eindruck, die demonstrierenden DDR-Bürger hätten eigentlich Gysis DDR2.0 haben wollen (er hat zu diesem Zeitpunkt noch Krenz angepriesen) und wären dann mit Wahlkampflügen und Bananen von ihren eigentlichen Wünschen abgekommen.
Diesen Kontrast sehe ich nicht. Im Gegenteil, Dieckmann kommt doch zu einem Lob der Wahl vom März 1990, der Artikel gipfelt in dem Schluss:
"Deshalb ist der 18. März 1990 doch ein gesamtdeutscher Tag. Er legte das Gleis zur Einheit. [...] Zugleich bleibt der 18. März 1990 der ostdeutsche Geburtstag staatsbürgerlicher Individualität. Er datiert [...] die erste demokratische Selbstverortung des Ostens. Eine politische Klasse ist dort nicht entstanden. Das Wir-sind-das-Volk zerbröckelte in sehr verschiedene Menschen. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann blieben sie das bis heute."
20. Mär 2010 um 09:14
...Es wird nicht in Abrede gestellt, dass die Wahlen frei waren. Aber es wird darauf hingewiesen - wenn auch ein wenig verklausuliert - dass den meisten DDR-Wählern nicht klar war, was sie wählten, da sie einfach das bundesrepublikanische System noch nicht ausreichend kannten. Eine funktionierende Demokratie braucht eben auch einen funktionierenden, halbwegs unparteiischen Informationsfluss...
Zum Teil stimme ich da im Nachhinein zu. Die Redner - vor allem die aus dem Westen - machten sehr viele Versprechen, die sie gar nicht halten konnten, allen voran H. Kohl mit seinen "blühenden Landschaften".
Auf der anderen Seite gab es gar keine Alternative zu einer schnellen deutschen Einheit - schon aus wirtschaftlichen Gründen nicht. Insofern wußten die meisten DDR-Bürger schon genau, was sie wählten und man wußte auch, für welchen Weg jede einzelne Partei stand. Alles wurde genau registriert. Es wurden einfach nur zu viele Hoffnungen geweckt, die dann enttäuscht wurden. Das war der Fehler. Mir war eigentlich von Anfang an klar, daß die wirtschaftliche Umgestaltung von einer Großbetriebswirtschaft mit Tausenden von Beschäftigten pro Betrieb hin zu einer Dienstleistungswirtschaft mit einer Vielzahl von Kleinbetrieben mindestens 20 Jahre dauern würde. Na ja - die sind nun zwar schon um und die Umgestaltung ist noch lange nicht fertig...
20. Mär 2010 um 18:25
...Hinzu kommt, dass gerade die großen Parteien, also die SED-PDS und die Parteien mit Westanbindung auch die entsprechenden Möglichkeiten hatten, welche den kleinen Bürgerrechtsbewegungen abgingen...
...Es waren ja außer der SED-PDS nicht die originären Ostparteien, welche viele Prozente gewannen, sondern die Ostparteien mit Westanbindung, ob die ehemalige Blockflöten-CDU oder die neugegründete Ost-SPD. Die DSU mit knapp 6 % war die stärkste originäre Ostpartei und die ging eng mit der CDU in der [I]Allianz für Deutschland[/I] zusammen...
Die Ost-SPD war aber im Grunde genommen ebenfalls eine originäre Ost-Partei. Sie wurde ja am 7. Oktober 1989 als SDP unabhängig von irgendeinem westlichen Einfluß gegründet. Und eigentlich war das mit allen Parteien so, die in der Wendezeit entstanden sind. Auch wurden alle Parteien der "Allianz für Deutschland" von den Unionsparteien unterstützt, also auch die DSU (diese nach meinem Eindruck eher von der CSU) und auch der Demokratische Aufbruch. Das letzterer so schlecht abschnitt muß man wohl der Schnur-Stasi-Affäre wenige Tage vor der Wahl anlasten. :weinen:
Das war so richtig gemein, vor allem deshalb, weil auch (Ost-)SPD einen Ex-Stasi-Spitzel als Vorsitzenden hatte. Nur bei dem kam das erst nach der Wahl heraus. :motz:
Ob das Bündnis´90 schon irgendeinen Verbündeten hatte, kann ich jetzt gar nicht sagen, glaube ich aber eher nicht. Von ihnen war im Wahlkampf auch fast nichts mehr zu sehen oder zu hören.
