Mär 31
2010
Historiker hält Holocaust für "deutsche Kontinuität"
News in Der Zweite Weltkrieg 14 Kommentare »[b]
Es begann im Dreißigjährigen Krieg: Der US-Historiker Helmut Walser Smith attackiert in seinem jetzt auf Deutsch erscheinenden Buch "Fluchtpunkt 1941" viele seiner deutschen Kollegen. Denn er will den Holocaust mit "Kontinuitäten der deutschen Geschichte" erklären – und scheitert.[/b]
Wie war es möglich? Diese Frage treibt seit 1945 nicht nur deutsche Philosophen und Historiker um: Wie war es möglich, dass ein Staat all seine Machtmittel einsetzt, um eine nach Millionen zählende Gruppe von Menschen möglichst bis zum letzten Kleinkind auszurotten?
Die Opfer stellten keinerlei Gefahr dar; sie waren im Wesentlichen wehrlos. Und wie war es möglich, dass nicht nur ein Staat dieses ungeheuerliche Verbrechen zu begehen befahl, sondern mindestens 100.000 vorwiegend ganz normale Männer, vielleicht auch doppelt oder dreimal so viele, eigenhändig mordeten? Kurz: Wie war der Holocaust möglich?
An möglichen Antworten auf diese Kernfrage sowohl der deutschen wie der Weltgeschichte des 20. Jahrhundert fehlt es nicht; der Bremer Sozialwissenschaftler Gunnar Heinsohn hat in seinem Büchlein „Warum Auschwitz?“ 1995 gleich 42 Theorien aufgelistet.
Seither sind einige hinzugekommen – die bekannteste davon stellte Daniel Goldhagen auf, dem zufolge alle Deutschen bis 1945 von einem „eliminatorischen Antisemitismus“ getrieben worden seien. Obwohl sich praktisch alle Fachleute einig waren, dass diese intellektuell bescheidene „Erklärung“ gar nichts erklärt, wurde der US-Politologe 1996 gefeiert wie ein Guru.
Goldhagen habe die richtige Frage gestellt, aber „seine Antwort war verfehlt“, schreibt der US-Historiker Helmut Walser Smith in seinem heute auf Deutsch erscheinenden Buch „Fluchtpunkt 1941“. Der 47-jährige Direktor des Max Kaden Center für European Studies in Nahsville (Tennessee) fragt darin nach den „Kontinuitäten der deutschen Geschichte“, die zum Holocaust führten.
Zentral an Smiths neuem Buch ist die Idee, einen Perspektivwechsel vorzunehmen. Bisher, so seine These, seien die deutsche Geschichte und der Zivilisationsbruch vor allem mit den Fluchtpunkten 1933 oder 1939 betrachtet worden – also unter dem Aspekt, wie es zur Machtübernahme Hitlers kommen konnte und wie es Hitler schaffte, die Bevölkerung für einen neuen Krieg zu gewinnen.
Durch die Verschiebung der Perspektive auf 1941, den Beginn der massenhaften Judenmorde hinter der Ostfront (auch wenn es ähnliche Untaten in kleinerem Maßstab schon nach der deutschen Besetzung Polens gegeben hatte), werde der „Zusammenbruch der Mitmenschlichkeit“ deutlich, ohne die es nicht zum Holocaust hätte kommen können.
Vier wesentliche Kontinuitätslinien beschreibt Smith, und nur ihr Zusammentreffen im „Fluchtpunkt 1941“ soll seiner Ansicht nach den Zivilisationsbruch ermöglicht haben. Drei dieser Kontinuitäten freilich sind bereits vielfach beschrieben worden: Erstens der Nationalismus in der banalisierten Tradition von Fichtes „Reden an die deutsche Nation“.
Zweitens führt der Autor die gegen die Emanzipation der Juden gerichtete antisemitische Bewegung des 19. Jahrhunderts an. Sie war in ganz Europa festzustellen und brachte keineswegs in Deutschland die schlimmsten Auswüchse mit sich, wie Smith selbst dokumentiert: In einer Tabelle mit 31 antijüdischen Exzessen zwischen 1881 und 1903 in Europa finden sich gerade vier, vergleichsweise kleine Pogrome im Deutschen Kaiserreich.
