Apr 09
2010
Zum Beispiel die Franks
News in Judentum | Israel | Naher Osten 5 Kommentare »[b]Mirjam Pressler erzählt vom Schicksal der deutschen Juden von der Emanzipation bis zu Vernichtung und Weiterleben.[/b]
Anne, das jüdische Mädchen aus Frankfurt am Main, das im Konzentrationslager Bergen-Belsen kurz vor Kriegsende verhungern musste, hat mit ihrem posthum publizierten Tagebuch Geschichte gemacht. Lange vor den großen NS-Prozessen, den Fernsehdokumentationen und Dokumentarfilmen hat ihr Schicksal Anteilnahme und Mitleid erweckt – ihr Tagebuch stellt ein [i]document humain[/i] ersten Ranges dar.
Das liegt vor allem daran, dass es diesem nach übereinkommender Auskunft »frühreifen« Mädchen gelungen ist, dem Leiden der europäischen Juden ein menschliches Antlitz zu geben: Anders als Schilderungen vom Vegetieren in den Lagern, auf Latrinen und zwischen Stacheldrahtverhauen eignete dem Versteck der Familie Frank in der Prinsengracht bei aller Enge beinahe etwas Heimeliges, Überschaubares, eine Stimmung, in die man sich einfühlen kann. Dafür war nicht zuletzt Anne Franks luzide und anschauliche Sprache verantwortlich, die durch die Übersetzung in andere europäische Sprachen nichts von ihrer Lebendigkeit verloren hat.
Doch entspringt die Sprachbegabung eines jungen Mädchens nicht aus dem Nichts: Anne entstammt einer Familie, in der Sprache und Sprechen, Lesen, Dichten und Schreiben integraler Teil des Lebens waren. Das lässt sich der Monografie »Grüße und Küsse an alle«. Die Geschichte der Familie von Anne Frank entnehmen, die Mirjam Pressler vorlegt. Sie hat Anne Franks Tagebuch aus dem Niederländischen ins Deutsche übertragen und ihr eine Biografie gewidmet.
Presslers in luzider, auch Jugendlichen zugänglicher Prosa gehaltener Bericht öffnet den Blick auf eine weitgehend vergessene Welt: den Lebens- und Erfahrungsraum des deutschen, mehr oder minder assimilierten bürgerlichen Judentums, das – seiner religiösen Ursprünge zwar durchaus noch bewusst – in der deutschen, der deutschsprachigen Kultur seine Erfüllung zu finden wähnte. Aus den Ghettos, etwa dem der Frankfurter Judengasse, befreit, nahmen diese seit Jahrhunderten in den deutschen Ländern ansässigen jüdischen Familien mit Disziplin, Lerneifer und Liebe zur deutschen Kultur ihren Weg in die Gesellschaft.
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Anne, das jüdische Mädchen aus Frankfurt am Main, das im Konzentrationslager Bergen-Belsen kurz vor Kriegsende verhungern musste, hat mit ihrem posthum publizierten Tagebuch Geschichte gemacht. Lange vor den großen NS-Prozessen, den Fernsehdokumentationen und Dokumentarfilmen hat ihr Schicksal Anteilnahme und Mitleid erweckt – ihr Tagebuch stellt ein [i]document humain[/i] ersten Ranges dar.
Das liegt vor allem daran, dass es diesem nach übereinkommender Auskunft »frühreifen« Mädchen gelungen ist, dem Leiden der europäischen Juden ein menschliches Antlitz zu geben: Anders als Schilderungen vom Vegetieren in den Lagern, auf Latrinen und zwischen Stacheldrahtverhauen eignete dem Versteck der Familie Frank in der Prinsengracht bei aller Enge beinahe etwas Heimeliges, Überschaubares, eine Stimmung, in die man sich einfühlen kann. Dafür war nicht zuletzt Anne Franks luzide und anschauliche Sprache verantwortlich, die durch die Übersetzung in andere europäische Sprachen nichts von ihrer Lebendigkeit verloren hat.
Doch entspringt die Sprachbegabung eines jungen Mädchens nicht aus dem Nichts: Anne entstammt einer Familie, in der Sprache und Sprechen, Lesen, Dichten und Schreiben integraler Teil des Lebens waren. Das lässt sich der Monografie »Grüße und Küsse an alle«. Die Geschichte der Familie von Anne Frank entnehmen, die Mirjam Pressler vorlegt. Sie hat Anne Franks Tagebuch aus dem Niederländischen ins Deutsche übertragen und ihr eine Biografie gewidmet.
Presslers in luzider, auch Jugendlichen zugänglicher Prosa gehaltener Bericht öffnet den Blick auf eine weitgehend vergessene Welt: den Lebens- und Erfahrungsraum des deutschen, mehr oder minder assimilierten bürgerlichen Judentums, das – seiner religiösen Ursprünge zwar durchaus noch bewusst – in der deutschen, der deutschsprachigen Kultur seine Erfüllung zu finden wähnte. Aus den Ghettos, etwa dem der Frankfurter Judengasse, befreit, nahmen diese seit Jahrhunderten in den deutschen Ländern ansässigen jüdischen Familien mit Disziplin, Lerneifer und Liebe zur deutschen Kultur ihren Weg in die Gesellschaft.
