Kirchen, Keller, Käfige

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Heute vor genau 1.219 Jahren, am 16. Januar 793 um zehn Uhr morgens, gründete der Missionar Liudger an einer Furt mit dem Ausruf: "Jetzt gründe ich die Stadt Münster in Westfalen!"


Als Allererstes baute er einen Dom und ein Brauhaus, und so dauerte es auch nicht mehr lange, bis aus allen Richtungen bisher versprengte Münsteraner herbeigeströmt kamen, die nun endlich ein Zuhause hatten.
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Unter dem Getöse von dreihundert Kanonen

News in Absolutismus und Aufklärung (1648-1789) 1 Kommentar »

Mehr als 20 Jahre lang führte Friedrich Krieg – mit einer Armee, die ihresgleichen suchte in Europa. Eisern diszipliniert marschierten die preußischen Soldaten ins Musketenfeuer. Es befehligte sie: der König selbst.


Dunkel, feindlich und drohend ragt die steile Wand empor, vielleicht zehn Meter ist sie hoch, wie eine Trutzburg erhebt sie sich über den morastigen Hohlweg, den die Einheimischen von jeher Kuhgrund nennen. Hunderte haben an dieser Anhöhe ihr Leben gelassen, jeder Zentimeter Boden muss blutgetränkt gewesen sein. »Für Friedrichs Soldaten war es sicher nicht unmöglich, dort hochzukommen«, sagt Grzegorz Podruczny. »Aber es war wie der letzte Schritt eines toten Mannes.«

Niemand kennt das Schlachtfeld von Kunersdorf, das heute Kunowice heißt, jene Stätte unweit der Oderstadt Frankfurt, an der einst das blutigste Gemetzel des Siebenjährigen Krieges stattfand, besser als Podruczny. Systematisch hat der polnische Kunsthistoriker vom Collegium Polonicum in Słubice Wald und Felder nach Zeugnissen der Schlacht abgesucht. Er fand Bleigeschosse, Kartätschenkugeln, Uniformknöpfe und sogar das Skelett eines russischen Grenadiers, den eine Kugel von vorn ins Schulterblatt getroffen hatte. Und jedes Mal, wenn Podruczny vor der steilen Anhöhe steht, fragt er sich: »Was hat Friedrich den Großen bloß bewogen, seine Soldaten in ein derart sicheres Verderben zu schicken?«
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Eine Kerze für den ANC

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Der legendäre African National Congress, Südafrikas Freiheitspartei, feiert in diesen Tagen seinen 100. Geburtstag. Doch was ist nur aus ihm geworden?


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Auf einem Protestmarsches im Oktober 1989 in Johannesburg fordern Demonstranten die Freilassung inhaftierter Mitglieder des African National Congress.

Beginnt diese Geschichte in einem windschiefen Schuppen? Oder – wofür mehr spricht – in einer alten methodistischen Kirche? Die Chronisten sind sich nicht einig. Fest stehen nur der Ort und das Datum: Bloemfontein, 8. Januar 1912.

An diesem Tag versammelte sich in der verschnarchten Stadt auf dem südafrikanischen Highveld eine recht seltsame Männergesellschaft. Die Herren trugen Fracks oder Gehröcke nach britischer Mode, Gamaschen und Zylinderhüte. Sie parlierten in gewähltem Englisch oder Afrikaans. Dazwischen sah man traditionelle Stammesführer, die in ihren königlichen Leopardenfellen wie Exoten wirkten.

Es waren gebildete Schwarze aus allen Regionen Südafrikas, Lehrer, Pastoren, Buchhalter, Geschäftsleute und Journalisten. Der Dichter Sol Plaatje gehörte dazu, der Shakespeare in die Sprache Setswana übersetzt hatte, und der Rechtsanwalt Pixley ka Isaka Seme, ein vom Gedankengut des englischen Liberalismus beseelter Oxford-Absolvent.
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Bruder Franz

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"Licht aus Assisi": Eine faszinierende Ausstellung in Paderborn beleuchtet das Leben des heiligen Franziskus.
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Er war uns, wir bekennen es, recht fremd. Es störte seine antiintellektuelle Einfalt, sein gottbesonntes Gemüt. Seine Leibfeindschaft stieß ab, seine willentliche Armut provozierte. Und die legendäre Vogelpredigt, die Missionierung der Fische, die Bekehrung des mörderischen Wolfs von Gubbio – nun gut, das sind Fioretti, herzensfromme Blümelein katholischer Andachtspoesie. Aber was sagt er uns Heutigen, der heilige Franz von Assisi? Die Menschgestalt Gottes bleibt Jesus von Nazareth. Und unser Schutzpatron des Evangeliums ist nicht heilig, sondern Martin Luther.