Über die Rolle der Ex-Blockflöten müßte man mal gesondert reden.
21. Mär 2010 um 08:45
Die Ost-SPD war aber im Grunde genommen ebenfalls eine originäre Ost-Partei. Sie wurde ja am 7. Oktober 1989 als SDP unabhängig von irgendeinem westlichen Einfluß gegründet. Und eigentlich war das mit allen Parteien so, die in der Wendezeit entstanden sind. Auch wurden alle Parteien der "Allianz für Deutschland" von den Unionsparteien unterstützt, also auch die DSU (diese nach meinem Eindruck eher von der CSU) und auch der Demokratische Aufbruch. Das letzterer so schlecht abschnitt muß man wohl der Schnur-Stasi-Affäre wenige Tage vor der Wahl anlasten. :weinen:
) - wurden ab Dezember 1989 wirksam. Zumindestens bei CDU , DSU und SPD.
Das war so richtig gemein, vor allem deshalb, weil auch (Ost-)SPD einen Ex-Stasi-Spitzel als Vorsitzenden hatte. Nur bei dem kam das erst nach der Wahl heraus. :motz:
Ob das Bündnis´90 schon irgendeinen Verbündeten hatte, kann ich jetzt gar nicht sagen, glaube ich aber eher nicht. Von ihnen war im Wahlkampf auch fast nichts mehr zu sehen oder zu hören.
Über die Rolle der Ex-Blockflöten müßte man mal gesondert reden.
Ich möchte noch auf andere Möglichkeiten hinweisen , welche diese
Wahl mit beeinflusst haben könnten.
Da gab es im Dezember 1989 einen Beschluss der Delegierten des
" Neuen Forum " , das man sich nicht in eine politische Partei wandeln
wolle und Bürgerrechts- Bewegung bleiben will.
Nun war vielen politischen Aktivisten klar , das das " Neue Forum "
nicht an Parteienwahlen teilnehmen würde und damit weiteren
politischen Einfluss auf die Zusammensetzung künftiger Exekutiven
aufgab.
In der Folge verliessen gerade die Aktiven das " Neue Forum " und
schlossen sich den neugegründeten politischen Parteien an.
Als Vermutung eines andersartigen Verlaufs :
Wäre das " Neue Forum" , welches als breite Plattform welche für politische
Umgestaltung wirkte ,erhalten geblieben und wäre als Partei
zur VKW angetreten - hätten sie einen Grossteil der Stimmen , welche
letztlich den erhaltenen " Blockflöten -Parteien " zufloss auf sich
vereinigen können. Der Vertrauensvorschuss , den sich das " Neue Forum "
hart erarbeitet hatte , versickerte ohne Nachhaltigkeit .
Zur Unterstützung durch West-Parteien :
Personelle und technische Hilfen ( auch Kopierer !
Die Ost-Grünen dagegen erhielten erst kurz vor der VKW ein
wenig Hilfen von den West -Grünen.
Manchmal etwas skurril -die DSU zB. verklebte zehntausendfach
frühere CSU - Wahlplakate " Freiheit oder Sozialismus "
Wichtig war wohl auch das Zutrauen in politische Handlungsfähigkeit
der zur Wahl Stehenden.
Hier wirkte das Renommee der jeweiligen West-Partner entscheidend mit.
Zur Allianz assozierte man Kohl als Kanzler und vereinigungsfreundlich
agierenden Politiker .
Die SPD musste mit Lafonteine und dessen Position gegen die Vereinigung
leben - das war im Osten kaum zu vermitteln, das riss auch Willi Brand
nicht mehr aus den Köpfen raus bei seine Auftritten im Osten.
Die durchgehenden Skandale mit den früh eingeschleussten und nach
und nach auffliegenden IM ( Schnur , Böhme ua. ) untergrub das
Bemühen um Wählervertrauen nachhaltig.
Persönlich kenne ich das Beispiel eines tief in der Friedensarbeit eingebundenen
evangelischen Pfarrers , der sich letzlich als IM herausstellte.
Unter diesen Implikationen verwundert das Erbgebnis nur noch wenig.
Die als neue Führungskörperschaften sich der Wahl stellenden
Politiker und Parteien genossen wenig Vertrauen in eigene Fähigkeiten und Kompetenz
( obwohl sie sich niemals je einem Test derselben hatten
unterziehen können ...wann und wo auch ?)
Es wurde quasi übertragene Führungsfähigkeit und Staatslenkungskompetenz gewählt .