Eine dritte Kontinuität sieht Smith in der Entgrenzung von ethnischer Gewalt im Kolonialzeitalter, die er als „eliminatorischen Rassismus“ bezeichnet – aber auch das ist keine neue Entdeckung, denn schon seit Jahren wird über eine angeblich oder tatsächlich direkte Verbindung zwischen dem Genozid etwa an den Hereros in Namibia und Auschwitz diskutiert.
Kryptisch dagegen bleibt die vierte, in „Fluchtpunkt 1941“ wohl originär beschriebene Kontinuität. Smiths Ansicht nach hätten die Deutschen die im Dreißigjährigen Krieg blutig gemachte Erfahrung interkonfessioneller Gewalt verdrängt, nicht dagegen die interreligiöse Gewalt gegen Juden.
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Es begann im Dreißigjährigen Krieg: Der US-Historiker Helmut Walser Smith attackiert in seinem jetzt auf Deutsch erscheinenden Buch "Fluchtpunkt 1941" viele seiner deutschen Kollegen. Denn er will den Holocaust mit "Kontinuitäten der deutschen Geschichte" erklären – und scheitert.[/b]
Wie war es möglich? Diese Frage treibt seit 1945 nicht nur deutsche Philosophen und Historiker um: Wie war es möglich, dass ein Staat all seine Machtmittel einsetzt, um eine nach Millionen zählende Gruppe von Menschen möglichst bis zum letzten Kleinkind auszurotten?
Die Opfer stellten keinerlei Gefahr dar; sie waren im Wesentlichen wehrlos. Und wie war es möglich, dass nicht nur ein Staat dieses ungeheuerliche Verbrechen zu begehen befahl, sondern mindestens 100.000 vorwiegend ganz normale Männer, vielleicht auch doppelt oder dreimal so viele, eigenhändig mordeten? Kurz: Wie war der Holocaust möglich?
An möglichen Antworten auf diese Kernfrage sowohl der deutschen wie der Weltgeschichte des 20. Jahrhundert fehlt es nicht; der Bremer Sozialwissenschaftler Gunnar Heinsohn hat in seinem Büchlein „Warum Auschwitz?“ 1995 gleich 42 Theorien aufgelistet.
Seither sind einige hinzugekommen – die bekannteste davon stellte Daniel Goldhagen auf, dem zufolge alle Deutschen bis 1945 von einem „eliminatorischen Antisemitismus“ getrieben worden seien. Obwohl sich praktisch alle Fachleute einig waren, dass diese intellektuell bescheidene „Erklärung“ gar nichts erklärt, wurde der US-Politologe 1996 gefeiert wie ein Guru.
Goldhagen habe die richtige Frage gestellt, aber „seine Antwort war verfehlt“, schreibt der US-Historiker Helmut Walser Smith in seinem heute auf Deutsch erscheinenden Buch „Fluchtpunkt 1941“. Der 47-jährige Direktor des Max Kaden Center für European Studies in Nahsville (Tennessee) fragt darin nach den „Kontinuitäten der deutschen Geschichte“, die zum Holocaust führten.
Zentral an Smiths neuem Buch ist die Idee, einen Perspektivwechsel vorzunehmen. Bisher, so seine These, seien die deutsche Geschichte und der Zivilisationsbruch vor allem mit den Fluchtpunkten 1933 oder 1939 betrachtet worden – also unter dem Aspekt, wie es zur Machtübernahme Hitlers kommen konnte und wie es Hitler schaffte, die Bevölkerung für einen neuen Krieg zu gewinnen.
Durch die Verschiebung der Perspektive auf 1941, den Beginn der massenhaften Judenmorde hinter der Ostfront (auch wenn es ähnliche Untaten in kleinerem Maßstab schon nach der deutschen Besetzung Polens gegeben hatte), werde der „Zusammenbruch der Mitmenschlichkeit“ deutlich, ohne die es nicht zum Holocaust hätte kommen können.