So fühlt der protestantische Reporter, im trutzigen Anmarsch auf Paderborn. Dort zeigt das Diözesanmuseum die große Ausstellung Franziskus. Licht aus Assisi. Am Eröffnungstag gewährt uns der emphatische Direktor Christoph Stiegemann eine mehrstündige Vor-Schau, beginnend mit Elementarunterweisung. Gern denkt ja der Protestant, die wahre Kirchengeschichte habe erst 1517 begonnen, mit dem hämmernden Mönch zu Wittenberg.
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Schuld und Sülze

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Durch Zufall wurde im Juni 1919 in Hamburg ein Lebensmittelskandal bekannt: Der Industrielle Jacob Heil hatte aus Fleischabfällen Sülze hergestellt und an die hungernde Bevölkerung verscherbelt. Der Ekel-Eklat trieb die Bevölkerung auf die Barrikaden - bis die Reichswehr die Revolte brutal niederknüppelte. [/b]

Schweigend wuchtete Fuhrmann Rüssau ein Fass nach dem anderen auf seinen Wagen. Regelmäßig fuhr er für die Fleischwarenfabrik Heil & Co. Dieses Mal sollte er verdorbene Fleischabfälle nach Ochsenwerder bringen, die die Bauern dort als Dung verwendeten. Für ihn war dieser Morgen des 23. Juni 1919 wie alle anderen. Bis eines der Fässer aus Versehen auf den Boden fiel und zerbarst. Eine stinkende, undefinierbare gelbliche Masse ergoss sich über die Straße. Fassungslos starrten einige herumstehende Arbeiter den widerlichen Brei an.
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Der erste Diener und seine Untertanen

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Landreform, Folterverbot, Religionsfreiheit: Friedrich II. gilt als der fortschrittlichste Herrscher seiner Zeit. Aber war er das wirklich?


Knapp zwei Jahre nach dem Tod Friedrichs des Großen wurde in Berlin ein Edikt veröffentlicht, in dessen Mitte, in einer eigenen Zeile und durch Sperrdruck hervorgehoben, das Wort "Aufklärung" prangte. Doch nicht als Zeichen des Triumphes war es ausgestellt, sondern zur Anklage: Friedrichs Nachfolger Friedrich Wilhelm II. erklärte mit dem von Johann Christoph von Wöllner verfassten Erlass 1788 den »Krieg gegen die Aufklärung« – und damit nicht nur gegen die preußischen Reformen der vergangenen Jahrzehnte, sondern gegen einen europäischen Entwicklungsprozess, der das ganze Jahrhundert angedauert hatte.
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Der Kaiser war nur Gips

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1911 endete in China die Agonie des jahrtausendealten Kaisertums – am 1. Januar 1912 wurde das Land Republik.


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Der ehemalige Kaiser Chinas, Daoguang

Sie belügen den Kaiser voller Demut und Hingabe. Schicken ihm seine Beamten ihre Berichte, dann tun sie dies »respektvoll kniend«, aus dem Wort »ich« wird »Euer Sklave« – was aber noch lange nicht heißt, dass ihre Berichte den Tatsachen entsprechen. Wer hätte es auch gewagt, seine Anstellung, vielleicht gar seinen Kopf zu riskieren, um dem Kaiser die Wahrheit zu sagen?

Die Wahrheit wäre mitten im ersten chinesisch-britischen Opiumkrieg zwischen 1839 und 1842 gewesen, dass Zehntausende Chinesen gestorben sind und die Briten von Sieg zu Sieg eilen, ohne dass die Soldaten des Kaisers ihnen auch nur das Geringste entgegensetzen können. Die Kriegsdschunken, die Forts, das so gewaltige wie korrupte Heer – sie können kaum etwas ausrichten.