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10. Apr 2010 um 09:46
Dafür war nicht zuletzt Anne Franks luzide und anschauliche Sprache verantwortlich, die durch die Übersetzung in andere europäische Sprachen nichts von ihrer Lebendigkeit verloren hat.
Ob diese "luzide und anschauliche" Sprache allerdings selbst von Anne Frank stammt ist für mich die große Frage. Ohne die Wichtigkeit des Buches schmälern zu wollen, muss ich dennoch anmerken, dass nachweislich Annes Vater Otto das Tagebuch mehrfach überarbeitet, Passagen gestrichen oder umformuliert hat...
10. Apr 2010 um 10:15
Ob diese "luzide und anschauliche" Sprache allerdings selbst von Anne Frank stammt ist für mich die große Frage. Ohne die Wichtigkeit des Buches schmälern zu wollen, muss ich dennoch anmerken, dass nachweislich Annes Vater Otto das Tagebuch mehrfach überarbeitet, Passagen gestrichen oder umformuliert hat...
Es gibt eine historisch-kritische Ausgabe des Tagebuches, in dem - so weit erhalten - die Originalfassung, die von Anne selbst zur Veröffentlichung bestimmte Fassung und die Fassung des Vaters gegenüber gestellt worden sind.
10. Apr 2010 um 10:38
den Lebens- und Erfahrungsraum des deutschen, mehr oder minder assimilierten bürgerlichen Judentums, das – seiner religiösen Ursprünge zwar durchaus noch bewusst – in der deutschen, der deutschsprachigen Kultur seine Erfüllung zu finden wähnte. Aus den Ghettos, etwa dem der Frankfurter Judengasse, befreit, nahmen diese seit Jahrhunderten in den deutschen Ländern ansässigen jüdischen Familien mit Disziplin, Lerneifer und Liebe zur deutschen Kultur ihren Weg in die Gesellschaft. Diesen Aspekt der "Kultur-in-der-Kultur" finde ich besonders interessant.
Wenn eine solche Minderheitskultur innerhalb der Mehrheitskultur als "Underdogs" einen Platz findet, findet sie wenigstens einen Platz. Wenn sie aber besonders leistungsfähige Strrukturen und - deshalb - entsprechende Individuen hervorbringt, kann sie leicht zum Feindbild werden. Meiner Ansicht nach ist das im Falle der jüdischen-innerhalb-der-deutschen Kultur passiert.
Auch wenn diese meine These hier bereits zerpflückt worden ist, erlaube ich mir, sie noch einmal zu präsentieren (weil ich sie für zutreffend halte) :
Die Juden wurden eigentlich nicht zum Feindbild, weil sie - wie von der Propaganda behauptet - tatsächlich als "minderwertig" angesehen wurden, sondern, weil sie als "zu hochwertig" wahrgenommen wurden und damit Minderwertigkeitsgefühle bei ihren "deutsch-christlichen" Landsleuten erweckten.
10. Apr 2010 um 13:21
Diesen Aspekt der "Kultur-in-der-Kultur" finde ich besonders interessant.
Wenn eine solche Minderheitskultur innerhalb der Mehrheitskultur als "Underdogs" einen Platz findet, findet sie wenigstens einen Platz. Wenn sie aber besonders leistungsfähige Strrukturen und - deshalb - entsprechende Individuen hervorbringt, kann sie leicht zum Feindbild werden. Meiner Ansicht nach ist das im Falle der jüdischen-innerhalb-der-deutschen Kultur passiert.
Auch wenn diese meine These hier bereits zerpflückt worden ist, erlaube ich mir, sie noch einmal zu präsentieren (weil ich sie für zutreffend halte) :
Die Juden wurden eigentlich nicht zum Feindbild, weil sie - wie von der Propaganda behauptet - tatsächlich als "minderwertig" angesehen wurden, sondern, weil sie als "zu hochwertig" wahrgenommen wurden und damit Minderwertigkeitsgefühle bei ihren "deutsch-christlichen" Landsleuten erweckten.
Eine gewagte These, wenn auch nicht so besonders neu.
Wo ist diese These hier bereits zerpflückt worden?
Da ich das nicht gelesen habe, würde ich es gerne nachholen, um Wiederholungen zu vermeiden.
10. Apr 2010 um 13:42
Wo ist diese These hier bereits zerpflückt worden? Ich habe einmal mehr vergeblich mit der Suchfunktion dieses Forums herumgeplagt. :ichdoof:
Die Diskussion ist auch schon eine Weile her und war nicht sehr ausführlich. Es wäre also vertretbar, ein gewisses Maß an Wiederholung zu riskieren.