Vier wesentliche Kontinuitätslinien beschreibt Smith, und nur ihr Zusammentreffen im „Fluchtpunkt 1941“ soll seiner Ansicht nach den Zivilisationsbruch ermöglicht haben. Drei dieser Kontinuitäten freilich sind bereits vielfach beschrieben worden: Erstens der Nationalismus in der banalisierten Tradition von Fichtes „Reden an die deutsche Nation“.
Zweitens führt der Autor die gegen die Emanzipation der Juden gerichtete antisemitische Bewegung des 19. Jahrhunderts an. Sie war in ganz Europa festzustellen und brachte keineswegs in Deutschland die schlimmsten Auswüchse mit sich, wie Smith selbst dokumentiert: In einer Tabelle mit 31 antijüdischen Exzessen zwischen 1881 und 1903 in Europa finden sich gerade vier, vergleichsweise kleine Pogrome im Deutschen Kaiserreich.
Eine dritte Kontinuität sieht Smith in der Entgrenzung von ethnischer Gewalt im Kolonialzeitalter, die er als „eliminatorischen Rassismus“ bezeichnet – aber auch das ist keine neue Entdeckung, denn schon seit Jahren wird über eine angeblich oder tatsächlich direkte Verbindung zwischen dem Genozid etwa an den Hereros in Namibia und Auschwitz diskutiert.
Kryptisch dagegen bleibt die vierte, in „Fluchtpunkt 1941“ wohl originär beschriebene Kontinuität. Smiths Ansicht nach hätten die Deutschen die im Dreißigjährigen Krieg blutig gemachte Erfahrung interkonfessioneller Gewalt verdrängt, nicht dagegen die interreligiöse Gewalt gegen Juden.
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31. Mär 2010 um 11:50
Am seltsamsten finde ich den Verweis auf den Dreißigjährigen Krieg, der ja beileibe kein rein deutscher war.:confused:
31. Mär 2010 um 11:52
Die kanadische Historikerin Jennifer Jenkins hat die englische Ausgabe des Buches bei H-Soz-u-Kult rezensiert. Sie urteilt:
This is a bold but limited argument. - Eine kühne aber begrenzte Beweisführung.
Die kritisiert die ahistorische Betrachtung und die Verwerfung (oder Nichtbeachtung?) beinahe ganzer Studien zum Thema.
Auch ist sie mit der angewandten Methode nicht einverstanden: Sie kritisiert die [COLOR=RoyalBlue]selektive Textauswahl[/COLOR] und [COLOR=Red]mangelnde Quellenkritik[/COLOR].
"Moving strongly onto the terrain of ideology, Smith wishes to track connections across four centuries by [COLOR=RoyalBlue]analyzing a handful of selected texts[/COLOR]. Given[COLOR=Red] the lack of social and political context[/COLOR] for much of what he describes (the text runs to only 233 pages), it becomes difficult to trace such large and portentous continuities, and their movement from thought to deed, in anything but an impressionistic fashion."
Rez. NG: H. Walser Smith: The Continuities of German History - H-Soz-u-Kult / Rezensionen / Bücher
31. Mär 2010 um 12:24
Sie kritisiert die [COLOR=RoyalBlue]selektive Textauswahl[/COLOR] und [COLOR=Red]mangelnde Quellenkritik[/COLOR].
"Moving strongly onto the terrain of ideology, Smith wishes to track connections across four centuries by [COLOR=RoyalBlue]analyzing a handful of selected texts[/COLOR].
Um hier nicht missverstanden zu werden, natürlich muss der Historiker - und das gilt insbesondere bei neuzeitlichen Themen - seine Quellen exemplarisch auswählen. Es geht darum, dass ihm einen handvoll Quellen über einen Zeitraum von vier Jahrhunderten hinweghelfen.