Doch Chinas Kaiser Daoguang weiß von all dem nichts. So wie er nicht weiß, was die Briten eigentlich genau begehren. Seine Beamten haben sich wiederholt geweigert, das Schreiben entgegenzunehmen, in dem die Engländer ihre Friedensbedingungen diktieren. Und am allerwenigsten ahnt der Kaiser, dass die Ankunft der Fremden den Anfang vom Ende einleitet, den letzten Akt in der Geschichte der Qing-Dynastie. Wenige Jahrzehnte später wird das Reich zusammenbrechen wie ein Kartenhaus. Und mit ihm das mehr als zweitausendjährige chinesische Kaisertum.
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Braune Kriminalisten in neuen Ämtern

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2011 feierte das Bundeskriminalamt 60. Geburtstag. Aufgebaut wurde die Behörde von Kriminalisten, die im Dritten Reich für Folter und Massenmord verantwortlich waren.
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Eine Woche nachdem der Bundestag am 8. März 1951 das "Gesetz über die Einrichtung eines Bundeskriminalpolizeiamtes (BKA)" verabschiedet hatte, berichtete der Spiegel über die geplante neue Behörde. Das Nachrichtenmagazin wusste, dass Innenminister Robert Lehr (CDU) als Berater für die Organisation des Amtes den Kriminalisten Harry Söderman engagiert hatte. Der unter Kollegen als "Revolver-Harry" bekannte Schwede war mit der deutschen Kriminalpolizei bestens vertraut. Während der NS-Zeit unterhielt er Kontakte zu dem Leiter der Kriminalpolizei Arthur Nebe und dem Berliner Polizeipräsidenten Wolf Heinrich Graf von Helldorf.

Söderman, so forderte der Spiegel, sollte beim Aufbau der zentralen bundesdeutschen Polizeibehörde doch bitte an seine alten "Lehrmeister" denken, die wegen ihrer Vergangenheit "kaltgestellt, zwangspensioniert oder auf Wartegeld gesetzt" waren. Der Autor wusste, wovon er sprach: Bernd Wehner gehörte als Leiter der Reichszentrale zur Bekämpfung von Kapitalverbrechen zum Führungskorps der Kriminalpolizei im NS-Staat.
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Karl May – Häftling, Hochstapler, Hochliterat?

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Erst saß er jahrelang im Gefängnis, dann wurde er mit Winnetous Abenteuern berühmt. Vor Karl Mays 100. Todestag erscheinen gleich zwei Biografien.[/b]

Anno 1874 öffnen sich für den Häftling mit der Nummer 402 nach vier Jahren die Tore des Zuchthauses Waldheim bei Chemnitz. Er saß dort wegen wiederholter Hochstapelei und kleinerer Diebstähle. Unter anderem hatte er sich als Augenarzt Dr. med. Heilig ausgegeben. Seine Hauptbeschäftigung im Gefängnis bestand im Zigarrenrollen, bei Ungehorsam drohte Dunkelarrest.

Als er entlassen wird, sagt er, er wolle nach Amerika auswandern. Er ist 32 Jahre alt. Seine Eltern, arme Weber, hatten ihr gesamtes Erspartes für die Ausbildung des Sohnes zum Lehrer ausgegeben. Nummer 402 ist also auf der ganzen Linie gescheitert. Sein weiterer Lebensweg scheint vorgezeichnet: In diesem Alter wird er es kaum noch zu etwas bringen. Gut möglich, dass er erneut auf die schiefe Bahn gerät.
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Duell im Eis

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Im Dezember 1911 fiel die Entscheidung zwischen Robert Scott und Roald Amundsen im Wettlauf zum Südpol.[/b]

Sie waren im Nebel die Gletscher hinaufgeklettert, hatten sich blind durch Eisspalten und Abgründe getastet, sich im Schneesturm über Felsklippen gequält, die Gesichter voller Schorf und Frostbeulen. Waren morgens aus dem Zelt gekrochen, hatten sich gegen den Wind gestemmt, die Hunde angeschirrt, sie angetrieben und die Schlitten über Gletscherspalten gelenkt. Hatten nachmittags die Hunde ausgespannt, das Zelt aufgestellt, ihr karges Zwieback-Mahl verspeist und Tagebuch geschrieben. An guten Tagen las es sich so: »–28°, Südwind [...], etwas kalt, wenn die Haut im Gesicht aufgesprungen ist.« Traumloser, unruhiger Schlaf.

Und dann – endlich das Ziel: 90 Grad Süd, der Südpol. Am 14. Dezember 1911 stehen fünf Norweger am südlichen Punkt der gedachten Achse, um die sich die Erde dreht. Sie sind die Ersten am Mittelpunkt des antarktischen Kontinents. Fünf Norweger haben es geschafft: Roald Amundsen und seine Expeditionsgruppe mit Olav Bjaaland, Helmer Hanssen, Sverre Hassel und Oscar Wisting.

