Jan 11
2012
Unter dem Getöse von dreihundert Kanonen
News in Absolutismus und Aufklärung (1648-1789) 1 Kommentar »Mehr als 20 Jahre lang führte Friedrich Krieg – mit einer Armee, die ihresgleichen suchte in Europa. Eisern diszipliniert marschierten die preußischen Soldaten ins Musketenfeuer. Es befehligte sie: der König selbst.
Dunkel, feindlich und drohend ragt die steile Wand empor, vielleicht zehn Meter ist sie hoch, wie eine Trutzburg erhebt sie sich über den morastigen Hohlweg, den die Einheimischen von jeher Kuhgrund nennen. Hunderte haben an dieser Anhöhe ihr Leben gelassen, jeder Zentimeter Boden muss blutgetränkt gewesen sein. »Für Friedrichs Soldaten war es sicher nicht unmöglich, dort hochzukommen«, sagt Grzegorz Podruczny. »Aber es war wie der letzte Schritt eines toten Mannes.«
Niemand kennt das Schlachtfeld von Kunersdorf, das heute Kunowice heißt, jene Stätte unweit der Oderstadt Frankfurt, an der einst das blutigste Gemetzel des Siebenjährigen Krieges stattfand, besser als Podruczny. Systematisch hat der polnische Kunsthistoriker vom Collegium Polonicum in Słubice Wald und Felder nach Zeugnissen der Schlacht abgesucht. Er fand Bleigeschosse, Kartätschenkugeln, Uniformknöpfe und sogar das Skelett eines russischen Grenadiers, den eine Kugel von vorn ins Schulterblatt getroffen hatte. Und jedes Mal, wenn Podruczny vor der steilen Anhöhe steht, fragt er sich: »Was hat Friedrich den Großen bloß bewogen, seine Soldaten in ein derart sicheres Verderben zu schicken?«
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24. Jan 2012 um 14:59
Schön, dass der Autor auf Duffy und Möbius hinweist. Nur hat er Möbius auch gelesen? U.a. kreidet Möbius an, dass ein bestimmtes Zitat immer aus dem Kontext gerissen wird, so auch hier:
- »In den ersten Kriegen entschieden nicht die Kanonen, sondern die Menschen den Sieg«, stellte er 1768 wehmütig fest. Nun sei alles anders: [I]»Die Kanone macht alles, und die Infanterie kommt nicht mehr zum Kampf mit der blanken Waffe.«[/I]- Das Prinzip der Subordination als »Seele der Armee« war unter Friedrich II. dabei längst in eine Disziplinierungsbesessenheit umgeschlagen. [I]Der gemeine Soldat müsse »vor dem Officiere mehr Furcht als vor dem Feinde haben«[/I], lautete sein Leitprinzip, da ansonsten niemand imstande sei,[I] »ihn zum Angriff unter dem Getöse von 300 Kanonen zu führen, welche ihm entgegendonnern«.[/I] Die kursiven Stellen Folgen in den Werken Friedrichs des Großen direkt aufeinander. Möbius stellt desweiteren ein Fragezeichen hinter das Zitat "Mehr Angst vor dem Offizier als vor dem Feind" und kommt eben zum Schluss, dass dieses Bonmot nicht die Praxis war.
Kaum jemand unterwarf sich freiwillig solcher Tortur. Der König hatte jedem Regiment daher eine Art permanentes Jagdrevier zugewiesen, einen Rekrutierungsbezirk, aus dem es die Wehrfähigen nach Bedarf abschöpfte. Besonders die Infanterie, schreibt Johannes Kunisch, sei »von gescheiterten Existenzen, Fahnenflüchtigen und einer großen Zahl zu den Waffen Gepresster in so beherrschendem Maße geprägt« gewesen, dass die friderizianische Armee »einen sozialen Körper von großer Labilität darstellte«.In diesem Punkt ist Kunisch durch Martin Winter und Jürgen Kloosterhuis widerlegt worden. Die Umsetzung des Kantonsystems hatte immer auch den Ausgleich zwischen Wirtschaft und militärischen Bedürfnissen im Auge. Kantonisten kamen nicht nur aus der Unterschicht, sondern durchaus auch aus besser gestellten Familien. Bei entsprechender Größe schützte auch eine wirtschaftlich gut gestellte Familie, exeminierte Bevölkerungskreise ausgenommen, nicht vor dem Kantonsystem.