31. Mär 2010 um 12:54
Da man wohl davon ausgehen kann, dass die Rezension den Buchinhalt zutreffend charakterisiert, kann ich mich nur ElQs Hinweise anschließen.
Sarkastisch ausdrückt, würde sich Helmut Walser Smith damit Hitlers "Bogentheorie" vom 30-jährigen Krieg zum Kriegsausbruch 1939 (Hitler-Memorandum vom 9.10.1939, abgedruckt zB bei Jacobsen, Dokumente zum Westfeldzug) anschließen, allerdings aus einer anderen Einstiegsrichtung. Vermutlich unbeabsichtigt läßt er sich im selben Boot nieder.
31. Mär 2010 um 13:03
Hier kann man die Einleitung des Buches lesen und wenn man möchte dem Autor Fragen stellen:
Reclam Verlag: Fluchtpunkt 1941 - Diskutieren Sie mit Helmut Walser Smith
31. Mär 2010 um 13:19
Am seltsamsten finde ich den Verweis auf den Dreißigjährigen Krieg, der ja beileibe kein rein deutscher war.
Kein "deutscher Krieg", aber ein "Krieg in Deutschland", jedenfalls hauptsächlich.
...Hitlers "Bogentheorie" vom 30-jährigen Krieg zum Kriegsausbruch 1939
Ich grübele, komme aber nicht drauf, woher H. seine Theorie-Bruchstücke bezog. (Tippe auf Gustav Freytag usw.)
Wenn Du Material hast, mache einen Thread draus.
31. Mär 2010 um 13:42
In [I]Sehepunkte[/I] ist ein ganzes Bündel von Rezensionen
SEHEPUNKTE - Ausgabe 9 (2009), Nr. 1 - Forum Mehrfachbesprechung:
Helmut Walser Smith: The Continuities of German History
31. Mär 2010 um 14:29
Habe nur den Link von "Ursi" zu dem Buch gelesen....und war ein wenig ratlos. Dennoch...
Wenn es denn diese Kontinuität bzw. diesen "wichtigen" "Fluchtpunkt 1941" geben sollte, dann stellt sich doch auch die Frage nach Brüchen oder einer finalen Beendigung dieser Kontinuität. Bereits der Titel enthält jedoch lediglich Hinweise auf die Kontinuität. Da hätte ich wenigstens erwartet, dass man auch die Brüche anführt und sich damit beschäftigt.
Das mag kleinlich erscheinen, aber die einseitige Betonung der Kontinuität impliziert, und das unangenehm subtil, das Anhalten dieser Kontinuität. Eine Unterstellung, die lediglich durch einen Teil der Ergebnisse zur politischen Kultur dieses Landes gedeckt wäre (Stichwort "Sinus-Studien: Wir sollten wieder einen Führer haben"). Und damit fragt man sich unwillkürlich, ob es sich hier um eine fundierte Beschreibung handelt, oder um den plumpen Versuch, eine politische Intention zu lancieren.
Oder sollte die Kontinuität im Sinne eines "antisemtitischen Kondratieff" wirksam werden. Sie ist mal da und dann auch nicht, je nachdem welche Wellenlänge die Sinuskurve ausweist.
Die Unterstellung von Kontinuität wirft natürlich auch die Frage nach der prognostischen Qualität der Analyse auf. Soll man sich vorstellen können, dass es entsprechend einer seriösen (wissenschaftlichen wie z.B. nach ScMI) Szenarioanalyse erneut zu derartigen Exzessen kommen kann????
Insgesamt ein Thema, das eigentlich viel zu ernst ist, um es auf dem Altar vordergründiger Aufmerksamkeitshascherei des Verlagsmarketing zu opfern, so meine Befürchtung.
31. Mär 2010 um 15:01
Die Unterstellung von Kontinuität wirft natürlich auch die Frage nach der prognostischen Qualität der Analyse auf. Soll man sich vorstellen können, dass es entsprechend einer seriösen (wissenschaftlichen wie z.B. nach ScMI) Szenarioanalyse zu derartigen Exzessen kommen kann.