Sie sind zufrieden und erschöpft. Große Worte findet keiner von ihnen.
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Kriegserklärung an die eigene Gesellschaft

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Vor 30 Jahren verhängte Wojciech Jaruzelski das Kriegsrecht über Polen. Damit endeten 16 Monate der Freiheit und des gesellschaftlichen Aufbruchs.[/b]

Als die Führung der unabhängigen Gewerkschaft Solidarność am 10. Dezember 1981 zu Beratungen in Danzig zusammenkam, herrschte im gesamten Land eine eigentümliche Spannung. Der Ton zwischen der Staatsmacht und der Opposition war in den vergangenen Monaten schärfer geworden. Beide Seiten beschuldigten sich, die Konfrontation zu suchen, statt die drängenden Probleme des Landes zu beheben: Wiederkehrende Streiks, Lohnerhöhungen, der Ausbau von Sozialleistungen, steigende Rohstoffpreise und die wachsende Auslandsverschuldung führten zum Kollaps der Volkswirtschaft. Die Lebensmittelmarken waren nicht ausreichend gedeckt, selbst Grundnahrungsmittel Mangelware. Vor den Geschäften bildeten sich lange Schlangen.

Vermittlungsversuche der Kirche zwischen dem kommunistischen Regime und der Opposition scheiterten. Und über allen schwebte die Forderung des großen sowjetischen Bruders und der DDR an die polnischen Genossen, die "Konterrevolution" der Solidarność endlich zu zerschlagen.
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Frankreichs Kinder aus Tonkin sind greis geworden

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Am Ufer des Lot im französischen Département Lot-et-Garonne neigt sich ein Stück Kolonialgeschichte dem Ende zu. In den Baracken eines alten Militärlagers leben die letzten Repatriierten aus einem fast vergessenen Krieg in Indochina.

Schon lange vor der Niederlage in Dien Bien Phu hatten sich die Bewohner in Sainte-Livrade-sur-Lot an das sporadische Auftauchen fremder Gesichter und ihrer Kriegsgeschichten gewöhnt. An den Ufern des Lot, in sicherer Distanz zum Dorf, wurde hier etwa in den dreissiger Jahren auf gutem Agrarland eine Pulverfabrik gebaut, deren Produktion aber genauso kurzlebig war wie der aktive Widerstand gegen Hitler-Deutschland. Auch andere, die später ausserhalb des heute 6000 Einwohner zählenden Provinznestes Fuss fassten, schienen stets auf der Verliererseite zu sein oder auf Provisorien ausgerichtet: französische Einheiten, für die die Militärbaracken errichtet wurden, oder die republikanischen Soldaten aus Spanien, die 1939 aus ihrer Heimat flüchten mussten und vorübergehend Unterkunft fanden; ferner billige Bauarbeiter aus allen Himmelsrichtungen, Harkis aus Algerien und natürlich jene, die von ganz weit herkamen, die «Chinesen».
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Krieg gegen Amerika

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Am 11. Dezember vor 70 Jahren erklärte das Deutsche Reich den USA den Krieg. Bis heute rätseln Historiker, warum.[/b]

Am 7. Dezember 1941 überfallen die Japaner Pearl Harbor. Sie versenken im Hafen der US-Basis auf der Pazifikinsel Hawaii ein Dutzend Schiffe und zerstören weit über hundert Flugzeuge, zweieinhalbtausend Soldaten sterben. Die USA, die bislang den deutschen Krieg in Europa und die japanische Aggression in Asien ungeachtet zahlreicher Hilfeleistungen an Großbritannien und China primär aus der Beobachterposition verfolgt haben, stehen unter Schock. Am Morgen danach fährt Präsident Franklin D. Roosevelt in Washington zum Kongress. Das amerikanische Volk werde, so verkündet Roosevelt, »in all seiner rechtschaffenen Kraft« bis zum vollständigen Sieg über das Kaiserreich Japan kämpfen. Er spricht seinen Landsleuten aus dem Herzen. Für Amerika ist die Zeit des Abwartens vorbei. Es ist ein Krieg, den der Senat auf Antrag Roosevelts an jenem 8. Dezember einstimmig und das Repräsentantenhaus mit überwältigender Mehrheit erklärt, nur die Radikalpazifistin Jeannette Rankin aus Montana stimmt dagegen.

