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Vor mehr als 100 Jahren töteten deutsche Siedler 100.000 Herero. Man prahlte damit und doch wurde der Völkermord vergessen. Warum, erklärt Historiker Jürgen Zimmerer.
Interview: Alina Schadwinkel.[/b]

Gnadenlos hatten deutsche Truppen den Widerstand der Herero und Nama unterdrückt. Zwischen 1904 und 1908 töteten die kaiserlichen Streitkräfte gezielt bis zu 80.000 Menschen in Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia. Erst jetzt hat die Bundesregierung in einem offiziellen Dokument eingestanden: Der Vernichtungskrieg war ein Völkermord.

[b]ZEIT ONLINE:[/b] Warum fällt es den Deutschen so schwer, mit der eigenen Geschichte umzugehen, selbst nach Eingeständnis des Holocaust?

[b]Jürgen Zimmerer:[/b] Es gibt gewissermaßen eine koloniale Amnesie: Deutschland war nur vergleichsweise kurz Kolonialmacht. Die Gebiete in Afrika gingen sehr früh verloren, die Verbrechen des Dritten Reiches haben die Erinnerungen daran überlagert. Nach 1945 scheint die Aufarbeitung des Holocaust alle Energie gebunden zu haben. Wer sich an den Kolonialismus überhaupt erinnerte, hat ihn oftmals verklärt.

[b]ZEIT ONLINE:[/b] Inwiefern?

[b]Zimmerer:[/b] Die Deutschen denken bei Kolonialisierung an den guten "weißen" Doktor im Urwald, der Medizin verteilt, oder den Missionar, der armen Mädchen im Baströckchen die "Zivilisation" bringt. Oder sie romantisieren die Siedler als Pioniere, die Straßen und Brücken gebaut haben. Der Tourismus in Namibia profitiert noch heute von dieser Vorstellung. Dabei wird ausgeblendet, auf welch rassistischer Grundlage dies geschah und wie viele Opfer es dafür auf afrikanischer Seite gab.
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