Es scheint dies der Fall zu sein, dass es wieder zu derartigen Exzessen kommen kann. Dies liegt aber nicht an irgendwelchen Kontinuitäten, sondern den Ergebnissen anderer Studien, die m.E. tiefgehender (naja, dieses Urteil verbietet sich beinahe, da ich Walser Smith nicht gelesen habe) und richtungsweisender sind zufolge daran, dass sich Menschen relativ leicht dazu bringen lassen, dann andere Menschen zu ermorden, wenn der Mord a) durch Vorgesetzte gedeckt ist und b) das Gefühl, dass der Mord einen Sinn hat das Gewissen entlastet, c) ist es dabei ganz hilfreich, wenn ein gewisser Gruppendruck herrscht: Die von mir vielzitierten Autoren Browning (Ordinary Men) und Welzer ([I]Täter. Wie aus ganz Normalen Menschen Massenmörder werden[/I]) sind da als Literaturangabe anzubieten. Und wenn ich vom Rezensenten der Welt diesen Satz lese "Die Opfer stellten keinerlei Gefahr dar; sie waren im Wesentlichen wehrlos", dann glaube ich, dass der Browning und Welzer, [I]Milgram[/I] und [I]Stanford Prison[/I] oder [I]My Lai[/I] dabei im Hinterkopf hatte.
31. Mär 2010 um 20:01
Am seltsamsten finde ich den Verweis auf den Dreißigjährigen Krieg, der ja beileibe kein rein deutscher war.:confused:Den Rückgriff auf den Dreißigjährigen Krieg finde ich auch seltsam. Für die Menschen, die 1930 bis 1945 gelebt haben, war der 1. Weltkrieg in seinem Ablauf und seinen politischen, gesellschaftlichen, aber auch biographischen Folgen viel präsenter, prägender, spürbarer, etc. als der lange zurückliegende und längst verblasste Dreißigjährige Krieg. 1934 lag 1914 gerade mal 20 Jahre zurück vergleichbar mit der Zeitspanne 1989 - 2009. Ich selbst, der das Jahr 1989 (am Fernsehen) miterlebt hat und inzwischen weiß, wie schnell 20 Jahre vergehen, empfinde diese Zeitspanne als ein Katzensprung. Interessanterweise weiß ich aber auch, wie sehr sich in der Zwischenzeit Politik und Gesellschaft verändert/modernisiert haben.
31. Mär 2010 um 20:47
Den Rückgriff auf den Dreißigjährigen Krieg finde ich auch seltsam.
Nicht aus Hitlers Perspektive, der den erwähnten "Bogen" ja schon sehr früh zog, indem er in [I]Mein Kampf[/I] von den "blutsmäßigen Vergiftungen" schreibt, die den deutschen Volkskörper "besonders seit dem Dreißigjährigen Kriege, trafen" und "nicht nur zu einer Zersetzung unseres Blutes, sondern auch zu einer solchen unserer Seele (führten)."
Wäre aber, wie gesagt, einer separaten Betrachtung wert.
31. Mär 2010 um 21:51
Nicht aus Hitlers Perspektive, der den erwähnten "Bogen" ja schon sehr früh zog, indem er in [I]Mein Kampf[/I] von den "blutsmäßigen Vergiftungen" schreibt, die den deutschen Volkskörper "besonders seit dem Dreißigjährigen Kriege, trafen" und "nicht nur zu einer Zersetzung unseres Blutes, sondern auch zu einer solchen unserer Seele (führten)."
Wäre aber, wie gesagt, einer separaten Betrachtung wert.
Kurzer Einwand: war Hitler mehr durch den 1. WK geprägt oder mehr durch den Dreißigjährigen Krieg? Doch wohl eher durch den ersteren. Den Bezug zum letzteren hat er in seiner (letztlich durch den 1. WK mitgeprägten) Vorstellungswelt hergestellt.