Doch es ist der falsche Krieg. Gegen den falschen Feind. Denn Roosevelt plant seit Jahren die Niederringung eines Diktators, den er für viel gefährlicher hält als Japans Militärkaste: Adolf Hitler. Jetzt, nach Pearl Harbor, aber richtet sich die Empörung der Amerikaner allein gegen Japan. Die Finsternis von Tyrannei, Krieg und Völkermord, die sich über weite Teile Europas gesenkt hat, gerät aus dem Blick. Roosevelt lässt sich keine Verunsicherung anmerken. Und in der Tat wird der Präsident binnen drei Tagen erfahren, dass er sich auf Hitler verlassen kann: auf dessen Verachtung für die größte Demokratie der Welt – und auf Hitlers Hass auf ihn persönlich, auf den »Herrn Rosenfeld«.
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Herodes war doch kein Kindermörder

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Eine grausamere Szene als jene, die im Londoner Auktionshaus Sotheby's vor zehn Jahren die Rekordsumme von 76 Millionen Dollar einbrachte, ist kaum vorstellbar: "Das Massaker der Unschuldigen", das Peter Paul Rubens 1610 auf die Leinwand gebracht hatte. Der Mord an den Kindern von Bethlehem, aus den Händen ihrer flehenden Mütter gerissen, zerschmettert, erstochen, erwürgt. Angeordnet hatte die Tat um die Zeitenwende der grausame, machtgierige und auf Eindruck bedachte König Herodes von Judäa. [/b]

So haben wir es jedenfalls in den 60er-Jahren im Religionsunterricht gelernt: Als Herodes nach der Geburt Jesu hörte, es sei ein neuer König auf die Welt gekommen, wollte er umgehend diesen Konkurrenten seiner und seiner Söhne Macht ausschalten. Weil er trotz Beratung durch die Weisen von Israel das Kind nicht dingfest machen konnte, ließ er eben alle Jungen im entsprechenden Alter umbringen. Nur Jesus entkam dem Massaker. So steht es im Matthäus-Evangelium des Neuen Testaments.
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"Jelzin wollte die Sowjetunion erhalten"

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Vor 20 Jahren zerbrach die UdSSR. Gennadij Burbulis war dabei – als Stellvertreter von Jelzin. Im Interview berichtet er, wie er diesen Teil der Geschichte erlebt hat.[/b]

Am 8. Dezember 1991 haben die Präsidenten Russlands, der Ukraine und Weißrusslands die Sowjetunion aufgelöst. Der erste russische Präsident Boris Jelzin gilt deshalb vielen als Zerstörer der UdSSR. Sein engster Mitstreiter Gennadij Burbulis widerspricht. Der damalige russische Staatssekretär und stellvertretende Regierungschef war dabei, als das Imperium mit einer Erklärung von der Weltkarte getilgt wurde.

[b]ZEIT ONLINE:[/b] Mitte November 1991 hat Boris Jelzin bei den Verhandlungen mit Gorbatschow noch gesagt: "Ich habe den Willen, die Union zu erhalten." Drei Wochen später hat er die UdSSR aufgelöst. Warum?

[b]Gennadij Burbulis:[/b] Das ist nicht wahr, dass Jelzin die UdSSR aufgelöst hat. Wir waren daran interessiert, einen neuen Unionsvertrag aufzusetzen. Bei unserer Reise nach Weißrussland in den Urwald von Belowesch war es das wichtigste Ziel von Boris Jelzin, die ukrainische Delegation und ihren Präsidenten Leonid Krawtschuk davon zu überzeugen, zu einer erneuerten Union zurückzukehren. Tag und Nacht haben wir diese Perspektive diskutiert. Der hartnäckigste und konsequenteste war dabei ausgerechnet Jelzin.
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Mit dem Zug unter Volldampf über die DDR-Grenze

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Vor 50 Jahren kappte die DDR die Zugverbindung Berlin-Hamburg. Einen Tag davor war 25 Menschen in einem Zug die Flucht über die Grenze gelungen.


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Eine Lok aus der Baureihe 78 – ähnlich wie diese – durchbrach am 5. Dezember 1961 die Absperrung an der Grenze der DDR zum Westen.

