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Königin Luise von Preußen war ganz anders, als oft behauptet. Das zeigt Daniel Schönpflug in einer ausgezeichneten Biografie.[/b]

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Luise von Preußen, um 1800

In einer berühmten Vorlesungsreihe prägte der New Yorker Literaturkritiker Lionel Trilling 1970 zwei diametral entgegensetzte kulturelle Leitbegriffe, die er mit den englischen Worten Sincerity (Aufrichtigkeit) und authenticity (Authentizität) umschrieb. Sincerity hieß für Trilling die Bemühung des Einzelnen, das äußere soziale und das innere private Leben ohne Selbstverstellung möglichst in Einklang zu bringen. Authenticity dagegen sei von der Suche nach Selbstbefreiung und -offenbarung geprägt. Sincerity impliziere ein gewisses Verständnis für die Erfordernisse des Gesellschaftlichen, für Tradition und für die Notwendigkeit des redlichen Rollenspiels. Authenticity dulde im Gegenteil ungern das Konventionelle; sie verlange das ungebundene Ausleben des Ichs. In der Kulturgeschichte Westeuropas über die letzten 500 Jahre erkannte Trilling ein stetes Oszillieren zwischen diesen zwei ethischen Orientierungen. Spätestens seit der Romantik sei die westliche Moderne jedoch durch einen Siegeszug der Authentizität auf Kosten der alten Aufrichtigkeit gekennzeichnet gewesen.

Luise von Preußen lebte zwar in der Epoche der anbrechenden Romantik, blieb jedoch eindeutig und lebenslang dem Ethos der Aufrichtigkeit verpflichtet. Das Erste, was ihr an ihrem zukünftigen Mann, Kronprinz Friedrich Wilhelm von Preußen, positiv auffiel, war die schlichte Redlichkeit seines Wesens. »Der Prinz ist ausserordentlich gut und gerade«, schrieb sie an ihre Schwester Therese, nach der ersten Begegnung mit dem preußischen Thronfolger. »Kein unnötiger Schwarm von Worten begleiten seine Reden, sondern er ist erstaunend wahr.«

Mit der Suche nach Selbstverwirklichung hatte diese Vorliebe für Aufrichtigkeit nichts zu tun. Weder als Kronprinzessin (von 1793 an) noch als preußische Königin (von 1797 an) stellte Luise die ihr zugedachte Rolle jemals infrage. Das innere Empfinden wurde der öffentlichen Person konsequent untergeordnet. Sie war, wie der Berliner Historiker Daniel Schönpflug in seiner eleganten, intelligenten Biografie der Königin darlegt, eine Schauspielerin auf der Bühne der Macht. Sie spielte eine Hauptrolle in jenem »täglich neu inszenierten Stück namens Monarchie«. Vom Morgen bis tief in die Nacht durch das ganze Jahre hindurch musste sie sich dem Rhythmus des Hofes restlos anpassen. »Mach Dich darauf gefasst zu erfahren, dass ich bald sterben werde«, schrieb sie an ihre Schwester Therese im Februar 1794, »denn seitdem ich mit diesem Brief begann, habe ich immer nur getanzt […] Morgen ist Ball bei der Königinwitwe, übermorgen große Gesellschaft bei mir, Freitag Ball bei dem Grafen Alvensleben, für Sonnabend ist Gottseidank noch nichts festgelegt […] Da kann man wirklich seine Seele verlieren und sein Testament machen.«
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