31. Mär 2010 um 21:57
Kurzer Einwand: war Hitler mehr durch den 1. WK geprägt oder mehr durch den Dreißigjährigen Krieg? Doch wohl eher durch den ersteren. Den Bezug zum letzteren hat er in seiner (letztlich durch den 1. WK mitgeprägten) Vorstellungswelt hergestellt.
Das sehe ich auch so, möglicherweise war das sogar weit verbreitet. Die Anfänge der "Bogentheorie" könnte man in der Einkreisungsdiskussion vor dem Ersten Weltkrieg sehen, die Verstärkung in Versailles und dem Status der Siegermächte.
@jschmidt: man könnte in einem Thema diese Gedanken mal sammeln. Ich weiß aber nicht, ob wir da genug zusammen kriegen. Die Verdrängungskultur (für die Niederlage/Katastrophe des imperialen Deutschlands) nach 1918 scheint mir hier der Nährboden/Ausgangspunkt gewesen zu sein.
Vielleicht läßt sich zu dieser Theorie zeitgenössische Literatur finden?
Hier hatte ich das zitat schon einmal gebracht:
http://www.geschichtsforum.de/227381-post59.html
08. Apr 2010 um 18:29
In [I]Sehepunkte[/I] ist ein ganzes Bündel von Rezensionen...
...aus denen man erkennen kann, dass die Arbeit von Smith durchaus positiv aufgenommen wurde; die "Welt"-Rezension ist die bei weitem negativste.
Kurzer Einwand: war Hitler mehr durch den 1. WK geprägt oder mehr durch den Dreißigjährigen Krieg? Doch wohl eher durch den ersteren.
Zu Hitlers "Prägung", so lehrt mich ein Blick in das englische Original, besteht kein direkter Zusammenhang; der "Bogen" wird auf andere Weise gespannt.
Wie in der Rezension von Weichlein richtig beschrieben wird, setzt Smith bei der Frage von Ernest Renan an, was eine Nation sei [1]. "A nation is a daily plebescite", he memorably told his audience... it must have a common past of 'endeavors, sacrifice, and devotion.' Suffering more than joy unites a people; collective grief is more valuable than a string of triumphs. Yet just as this common past must be remembered, it must also be forgotten."
Die in der Welt gewählte Überschrift "Es begann im dreißigjährigen Krieg" ist völliger Blödsinn, und das sicher nicht ohne Absicht. Die "katastrophale religiöse Gewalt"gegenüber Juden, von der Smith schreibt, ist sehr viel älter:[INDENT]"This violence began with the devastations of the First Crusade in 1096... Between 1350 and 1550, at least forty percent of an estimated 1,038 Jewish settlements in the German lands witnesses either massacre of expulsion." [2]
[/INDENT]Diese 700 Jahre lange, religiös motivierte Gewalt-Geschichte wurde, so die These, auf mannigfache Weise im Volksgedächtnis ("social memory") wachgehalten, floß nahtlos ein in Teile der nationalen Bewegung nach 1800 und in den Antisemitismus Treitschkes u.a. nach 1870 und bildete, so der Autor, einen Bestandteil des Gedankenguts, das nach 1933 (1941) in die Tat umgesetzt wurde.
Ob man das unbedingt "Kontinuität" nennen muss oder ob es sich um eine latente (aber nicht spezifisch deutsche) Bereitschaft zum Morden handelt, wie ElQ angedeutet hat, lasse ich mal dahinstehen. Smith' eigene Fallstudie über Konitz im Jahre 1900, die ich mir auch angeschaut habe [3], zeigt, dass auch geringste und abwegigste Anlässe genügten, um jahrhundertealte Mechanismen zu aktivieren.
[1] Smith, Continuities, S. 74
[2] aaO, S. 75 mit Bezug auf Toch: Die Verfolgungen des Spätmittelalters (1350-1550) in Germania Judaica, Bd. 3, Tübingen 2003
[3] Die Geschichte des Schlachters. Mord und Antisemitismus in einer deutschen Kleinstadt. Göttingen 2002