Ein Ausflug zur Tante – so hatten es die Eltern dem kleinen Manfred und seinen drei Brüdern gesagt. Seltsam nur, dass die Familie abends aufbrach und er seinen Ranzen mitnehmen sollte. Der war nicht mit Schulfibel und Schreibtafel, sondern frischer Wäsche gefüllt, doch das wusste er nicht.
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Für Volk und Nation

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Der Rechtsterrorismus ist keine Folge der Wiedervereinigung. Er begleitet die Bundesrepublik seit den fünfziger Jahren.[/b]

Rechter Terror? Das hat es doch früher in der Bundesrepublik nicht gegeben! Die Chroniken, die jetzt in den Zeitungen erscheinen, gehen meist nur bis in die frühen neunziger Jahre zurück. Als wäre der Rechtsterrorismus ein Produkt der Wiedervereinigung oder allein ein Restgift, eine Altlast der implodierten DDR. Tatsächlich hat es in der Bundesrepublik schon lange zuvor rechten Terror gegeben. Besonders in den siebziger Jahren stieg die Zahl der Gewalttaten rasant an, eine Entwicklung, die 1980 in eine in der Bundesrepublik bis dahin unbekannte Häufung terroristischer Taten aus dem neonazistischen Spektrum mündete.

Die Verblüffung ist groß.
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40.000 Jahre altes Mammut entdeckt

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Im sibirischen Dauerfrost haben russische Forscher ein gut erhaltenes Mammut gefunden. Bei dem Jungtier sind Muskeln und Teile der Organe erhalten.[/b]

Ein etwa 40.000 Jahre altes, gut erhaltenes Mammut haben Jäger im Norden Sibiriens entdeckt. Nicht nur Haut und Knochen, sondern sogar Muskeln und einige innere Organe habe der Permafrost konserviert, teilte die Russische Akademie der Wissenschaften jetzt mit.

Die Überreste fanden sich bereits im August in einer Höhle an der Küste des Nordpolarmeers nahe dem Fischerdorf Jukagir in der Teilrepublik Jakutien knapp 5.000 Kilometer nordöstlich von Moskau. Zu Ehren des Fundorts wurde das Mammut "Jukka" getauft. In Sibirien kam es in den vergangenen Jahren immer wieder wegen des schmelzenden Permafrosts zu Mammut-Funden.
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Können Tiere Mitleid empfinden?

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[b]Nachdem im Oktober an dieser Stelle geklärt wurde, dass es Freundschaft zwischen Tieren geben kann, fragten gleich mehrere Leser nach, ob denn der Mensch beim Mitleid noch eine Monopolstellung habe. Oder können auch Tiere sich in die Pein ihrer Mitgeschöpfe einfühlen?[/b]

Mitleid oder Empathie ist die Fähigkeit, zu erkennen, dass ein anderes Wesen leidet, und dieses Gefühl zu »spiegeln«. Es ist die Grundlage für die menschliche Moral – Serienkillern und anderen Psychopathen fehlt meist jegliches Empathievermögen. Schon seit mehreren Jahren weiß man, dass Primaten Emotionen ihrer Artgenossen deuten können. Schimpansen leiden mit, wenn sie im Fernsehen Bilder von gequälten Schimpansen sehen. Rhesusaffen, denen man eine Belohnung anbot, wenn sie anderen Rhesusaffen Elektroschocks versetzten, lehnten die Nahrung ab (was bei Menschen keine Selbstverständlichkeit ist).

In der vergangenen Woche berichteten nun Forscher von der University of Chicago in Science von Hinweisen, dass auch Ratten Empathie empfinden: Im Experiment befreiten die Nager eingesperrte Artgenossen, die sichtbar litten, aus einem Gefängnis. Das Leiden des Mitgeschöpfs war also nicht nur »ansteckend«, es führte sogar zu einer altruistischen Handlung, aus der die Ratten keinen unmittelbaren Nutzen zogen. Und sogar wenn ihnen als Alternative Schokolade angeboten wurde, ließen sie zunächst die andere Ratte frei und teilten danach mit ihr die Süßigkeit: ihr Mitgefühl war noch stärker als die Naschsucht.
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Enthüllung aus dem Archiv: Warum Thomas Mann den Nobelpreis wirklich bekam

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"Der Zauberberg"? Viel zu modern! Als die Schwedische Akademie 1929 den Nobelpreis für Literatur an Thomas Mann verlieh, leistete sie sich aus heutiger Sicht eine echte Peinlichkeit. Ein Blick in alte Sitzungsprotokolle der Nobel-Jury offenbart Abgründe.[/b]

Am kommenden Samstag wird in Stockholm der diesjährige Nobelpreis für Literatur an den schwedischen Lyriker Tomas Tranströmer verliehen. Grund genug, einmal in alten Sitzungsprotokollen der Schwedischen Akademie nachzublättern, um nachzuvollziehen, wie frühere Entscheidungen des Komitees zustande kamen. Aus dem Blick in die Akten geht nicht nur hervor, wie knapp und umstritten manche Abstimmung verlief, sondern auch, dass bisweilen der richtige Autor für das falsche Buch ausgezeichnet wurde. So erging es Thomas Mann, der 1929 im zweiten Anlauf den Literaturnobelpreis erhalten hatte - nicht jedoch für sein damals aktuelles und im Rückblick bedeutenderes Werk "Der Zauberberg", sondern für sein dreißig Jahre zurückliegendes Debüt "Buddenbrooks".

Dass Thomas Manns Roman "Der Zauberberg" bei seinem Erscheinen in den zwanziger Jahren manche Leute die Nase rümpfen ließ und dem Verfasser bei seiner Nobel-Kandidatur kaum Pluspunkte einbrachte, mag sich für heutige Leser wie ein Lügenmärchen anhören. Aber so und nicht anders war die Situation, als Mann für den prestigeträchtigsten aller Literaturpreise vorgeschlagen wurde.
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Was vom Kriege übrig blieb: Weltkriegsmunition im Meer

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Bomben und Minen, Granaten und Torpedos: Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Nord- und Ostsee als billige Endlager für Munition genutzt. Bis heute sind Mensch und Umwelt gefährdet.


Mehr als 65 Jahre nach Kriegsende lagern noch immer gewaltige Mengen Bomben und Munition in Nord- und Ostsee: Noch nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Meere als billige Endlager für Munition genutzt. Allein in deutschen Hoheitsgewässern werden mindestens 1,6 Millionen Tonnen konventionelle und weitere 5000 Tonnen chemische Kampfmittel vermutet. Das ergab die Bestandsaufnahme der Arbeitsgruppe von Behörden aus Bund und Ländern "Munitionsaltlasten im Meer", die am Montag in Hamburg vorgestellt wurde.

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Explosive Reste: Eine US-Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg wird vor Rügen gesprengt. Immer noch lagern gewaltige Mengen an Munition in Nord- und Ostsee. (© dpa)

Diese Schätzung sei aber aufgrund der unklaren Datenlage besonders für die Ostsee wenig belastbar, heißt es in dem rund 1100 Seiten starken Bericht. Eine großräumige und akute Gefahr gehe von den Kampfmitteln nicht aus, wohl aber eine latente und kleinräumige. "Diese Stoffe gehören nicht in unsere Meere", sagte Jens Sternheim vom schleswig-holsteinischen Innenministerium.
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Buchhaltung von Hitlers schwarzer Kasse entdeckt

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Das amerikanische Auktionshaus Alexander versteigert zahlreiche NS-Devotionalien. Darunter ein geheimes Kassenbuch und Liebesbriefe an Joseph Goebbels.[/b]

Bedingungslose Treue kann sich lohnen. Gleich eine Viertelmillion Reichsmark bekam Fritz Sauckel zum 50. Geburtstag im Oktober 1944 von seinem "Führer" geschenkt, natürlich steuerfrei. Adolf Hitler war offensichtlich zufrieden mit den Erfolgen seines "Generalbevollmächtigten für den Arbeitseinsatz". Mehr als fünf Millionen Fremd- und Zwangsarbeiter hatte Sauckel ins Dritte Reich verschleppen lassen, die in der Rüstungsindustrie schuften mussten.

Diese und viele hundert weitere diskrete Zahlungen im Auftrag des Diktators sind in einem Kassenbuch dokumentiert, das am 8. Dezember beim Auktionshaus Alexander in Stamford (US-Bundesstaat Connecticut) unter den Hammer kommen soll. Unter anderen lassen sich daran detailliert die exorbitanten Zahlungen ablesen, die Hitler zugunsten seines Leibmediziners, des Prominentenarztes und Kurpfuschers Theodor Morell anwies.
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Bauernopfer, Soldatensterben

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Der britische Historiker Orlando Figes erzählt vom entsetzlichen Vorläufer der Weltkriege: Dem Krimkrieg von 1853 bis 1856.


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Angriff auf Balaklava auf der Krim am 25. Oktober 1854, hier in einem historischen Stich von J J Crewe

Von allen Bildern der Gräuel des Krieges, die der Welt je geboten wurden«, berichtete ein Korrespondent der Times am 27. September 1855, »lieferte das Krankenhaus von Sewastopol die herzzerreißendsten und abscheulichsten. Nachdem ich durch eine dieser Türen getreten war, bot sich mir ein Anblick, den wenige Menschen, Gott sei Dank, haben ertragen müssen: die verfaulten und verwesenden Leichen der Soldaten, die man unter extremen Qualen hatte sterben lassen, unbehütet, unversorgt, so dicht aneinandergedrängt, wie man sie hatte verstauen können.«

Niemals zuvor waren in einem europäischen Krieg so viele Menschen in so kurzer Zeit getötet worden, und niemals zuvor hatten Waffen solch verheerende Zerstörungen verursacht.
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Das Todesspiel der deutschen Militärauswahl

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1942 treten Ukrainer gegen deutsche Besatzer an: ein Duell, das wohl vier Fußballer mit dem Leben bezahlen und das bis heute in der Ukraine präsent ist.[/b]

Das Spiel seines Lebens hat Fritz Walter nicht 1954 in Bern gemacht. Sondern neun Jahre zuvor, der Krieg war gerade zu Ende gegangen, und Walter wartete in einem Gefangenenlager der Roten Armee im rumänischen Mármos-Sziget auf seine Deportation nach Sibirien. Beim gemeinsamen Kick mit den Wachleuten wurden diese auf ihn aufmerksam und erzählten dem fußballbegeisterten Lagerkommandanten, wen sie da gerade entdeckt hatten. Ein paar Wochen später war Fritz Walter daheim in Kaiserslautern.
Das ist eine anrührende Geschichte, und sie steht für das Bild, das sich die Deutschen von ihrem Lieblingsspiel in den Jahren des Terrors lange Zeit gemacht haben.
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Genial? Schwul? Nazi?

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Zu seinem 300. Geburtstag bewegt Friedrich der Große die Gemüter. Nicht nur in Deutschland: In diesem Gespräch streiten der Historiker Christopher Clark aus Cambridge und sein polnischer Kollege Adam Krzemiński über den Preußenkönig.[/b]

DIE ZEIT: Herr Clark, Herr Krzemiński, der 300. Geburtstag Friedrichs des Großen ist zwar erst am 24. Januar, aber schon jetzt gibt es hierzulande Ausstellungen und Artikelserien zum Thema, und es wachsen die Biografienberge. Welche Assoziationen wecken Preußen und Friedrich der Große denn in Ihren Ländern – in England, in Polen?

Christopher Clark: Ich habe, um mich auf dieses Gespräch vorzubereiten, online in den Protokollen der aktuellen britischen Parlamentsdebatten nach den Wörtern Prussia und Prussianism gesucht. Das gab erstaunlich viele Treffer. In politischen Reden kommt Preußen immer wieder vor, je nach Standpunkt auf unterschiedliche Weise. Für die Linken ist Prussianism ein Schimpfwort. Dann heißt es etwa: »Der Minister ist etwas preußisch vorgegangen.« Er hat also eine Sache einfach oktroyiert. Wenn sich die Tories auf Preußen beziehen, dann eher auf einzelne Episoden der preußischen Geschichte, die sie als eine europäische betrachten und der sie sich durchaus nahe fühlen. Frederick the Great ist für sie eine positive Gestalt. Auch erinnern sie sich gern an die Zeit, in der Preußen und England gemeinsam gegen Napoleon kämpften.

Adam Krzemiński: Entscheidend ist, aus welcher historisch bedingten Rolle heraus man Preußen betrachtet. Im Falle Großbritanniens blickt eine imperiale Großmacht auf eine andere. Ein Pole muss sich entscheiden: Will er sich als Opfer des preußischen Aufstiegs begreifen? Oder will er die Rolle des Siegers einnehmen? Schließlich ist Polen wieder da, Preußen hingegen Geschichte. Aus dieser preußisch-polnischen Verzahnung kann sich allerdings auch eine verlockende Erbschaft ergeben: Die Hälfte des heutigen Polens gehörte bis 1918 zu Preußen. Deswegen habe ich vor einigen Jahren mit dem Titel Preußen, das sind wir – als Erben und Nachfolger – provoziert. Die Nationalkonservativen trumpfen natürlich lieber mit der Opfer-und-Sieger-Geschichte auf und feiern zum Beispiel die große Schlacht von Grunwald 1410, die Schlacht von Tannenberg, wie die Deutschen sie nennen. Damals hat das polnisch-litauische Heer den Deutschen Orden geschlagen. Das soll noch 600 Jahre danach das nationale Selbstwertgefühl heben...


DIE ZEIT: Gibt es in Polen nicht auch ein positives Preußenbild?
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(C) Daniel Oswald